Worte und Bilder – LTI

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Eine In-formation entsteht, wenn ein Gedanke/eine Idee in Worte (oder andere Codes, aber um die kümmere ich mich jetzt mal nicht) transferiert wird. Vorher ist sie nicht existent. Worte sind substanziell in der menschlichen Kommunikation, sie modulieren und färben eine Aussage nicht bloß, sondern konstituieren sie und bilden daraus Denkmuster. Das haben Sprachwissenschaftler und Soziologen, Philosophen und Hirnphysioliogen, Evolutions- und Lerntheoretiker ebenso breit abgehandelt wie schöngeistige Literaten. Den Anstoß mich hier gleichfalls über die Wörter / die sprachlichen Ausdrücke auszulassen erhielt ich erstens aus den Irritationen im vorigen Blog www.freitag.de/community/blogs/kitty53/der-tote-rote-maler rund um Sieg, Niederlage, Befreiung oder Zusammenbruch – alles Wortmarken, die die historischen Ereignisse in Deutschland im Mai1945 bezeichnen. Zweitens war ich Ende vorigen Monats in einer Ausstellungseröffnung. Es geht es um „Die geraubte Sprache – La Langue confisquée. Viktor Klemperer und die LTI“, eine Sonderausstellungin der KZ-Gedenkstätte Osthofen. Von allen den Abhandlungen über Sprache, die ich gelesen habe, ist mir keine so tief eingegangen wie die „LTI“. Und dazu also Zeichnungen des erst 24jährigen französischen Cartoonisten Edouard Steegmann – ich ließ kollidierende Termine sausen und beeilte mich in der Exposition an dem denkwürdigem Ort zu erscheinen. Was die grafischen Blätter betrifft, war ich überrascht, wie sich der Zeichner so tief in die Lebenswelt der von den Nazis Vergewaltigten eingefühlt hat, einer Welt, die ihm doch zeitlich fern liegt und der doch keinen direkten Zeitzeugen-Vater hat wie Art Spiegelman. Und wie er als Nicht-Deutsch-Muttersprachler den Geist in den Schriften Klemperers erspürt hat. Die reale Gewalt der brutalen Tat zeigt er untrennbar mit der Repression über die Macht der Sprache. Ich will mir den Namen dieses viel versprechenden Künstlers merken. Doch so wohl mir der sensible, kraftvolle Strich von Edouard Steegmann gefiel, so sehr ging mir die Eröffnungsrede von Dieter Schiffmann gegen denselben. Der hatte, kaum dass er mit der pflichtgemäßen Einleitung fertig war, das griffige zeitgeistige Vokabular von der „Zweiten deutschen Diktatur“ (gemeint ist die DDR) hervor- und vom Leder gezogen. Dabei kann ich dem Herrn kein Minderwissen zugute halten, er ist verantwortlich in der Landeszentrale für politische Bildung in RLP, sitzt als SPD-ler im Mainzer Landtag und hat lt. einschlägiger Quellen Geschichte studiert. Wann endlich spricht es sich auch in seinen Kreisen herum, dass ein verbrecherischer Raubkrieg mit über 50 Millionen Toten, ein Genozid mit geplant weit über 11 Millionen und real über 7 Millionen ermordeten Juden, Sinti und Roma eine historische Singularität darstellt? Einzigartig auch in der tödlichen Repression nach dem Inneren der im „Deutschen Reich“ erzwungen „Volksgemeinschaft“? Diese monströsen Verbrechen und vor allem die unzähligen Opfer quasi als vernachlässigbar zu kennzeichnen, wo sich doch diktatorische Strukturen so ähnlich seien („nicht wahr !?“), das ist, sehr vorsichtig ausgedrückt, verantwortungslos. Ein unreflektiert sprachlich vergleichendes In-Eins-Setzen, ein In-einem-Atemzug-Nennen des Nazireichs und der (zweifellos) autoritär strukturierten, mit gravierenden Mängeln an politischen Freiheitsrechten behafteten DDR-Staatlichkeit zu vollführen ist absolut unangemessen. Aber opportun besonders auch zu Jubeljahrestagen wie dem gerade überstandenen. Die Formel von der „zweiten deutschen Diktatur“ ist unzulässig, weil sie eine zuletzt verstaubt öde und verknöcherte, repressive Gerontokratie in einen kontinuierenden Gang hinein zieht mit dem größten Menschheitsverbrechen aller Zeiten. Autokratien ohne zivilgesellschaftliche Herrschaftsregulative von der Sorte der gewesenen DDR gibt es Dutzende in der Welt – mit guten diplomatischen Beziehungen übrigens zur BRD. Eine solche „strukturell“ bemühte Gleichsetzung Naziterror mit SED-Herrschaft beleidigt an eben dieser Stelle (KZ-Gedenkstätte Osthofen) und zu diesem Anlass (Viktor Klemperers LTI) die eigentlich zu Ehrenden. Sie sind tot und können weder widersprechen noch zustimmen. Und deshalb stieß das Schiffmannsche Gelaber mir in der KZ-Gedenkstätte Osthofen besonders widerwärtig auf. Leider war ich nicht in Form und Verfassung sofort laut zu widersprechen, zumal die Veranstalter auch keine Diskussion vorgesehen hatten.

Das KZ Osthofen wurde kurz nach Hitlers Machtergreifung im März 1933 installiert als eines der ersten seiner Art. Hierhin verschwanden vor allem Kommunisten, Tausenden. Aus dem „Roten Mörfelden“ z. B. kam nahezu die gesamte sehr starke und aktive KPD-Mitgliederschaft in dieses KZ. Durchaus nicht heimlich, denn die Inhaftierten sollten mit grausamen Zwangsmaßnahmen gedemütigt und gebrochen, die Bewohner des damaligen Volksstaates Hessen eingeschüchtert werden. In der Weltliteratur hat das Lager übrigens Spuren hinterlassen, es regte seinerzeit Anna Seghers zu ihrem Roman „Das siebte Kreuz“ an. Die Nazi-Potentaten „übten“ in Osthofen noch und testeten, ob sich Unmut ob der massenhaften Inhaftierungen in der Bevölkerung regen würde. Er hielt sich begrenzt, und die Machthaber errichteten weit effizientere, sprich tödlichere Lager und hunderte davon. Ich bin überzeugt, dass ein Teil der damals in Osthofen drangsalierten Kommunisten später sehr wohl beschämt über die autoritären Züge des DDR-Regimes gewesen wäre, wenn sie denn sich darüber geäußert hätten. Sehr entschieden hätten sie alle aber wohl solche Formulierungen wie „zweite deutsche Diktatur“ abgelehnt!

Und nun zu Klemperer: Er hat seine berühmten Tagebücher als Beobachtender und als direkt Betroffener geschrieben. Der Nazi-Sprech, -Schreib, -Send und -Brüll in seiner Umgebung bedrohte ihn nicht allein psychisch, sondern mit zunehmender Einkreisung auch an Leib und Leben. Klemperer überlebte knapp und dank der Standhaftigkeit seiner „arischen“ Ehefrau. Aus solcher Perspektive steht selbst das furchtbare Bombardement der Heimatstadt Dresden im Zusammenhang mit Befreiung. Nur durch das vom Bombenhagel ausgelöste Chaos entging Viktor Klemperer der Deportation – alles notiert in „LTI“ getreu der Verpflichtung: „Ich will Zeugnis ablegen bis zum Letzten“. 1946 trat der bürgerliche Gelehrte Viktor Klemperer in die KPD ein, und 1953 wurde er Abgeordneter der DDR-Volkskammer. Ob er sich gegen Sprach-Verballhornungen der neuen Funktionsträger und zäh fortlebenden Nazi-Sprachgebrauch der umgebenden Sprecherinnen und Sprecher empörte? Ob er als kritischer, publizierender Wissenschaftler neuen Repressalien ausgesetzt war? Ob er Einsprüche erhob gegen beobachtbare Rechtsbrüche der Besatzer und der neuen Staatsmacht? Ob er vor seinem Tod 1960 die Entscheidung für ein ideologisch festgelegtes Staatsgebilde überdacht, vielleicht angezweifelt hat? Wahrscheinlich, und gewiss ließe sich das mit gründlicher Recherche auch aufzeigen. Aber ganz sicher hätte er dem Sinn und Inhalt eines Sprachkonstrukts wie „zweite deutsche Diktatur“ widersprochen –und sehr gute Gründe angeführt!

Ob solche Denkbewegungen nun Leuten wie Schiffmann zu anstrengend sind oder ob er bewusst seiner eigenen politischen Zweckmäßigkeit folgt? Interpretierbar als Kommunistenhass (akuter Konkurrenzdruck von LINKS), Karrierestreben oder einfach nur banaler Opportunismus? Keine Ahnung.

Übrig bleibt die Sensibilisierung für die Deutungsmacht bis hin zur Gewalt, die von Sprache ausgeht und die Viktor Klemperer eindrucksvoll erklärt hat. Heute und hier wird zum Glück niemand mehr „wegen Ausdrücken“ in den Knast gesetzt (Diese Antwort eines Arbeiters auf die Frage nach dem Grund seiner Inhaftierung hat Klemperer dokumentiert, und sie war ihm ein Beweggrund die LTI zu schreiben.) Wohl aber gibt es Menschen, die sich real von häufig verlautenden Wörtern wie Sozialschmarotzer, Humanressourcen, Rentnerschwemme, Langlebigkeitsrisiko, Kopftuchmädchen, Unterschichtler u. a. m. bedroht oder zumindest bedrängt und stigmatisiert fühlen. Und unter gewissen Politikern, Militärs und ihren embedded journalists kommen Wendungen wie Kollateralschäden, robustes Mandat, humanitäre Mission im Zusammenhang mit Krieg in Mode. Was wohl steckt dahinter?

Unsere Sprache passt sich dem Diktat der neoliberalen, globalisierten Vermarktungslogik an, wenn die Sprecherinnen und Schreiber nicht hinhören, nachfragen und aufpassen. Und technokratisches Gerede wie zum Einsatz kommen oder durchführen sind hartnäckig gepflegte Überbleibsel der LTI, nicht bloß unter Ingenieuren.

„Herrschaft beginnt im Reich der Sprache. Wer die Macht hat zu bestimmen, was wie und mit welchen Worten gesagt wird, der hat Macht über die Menschen.“ Dieser Satz ist abgeschrieben bei Volker Bräutigam aus „Die Falschmünzer-Republik“, erschienen 2009 im Kückensheugener Scheunen-Verlag. Hier nimmt ein bekennender Linker und publizistisch-journalistischer Bescheidwisser das Nachrichten-Deutsch in den öffentlich-rechtlichen Sendern auseinander. Ein komplett unopportuner Ansatz, eindeutig quer zur sprachlich und folglich meinungsmachend durchgesetzten Sichtweise, aber gerade deshalb sehr lesenswert.

Leute mit intellektuellem Anspruch sollten, vor allem wenn sie publizieren, besonders auf ihre „Ausdrücke“ achten. Damit ist keineswegs gemeint, alglatte pc-Terms im Munde, in der Feder oder der Taste zu führen.

14:30 06.10.2010
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Geschrieben von

kitty53

mag literatur, frische luft und katzen
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