Epochenwerk im Ramsch?

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Epochenwerk im Ramsch?

Die qualifizierte Rezension von wwalkiewww.freitag.de/community/blogs/wwalkie/den-berg-hinauf---erasmus-schoefers-winterdaemmerung, die mir die Suchmaschine kürzlich lieferte, ist eine der wenigen auffindbaren zu diesem opus magnum, und sie hat mich veranlasst nun doch, trotz anders gefassten Vorsatzes, aktiv schreibend in die Blogosphäre einzutauchen. Also die Kommunität kritischer Literaturliebhaber jenseits leitmedialer Meinungsmacht aufzusuchen in der Absicht, hier eine Art Gegen- oder zumindest Parallelöffentlichkeit mit zu gestalten. Denn auch in meinem Verständnis ist es in mehrfacher Hinsicht fatal, das Buch „Winterdämmerung“ breiteren Leserkreisen vorzuenthalten – einfach so, durch Beschweigen statt Besprechen oder Entwerten im Ramsch. Und mit ihm die drei vorangehenden Bände der Tetralogie „Die Kinder des Sisyfos“. Verschlungen habe ich diese Bücher nicht allein in speziellen Abschnitten (z. B. die über den Peter-Weiss-Kreis) wie wwalkie, sondern nahezu komplett in mehrwöchiger Lese-Besessenheit. Gierig darauf, ein Vierteljahrhundert deutscher Wirklichkeit zu besichtigen, dessen Zeitgenossin ich war, aber per DDR-Staatsgrenze gehindert, auch Weggenossin der Aktiven zu werden.

Die Helden des Vierteilers, der Geschichtslehrer Viktor Bliss und seine Frau Lena, die im Theater aufgeht, der Journalist Armin Kolenda und der Gewerkschafter Manfred Anklam, alle links engagiert, sie lieben, streben, irren und hoffen auf leidenschaftliche Weise. Wie der Autor Dokumentarisches, Lyrisches, Satirisches und Autobiografisches miteinander verknüpft, wie er die Zeitebenen und die Sichten der Handelnden ineinanderflicht, wie er Dialoge, Atmosphärisches und prall Sinnliches zu einem geschichtlichen Panorama komponiert, das habe ich in dieser Fülle, Dichte und epischen Breite bisher noch nicht gelesen. Beispielhaft auch, wie Schöfer die Literatur in der Literatur erschließt: Bedeutende Schriftsteller (Janis Ritsos, Georg Büchner, Peter Weiss, Maxie Wander, Bertolt Brecht u. v. a.) sprechen als Stichwort- bzw. Zitatgeber mit oder treten als Redende, Schreibende, Handelnde auf. Die Romangestalten interagieren mit realen Personen der Zeitgeschichte an wirklichen historischen Brennpunkten.

Aus meiner Neu-/Altgier-Perspektive sind mir natürlich auch wwalkies zweifelnde kritische Anmerkungen und „Unerträglichkeiten“ interessant. Ich habe in der breit angelegten Kämpfer-Saga die Gründung der Partei Die Grünen vermisst, deren Vorgeschichte ja gleichfalls in der 68er Bewegung beginnt, die später nach inneren Auseinandersetzungen sich spaltete und gezähmt verbürgerlichte, die aber bis heute nachhaltig das Themenfeld Umweltschutz besetzt und für sich politisch ideologisch zu nutzen versteht. Dieses Weglassen lässt m. E. in der Erzählung eine Lücke offen, zumal die Kämpfe um die Unversehrtheit der Lebensräume in der Tetralogie eine wichtige Rolle spielen: Die anrührende Liebesgeschichte zwischen Armin Kolenda und der Wyhler Bauerntochter Salli entwickelt sich auf der Basis gemeinsamer kreativer Aktionen gegen das geplante AKW, und später, als das tragisch getrennte Paar für wenige Stunden erneut zusammen kommt, ist es wieder im Kampf um den Erhalt heimatlicher Wälder, diesmal gegen den Bau der Frankfurter Startbahn West. Salli ist inzwischen diplomierte Landwirtin und praktizierende Ökobäuerin. In „Winterdämmerung“ schließlich wird, wie wwalkie bemerkt, der ökologische Turn hegemonial. Die Gewerkschafts- und die Arbeiterbewegung jedoch haben ihn weitgehend verpasst. Anklam ficht bis zuletzt für den Erhalt der antihumanen Arbeitsplätze in der Rheinhausener Hütte, und in einer späteren Szene, als er seinem entsetzten Freund Bliss erklärt, nunmehr in die SPD eingetreten zu sein, da sagt er verächtlich: „Willstu das ich bei den Körnerfressern unterkrieche?“ Und der schmerz- und verlusterfahrene, hoch gebildete ehemalige DKP-Genosse Viktor Bliss bekennt spät, am Silvesterabend 1989: „Diese ungeheure Kraftentfaltung der Technik, durch die rücksichtslose Ausbeutung und Zerstörung der Natur ermöglicht, (...) tritt uns als zerstörerische Naturkraft gegenüber, die zu beherrschen wir (...) uns nicht bemüht haben.“

Die von großen marxistisch inspirierten Visionen befeuerten Heldinnen und Helden der Sisyfos-Tetralogie stolpern (OT wwalkie), jawohl, sie stolpern von Etappensiegen zu Niederlagen, von persönlichem Glückshöhenflug in existenzielle Verzweiflung. Sie schreiten nicht siegesgewiss und missionsdurchdrungen voran selbst in Bedrängnis und Verrat, so wie`s die Protagonisten in den Werken des sozialistischen Realismus tun. Genau deshalb, wegen des Stolperns und der sisyfosgleichen Mühsal in steter Anfechtung von Vergeblichkeit, halte auch ich dieses Werk von Erasmus Schöfer für ein großes Buch. Die Revolutionshoffnungen sind gescheitert, die Utopie einer besseren Gesellschaft jenseits des Kapitalismus ging verloren, und statt dessen erweist sich die Geschichte als offenes Projekt – offen nach dem Abgrund hin ebenso wie ins Menschenfreundlichere. Wie muss eine progressive Literatur beschaffen sein, die sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts dieser ernüchternden Realität stellt? Schöfer geht auf die Essenz des Menschlichen zurück, die er in der Arbeit und in der Liebe erblickt. Die Bücher der Sisyfos-Tetralogie zeigen eine Möglichkeit der Welt-Erklärung im Offenen, wenn alle Mythen und Heilslehren nur noch Kulturhistorie sind. So bildet dieses Romanwerk m. E. nicht allein eine der richtunggebenden historischen Epochen im Deutschland des vorigen Jahrhunderts in gültiger Weise ab, sondern es markiert literaturhistorisch eine neue Qualität. Als Beleg dafür führe ich an, dass der Gründer des Werkkreises „Literatur der Arbeitswelt“ im Unterschied zu anderen Gegenwartsautoren konsequent die Sphäre der Produktion materieller Güter einbezieht. Nachdrücklich bestehter darauf, dem Leser die Welt hinter den Werktoren zu entdecken samt den Bedingungen, unter denen die dort tätigen Menschen ihr Leben zubringen. Hier verbirgt sich eine von außerhalb des Betriebsgeländes nicht einsehbare, geschichtsbildungsmächtige soziale Wirklichkeit. Die Arbeiter der Glashütte Süßmuth in Immenhausen („Zwielicht“) übernehmen das Pleiteobjekt vom Besitzer, führen es risikoreich in Eigenregie, und sie sind inmitten von Staub, Hitze, Unfallgefahr, Knochen- und Lungenbelastung ebenso hautnah zu erleben wie die Stahlarbeiter von Rheinhausen („Winterdämmerung“): Hier ist zu lesen, wie flüssiger Stahl zu Brammen und abstrakte ingenieurwissenschaftliche Hochtechnologie in dichterische Form gerinnt. Damit der Hochofen das Grundsubstrat bundesdeutschen Wohlstands produzieren kann, „füttern ihn (die Stahlarbeiter) mit ihren Leben.“

Einen zweiten Beleg für beispielhaft neue literarische Qualität sehe ich in der Weise, wie Schöfer Nähe herstellt. Wo die Vision vom Ziel der Geschichte verloren ging, bietet er Orientierungshilfe aus der Innenansicht der Akteure. Er zeigt die unterste Ebene der geschichtsbildenden Kräfte, die der politisch handelnden Individuen. Wie Viktor und Lena Bliss ihren Alltag, ihre Ehe mit Katze, ihre Beziehungen zu Freunden/Kollegen/Genossen leben („Ein Frühling irrer Hoffnung“) oder ihre Trennung hinnehmen müssen („Sonnenflucht“), das hat Schöfer plastisch-bildhaft, sinnlich spürbar, dialogisch redend und sogar typografisch verdichtet. Beweggründe und Beziehungsgeflechte tun sich auf im Hinschauen, -hören und -schmecken, im Mitgehen der Denk-, Sprech- und Fühlbewegungen, der Perspektivenwechsel und Zeitsprünge – so als ließe sich in solcherart Suchanstrengung ein roter Faden der Geschichte wieder auffinden. Wieder und wieder lässt der Dichter den Leser am Liebesleben der Heldinnen und Helden teilhaben und in das Gebiet eintreten, in dem Menschen am intensivsten bei sich selbst und bei einander sind und in dem ihre stärksten Antriebe lagern und lauern. Lauern, ja, denn auch das in „Winterdämmerung“ erzählte entsetzliche Verbrechen ist eine Triebtat. Ein ganzer Abschnitt („Geburtstag leben“) ist dem einfallsreichen erotischen Spiel zwischen Kolenda und seiner Intimfreundin Madeleine gewidmet, und ein weiterer („Mansardenliebe“) zeigt ihn beredt und zart in erfüllter Zweisamkeit mit seiner in geduldiger Fürsorge eroberten Liebsten Lisa Esper. Mit dem leidvollen Vorleben der Lisa, die die Tochter durch Mord und den Geliebten durch Selbsttötung verloren hat, kommt wiederum (wie in „Sonnenflucht“) die Dimension Tod und Schmerz groß ins Blickfeld. Eindringlich gleichfalls das Ausgeliefertsein des schwer brandverletzten Viktor Bliss. In „Apokalypse der Träume“ (Winterdämmerung) rücken ihm die erlkönighaften Gespenster und beängstigenden Traumgesichte interpunktionslos hetzend buchstäblich auf den gequälten Leib. Nach dieser existenziellen Erfahrung ist Bliss für die Ansinnen der uneinsichtig geschichtsmissionsbeflissenen DKP-Genossen nicht mehr verfügbar. Aber auch das einst so beflügelnde körperliche Liebesbegehren ist ihm fortan verschlossen. Als sich die zuvor heiß ersehnte Ex-Genossin Malina ihm, dem Brandgezeichneten, respektvoll zuwendet, weist er ihre Annäherung sanft zurück.

So dicht als irgend möglich an die Menschenexistenz heran gehen scheint Schöfers Prinzip. Die Aufforderung zum Querdenken in die eigenen (des Lesers) Lebenszusammenhänge schreibt er quasi zwischen alle Zeilen. Wer dieses Romanwerk zu lesen versteht, dem wird fortan nicht mehr bange sein um die Zukunft des Literaturgenres im IT-Zeitalter. Die Tetralogie „Die Kinder des Sisyfos“ gehört dringend in die öffentlichen Literaturforen!

16:42 30.08.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

kitty53

mag literatur, frische luft und katzen
Schreiber 0 Leser 0
Avatar

Kommentare 2