Das Buch, das mich an ein anderes Buch erinnert

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Es klingt herüber wie aus einer versunkenen Welt: „Der Friede im Osten“ von Erik Neutsch, vier Teile, erschienen in den 80ern vorigen Jahrhunderts im Mitteldeutschen Verlag Halle. Ein Vierteiler mit dem Anspruch bewegte geschichtliche Epochen in Romanform zu gießen, auf dass die Leser das darin entworfene progressiv-sozialistische Welt- und Menschenbild zu ihrem eigenen machen. Solch eine epochale Tetralogie, nämlich “Die Kinder des Sisyfos“ von Erasmus Schöfer, habe ich erst kürzlich gelesen und besprochen: www.freitag.de/community/blogs/kitty53/epochenwerk-im-ramsch Weitere Parallelen: Beide Autoren sind erstens vom Jahrgang 1931, also Zeugen der Jahrhundertmitte bis zu seinem Ende, und zweitens als Literaten von der Vision einer sozialistischen Gesellschaft beseelt. So erinnerte mich also die Schöfer-Lektüre an das Werk im Regalabschnitt „DDR-Literatur“, das ich einmal vor rund einem Viertel Jahrhundert gelesen und seither fast vergessen hatte. Ich zog mir die vier Neutsch-Bände nochmals ´rein, im Jahre 2010, mit der Erfahrung nach dem wenig rühmlichen Ableben der daselbst so zukunftsgewiss gefeierten DDR und mit der melancholisch gefärbten Schöferschen Reflexionsfläche.

Sowohl bei Neutsch als auch bei Schöfer steht ein Männer-Freundespaar im Zentrum der Handlung, das sich innerhalb zweier Jahrzehnte einander entfremdet. Achim Steinhauer und Frank Lutter bei Neutsch wie auch Viktor Bliss und Armin Kolenda bei Schöfer üben (zeitweilig) den Journalisten-Beruf aus. Bei dem west- wie bei dem ostdeutschen Romancier ist die Sphäre der materiellen Produktion ausgiebig in das Geschehen eingeblendet – als die Lebenswelt der Arbeiter und als (nach Marx) Ausgangsort geschichtsbildender Kräfte. Die beiden ausgesprochen maskulinen Autoren (sie beschreiben opulent das sexuelle Erleben aus Männersicht und -phantasie) befassen sich eindringlich mit der Problematik der Geschlechter-Gleichberechtigung. Die Protagonisten, Achim Steinhauer bei Neutsch und Viktor Bliss bei Schöfer, versuchen aus Überzeugung in ihrer Liebe und Ehe die weibliche Emanzipation zu fördern. Steinhauer in der DDR gelingt es (während Lutter es schuldhaft verpeilt), und Bliss in der BRD scheitert tragisch. In beiden Werken rückt das Leid der Frau (Ulrike Jaro bzw. Salli Biechele) mit einer erzwungen abgebrochenen Schwangerschaft über weite Strecken in den Handlungsmittelpunkt.

Voneinander unabhängig bearbeiten die beiden Dichter insgesamt vier Jahrzehnte sozialistischer Bewegung in Deutschland, beginnend 1945. Ihre zeitliche Schnittstelle ist das Jahr 1968, die räumliche Bruchlinie zwischen ihnen zeichnet die Staatsgrenze DDR – BRD.

Erik Neutschs Thema in „Der Friede im Osten“ sind die Kämpfe um die Verwirklichung der sozialistischen Ideale in der DDR. Pathetisch stimmt Neutsch den Lobgesang eines vermeintlich unumkehrbaren historischen Epochenwechsels an, dessen Beginn auf deutschen Boden er im Mai 1945 erkennt. „Am Fluss“ (erschienen 1974) erzählt von diesem Anfang inmitten der Nachkriegswirren der sowjetischen Besatzungszone. Achim Steinhauer und dessen Freund Frank Lutter, ehemalige Hitlerjungen, ringen als Jugendliche hart um ihre weltanschauliche Position und finden sie im kommunistischen Ideengut. Das zweite Buch, betitelt mit „Frühling mit Gewalt“ (erschienen 1978), zeigt die Protagonisten als Lernende und Studierende während der konfliktreichen Jahre 1951 bis 1954. Achim Steinhauer als künftiger Biologe und Frank Lutter als angehender Journalist, beide zur geistigen Elite des jungen Staates aufstrebend, sind in Widersprüche zwischen kritischem Denken und Parteiräson hinein geworfen. Sie wählen jeder für sich eine andere Präferenz, Steinhauer die des streitbar Nachdenkenden und Lutter die des bedingungslos die Führungsrolle Beanspruchenden. Der dritte Teil markiert mit Handlungsbeginn und -ende zwei der strittigsten Meilensteine der DDR-Entwicklung: Die Helden in „Wenn Feuer verlöschen“ (erschienen 1985) agieren zwischen Juni 1953 und August 1961. Natürlich suchen Lutter und Steinhauer inmitten der Klassenkämpfe auch ihr persönliches Glück, müssen Enttäuschungen und Verluste akzeptieren. Zwischen Mauerbau 1961 und Einmarsch in die ČSSR 1968 entwickelt sich die Handlung im vierten Teil, überschrieben mit „Nahe der Grenze“. Achim Steinhauers freundschaftliche Bindung an Frank Lutter ist durch dessen moralisches Versagen in privaten Beziehungen gestört. Die brisante Lage vor und nach dem Einmarsch der NVA-Truppen in das sozialistische Bruderland bildet den Rahmen. Hier endet der Erzählstrang (vorläufig), von Neutsch wahrscheinlich noch im Erscheinungsjahr 1987 unerkannt als brennende Lunte...

Aus den Ereignissen in Westeuropa um 1968 empfing Erasmus Schöfers das Initial, die gesellschaftlichen Folge-Entwicklungen für die Alt-BRD in den nächsten zwei Dekaden bis ins „Wende“-Jahr 1989 literarisch zu bearbeiten: „Die Kinder des Sisyfos“ stehen in der Nachfolge ihres mytologischen Vaters, so die Intention des Titels. Selbstverpflichtung oder schicksalhafte Tragik? Moralischer Auftrag vor der Geschichte oder Sich-Fügen in Vergeblichkeit und Scheitern? Das revolutionär durchgeistigte und durchtobte 68er Milieu, ob aus studentisch-akademischer oder gewerkschaftlicher Sicht, mag dem Autor seine poetische Direktive diktiert haben. „Ein Frühling irrer Hoffnung“ ist als erstes Buch 2001 erschienen. Die Doppeldeutigkeit des Titels – irr im Sinne von grandios und von täuschend – wird programmatisch. Am Ende, dem vierten Teil, „Winterdämmerung“ muss sich der Held Viktor Bliss, abgekämpft und im wahrsten Sinne des Wortes verbrannt, mit der Lage 1989 arrangieren. Er schafft es mit intellektueller Stärke, charakterlicher Reife und der Zuwendung seiner Freunde. Doch die rote Fahne, einst Banner der Revolution, ist nur noch ein Silvesterscherz.

Bei aller Vergleichbarkeit – die Unterschiede zwischen beiden Vierteilern sind gravierend. Eine konträre mentale Grundhaltung nehmen die beiden Schriftsteller ein. Die (trügerische) Gewissheit der eine und den Zweifel bis nahe der Verzweiflung der andere. Bei Neutsch liest sich das so, wenn z. B. Steinhauer bei einem Besuch bei einer die ČSSR belagernden NVA-Einheit sinniert: „Wieso aber sollte es im zivilen Leben (...) weniger hart (zugehen), wenn es sich um einen Prozess von solch gewaltigen, welthistorischen Dimensionen handelte wie die sozialistische Revolution. Das Aufbegehren, das Sich-nicht-fügen-Wollen. (...) Die Arbeiterklasse aber, würde sie denn ihre Mission erfüllen können, wenn sie sich nicht zu Einheit und Geschlossenheit bekannte, nichts mehr hütete als ihre bewusste Disziplin?“ Wie stets wenn sich Neutsch deutend den gewaltsamen Konfliktereignissen der DDR-Geschichte zuwendet, ob 1953, 1961 oder 1968, bemüht er zur Rechtfertigung die Erfahrungen der tapferen Kommunisten in den revolutionären und antifaschistischen Kämpfen seit 1918. Unzulässig verkürzt und simplifiziert, wie wir heute wissen. In diesem Ton beschreibt Neutsch auch die stets disziplinierende Herrscher-Praxis der Parteiaufträge an zweiflerische Genossen und der Parteiverfahren gegen Unbequeme in der SED. Und dennoch ist „Der Friede im Osten“ für mich mehr als ein überholter Propaganda-Schmarrn. Wer die Geschichte mit zeitlichem Abstand liest, erspäht darin die Bruchstellen, lange bevor die Staatskarre DDR 1989 endgültig vor die Wand fuhr. Da ist die sich vom Pro- zum Antagonisten wandelnde Figur des Frank Lutter, ein aufstiegsbesessener Machtmensch durch und durch. Prügelt seinen Sohn und hintergeht seine Frau ebenso wie seine Geliebte. Oder die Geschichte um Achim Steinhauers Biologie-Studium in den 50er Jahren: Befohlene Sowjetwissenschaft mit dem unbedingten Primat des Umwelteinflusses, politischer Kampf gegen die von US-Biowissenschaftlern entdeckten Grundlagen der genetischen Determination des Menschen. Steinhauers Professor und Mentor, der diese Linie anzweifelt, wird gemaßregelt und geschasst – ein folgenschwerer Rückschlag, die Naturwissenschaft politisch zu vereinnahmen! Doch im Unterschied zu Lutter lernt Steinhauer u. a. daraus, dass die Partei auch irren kann. Er hält das Ideal des suchenden, kreativen Menschen hoch, wird nacheinander Journalist, Naturforscher, Produktionsarbeiter, Fernfahrer und Schriftsteller, lässt Parteistrafen über sich ergehen. Da ist Steinhauers Frau Ulrike, die als Lehrerin qua Parteiräson immer wieder zu politisch motivierten Unaufrichtigkeiten gegenüber Kollegen oder Schülern gedrängt und als Bürgerliche diskriminiert wird, und die sich dagegen wehrt. Und es gibt den NVA-Offizier, der den Dienst aus Gewissensgründen quittiert. Sogar grüne, landschafts- und artenschützerische Kritik wagt und äußert Neutsch durch seinen Haupthelden, den Biologen Achim Steinhauer. Stets im Trouble mit den Genossen und gehindert durch die Ränke des „Klassenfeindes“. Ein Hammer sind die letzten vier Zeilen, vierter Teil, Gedanken von Achim Steinhauer auf seinem Weg zum neuen Arbeitsplatz im Akademie-Institut: „Bald würde er auch wissen, ob seine Theorien gefragt warten (...): Eingriff in die Gene. Vielleicht sogar den Menschen ändern. In jedem Fall die Welt. Ein weites Feld tat sich vor ihm auf.

Und Schöfers Helden? Sie schreiten nicht, sie stolpern. Siehe wwalkie. www.freitag.de/community/blogs/wwalkie/den-berg-hinauf---erasmus-schoefers-winterdaemmerung.

Doch interessant wird es, wenn sich die DDR-Helden Neutschs und die bundesrepublikanischen Linksbewegten Schöfers mit ihren Klassenbrüdern und -schwestern im jeweils anderen Deutschland ins Benehmen setzen. Auffällig selten kommt das vor!

Da begibt es sich, dass Steinhauer und sein arbeiterlicher Genosse Erich Höllsfahrt gegen Ende der 50er nach Duisburg fahren, um dort unter den DGB-Kollegen für die gefährdete Einheit Deutschlands zu werben. Sie treffen auf Desinteresse und auch auf einen kumpelhaften Gewerkschafter, der ihnen halb im Suff die auf Tariflohn begrenzte Reichweite ihres klassenkämpferischen Engagements klar macht. Woraufhin die dergestalt Ernüchterten, Steinhauer und Höllsfahrt, sich gegenseitig bestätigen, dass ihnen künftig vietnamesische kämpfende Genossen weitaus näher stehen als derart vom Monopolkapital korrumpierte Deutsche.

Noch kurioser wird’s, als Frank Lutter und seine Journalistenkollegin Lina Bonk 1968 als Berichterstatter zum bundesdeutschen Ostermarsch delegiert werden. Sie finden eine unbeirrt im Regen demonstrierende, kunterbunte Truppe, in der die kommunistischen, verbotenen Genossen weitgehend unsichtbar bleiben (müssen). Danach steigen sie zusammen in einem Billighotel ab, und Lutter vollführt den außerehelichen Seitensprung mit Lina. Er bekennt ihr, dass ihn der glitzernde Warenzauber mutlos macht, wenn er daheim an die graue Mangelwirtschaft denkt. Und für einen Moment taucht der Gedanke auf, gemeinsam im Westen zu bleiben und so allen privaten Problemen mit Franks Familienbindung zu entkommen.

Und die West-Genossen bei Schöfer? DKP-Mitglied Bliss wird von Berufsverbot aus der Laufbahn geworfen, wobei neben dem Radikalenerlass auch DDR-Kontakte mit SED-Funktionären beitrugen. Doch letzteres ist nur knapp erwähnt. Viel prickelnder schildert der Autor Viktor Bliss` Begegnungen mit seiner heiß verehrten, freigeistigen Genossin Malina. Sie führen u. a. ein Gespräch, in dem sie sich einvernehmlich kritisch zum NVA-Einmarsch in die ČSSR äußern: Ein argumentatives Handicap allenthalben, das ihnen in fast jeder Diskussion um die Ohren fliegt. Und gegen Schluss des Epos, als Bliss seine geistig erstarrten Genossen in der DKP-Spitze kritisiert und abgewiesen wird, da bedenkt er einen dieser Betonköpfe, einen DDR-„Berater“: „Das ältliche Männlein, das da ausgesucht pflegeleicht ständig in der Sonne des Sozialismus saß (...) allzeit bereit die Plakate im Kopf und reimfreien keimfreien Minnegesang in Rot aus der Tube, vergießt üppig opportunen Schmäh über die verbannten Genossen der eigenen Zunft.“ Und geht, wie zuvor auch Malina, fortan ohne DKP-Mitgliedsbuch seiner selbstbestimmten Wege. Das ist schon fast die ganze DDR in der Schöferschen Lebenswelt der 68er Linken - wenn man einmal von der DDR-Schriftstellerin Maxie Wander absieht, deren Werk Lena Bliss auf der Theaterbühne inszeniert.

So scheint es, dass sich die verbandelten Verbündeten im beschworenen antiimperialistischen Kampf mehr mit Misstrauen, Unverständnis und Ignoranz begegneten als mit Solidarität und teilnehmender Symphathie. Ich war nicht immer dabei, aber die Romanschreiber und Zeitzeugen sagen`s glaubhaft! Wer die letzten 60 Jahre deutscher Geschichte besser durchschauen will und vorurteilsfrei-offen zwischen die Zeilen zu gucken versteht, wird sich auf manche der aktuellen Erscheinungen einen Reim machen können: Die Zerstrittenheiten der aus WASG und PDS vereinigten LINKEN, der unüberbrückbare Graben zur SPD oder die Rivalität mit den GRÜNEN zum Beispiel. Aber das sind nun keine Buchfragen mehr. Man lese nur diesen halben Meter Buchreihe bzw. dreieinhalbtausend Seiten.

23:38 24.11.2010
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Geschrieben von

kitty53

mag literatur, frische luft und katzen
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