Polen wieder-holen

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Lange nicht mehr geblogt.

Jetzt spinne ich einen Gedankenfaden weiter aus dem bebilderten WOLNE POKOJE von Gustlik www.freitag.de/community/blogs/gustlik/wolne-pokoje-sieben und dem Gelesenen über die Neuauflage des Historikerstreits, u. a. in der letzten freitag-Printausgabe www.freitag.de/kultur/1129-terror-und-nachspiel und der überaus anregenden Fotoreportage von Gustlik Eine Reise nach Polen im verregneten Juli 2011, Wiedersehen einer DDR-Jugendtourist-Reisenden von 1981 nach 30 Jahren. Ab 1990 fast ausschließlich das bis dahin versperrt gewesene Ausland bereist. Und nun also wiederum Zakopane, Krakow, Wieliczka. Und die Gedenkstätte nahe Oswiecim "Auschwitz".

In Zakopane rollt der Zloty. Unüberseh-, hör- und fühlbar boomt die Touristikwirtschaft ebenso wie in Fremdenverkehrs- und Wintersportzentren anderer EU-Standorte, ob Garmisch, Palma de Mallorca oderSaint-Tropez. Nichts für Muße- und Sinnsucher – es sei denn sie flüchten zu Fuß in die einsame Höhe der Zweieinhalbtausender – aber für Konsumenten aller Länder immer! Ein Eindruck von wirtschaftlicher Prosperität ist zu gewinnen, die Einwohner, so auch unsere Pensionswirtsfamilie, haben gutes Auskommen. Anders im Landesinnern, erkennbar während der strapaziösen Autotouren über die Landstraßen.

Und die Altstadt von Krakau, Lob den meisterlichen Erbauern und all den Restauratoren und Künstlern, die diese Schönheit bis ins 21. Jh. erhalten haben – lebendig und authentisch. Mit Lech Kaczynski in der Gruft im Wawel, wo der gewählte Präsident neben den altpolnischen Magnaten, Kirchenpotentaten und Monarchen bestattet liegt. Mir steht nicht zu diese polnische Sache zu bekritteln, sondern geziemt es die königlichen Schätze des prachtvollen Wawel zu bewundern. Damals kam ich nicht rein, weil die in Valuta zahlenden Gäste Vortritt hatten und die Warteschlange lang war. Jetzt berappe ich einen stolzen Eintrittspreis und lass mich vom feudalen Reichtum und bürgerlicher Kunstfertigkeit betören. Der Altstädtische Markt vor den Tuchhallen mit Straßenmusik und -theater, Kunst- und Kitschhandwerk, Kirche und Kommerz, Fressbuden und Edelgastronomie, Exklusiv- und Gewöhnlichboutiquen usw. Mögen die Tourismusmanager und Stadtmarketing-Experten Gewinn daraus ziehen und die Beschäftigten Lohn&Brot.

Unverzichtbar: Von Krakau aus die zweite große Attraktion ansteuern – das Salzbergwerk Wieliczka ist gleichfalls auf der Unesco-Liste des Weltkulturerbes aufgeführt. Gedränge und langes Warten an der schlecht besetzten Kasse, dann Einfahrt in die Tiefe mit den hunderten Bildwerken aus Salz. Viel katholische Frömmigkeit, eine reich mit biblischen Bildreliefs geschmückte unterirdische Kathedrale und viel Nationalstolz ist da in Salz gemeißelt. Sogar Nikolaus Kopernikus, der papstwidrige Weltbildzertrümmerer, aber Pole. Ich vermisse den Saal mit den vollplastischen Bildwerken vom 1690er Aufstand der Bergleute, einer Hungerrevolte, die blutig niedergeschlagen wurde. Frage danach und erfahre, es seien nur Teile der Gesamtanlage jeweils zugänglich. 1980 stand noch diese berührende lebensgroße Figurengruppe von Aufständischen im Mittelpunkt des Rundganges. Jetzt stehen die regierungsoffiziell ungefälligen salzenen Revolutionäre wahrscheinlich in tiefer menschverlassener Finsternis. Raus aus dem Schacht mit Schleuse durch den Shop: Souvenirs, Souvenirs, dazu Eis, Snacks&Drinks. Kurz: Im Ostnachbarland sieht eine Auf- und Abgeklärte nicht allzu viel Neues, nur bunter und viel, viel lauter und vor allem teurer als vorzeiten im s. g. Sozialismus. Und so häufig wie anno dazumal Spruchbänder mit Marx und Lenin, stehn jetzt Denktafeln und -mäler von Jan Pawel (Karol Wojtyla) in Stadt- und Landschaft – ob auf dem Kasprowy Wierch, am Morskie Oko und erst recht in Krakow.

Und in Auschwitz.

Auschwitz-Birkenau ist wahrscheinlich noch immer der düsterste Ort der Erde.

Wider Erwarten ist er von Menschen dicht umlagert, die in Bussen und Autos oder im Zug kommen, um den Gedenkort zu besuchen. Direkt und übergangslos stößt der Parkplatz an den Eingang zum ehemaligen Stammlager. Gesäumt von kommerziellen Einrichtungen wie Kiosken überLäden bis hin zum Restaurant direkt in einem der Lagergebäude, das dafür umgebaut wurde. Daneben der Besucherempfang, der mit mehrsprachigen Erklärungstafeln auf die Bedeutung des Ortes verweist. Wo viele Leute zusammen kommen, ist gut Geschäfte machen. Doch hier? Warum kein Abstand wahrender Korridor von vielleicht 100 oder auch nur 50 Metern vor dem Lagereingang? Der Eintritt kostet umgerechnet 10 Euro p. P., eigentlich sei er frei, doch sind Kopfhörer und Geländeführung Pflicht, und die haben ihren Preis. Wir zahlen und folgen der kundigen Führerin. Baracken, Kellerverliese, Dokumente in Schaukästen und an Wänden, unsägliche Haufen von Schuhen, Brillen, Koffern, sogar Krücken und Prothesen. Die Wand des Todes mit damals täglich hunderten Erschießungen. Das Modell der industriellen Menschenvernichtung hat ein Künstler in Gips geformt, vom Eintreffen der Transporte von täglich Tausenden über die Rampe mit der Selektion und in den Saal zum Entkleiden bis in die Gaskammern und das Krematorium. Es bleibt ein inneres Erstarren und tiefes Verstörtsein, nicht weniger erschütternd als das der Fünfundzwanzigjährigen dreißig Jahre zuvor. Welch gut durchdachte Prozesskette, welch hoch professionelle Projektkonzeption und -realisierung, welch perfekte Logistik, welch effizientes Personalmanagement! Das ist das Singuläre, diese Verquicktheit mit den Ausflüssen des europäischen Rationalismus. Auch nach nicht minder grausamen, asiatischen Taten wie in den sibirischen Gulags, später in Kambodia oder afrikanischem Mordgeschehen wie in Ruanda. Ob Ernst Nolte je hier in Auschwitz war? Oder Egon Flaig? In einem Verlies starb ein katholischer Geistlicher, der sein Leben für das eines Lagergenossen gegeben hat. Wojtyla war hier und hat ihn heilig gesprochen, verkündet eine Tafel. Mir fällt ein, dass in den 1980ern doch noch mehr Helden des Lagerwiderstands im Museum benannt waren. Das Regime der korrupten unberechenbaren Kapos haben organisierte politische Häftlinge ausgeschaltet und damit vielen gefährdeten Lagerinsassen das Leben gerettet, lernte ich damals. Stimmt das heute nicht mehr?

Der Bus fährt unsere Besuchergruppe vom Stammlager mit den Museumsräumen zum ehemaligen Lager Auschwitz-Birkenau. Aufstieg zum Wachturm, Blick auf die hunderte aufragenden Kamine, die jeweils zu einer Baracke für 400 Häftlinge gehörten und die von den hölzernen Menschenställen übrig blieben. Einhunderttausend Menschen,soviel wie eine Großstadt Einwohner hat, waren hier zum Ausplündern ihrer biologischen Restenergie konzentriert. Dann Passieren des Tordurchgangs auf den Schienen, die in an der Rampe enden. Wenige Meter weiter die Trümmer der Gaskammer mit Auskleide-Vorraum. Mehr als 70 Prozent derer, die an der Rampe ausstiegen, gingen unmittelbar dort hinein, der verwertbare Rest in die Baracken. Mehrere Millionen Menschen.

Eine letzte Station hatte die Polen-Reise noch; Bilgoraj nahe der ukrainischen Grenze in der Woiwodschaft Lublin, Heimatort unserer polnischen Freunde. Hier entsteht, so zeigte uns Freund Andrzej, ein lebendes Denkmal zum Zeichen der Aussöhnung und Toleranz. Die jüdische Siedlung soll es wieder geben mit vielfältigem kulturellen und geschäftigem Leben darin. Sie wurde in den 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts dem Erdboden gleich gemacht, nachdem sie über Jahrhunderte die Geschichte des Städtchens geprägt hatte. Die einstigen Bewohner gibt es nicht mehr, ihre Nachkommen ungeboren oder weit fort geflohenAber eins der typischen Blockhäuser mit Giebelschmuck für das lebende Denkmal steht bereits.

Erinnern ist das Einzige, das wir tun können. Möglichst mit wachsamem Verstand und ohne ideologische Verblendung!

22:25 21.07.2011
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Geschrieben von

kitty53

mag literatur, frische luft und katzen
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