Meldungen aus Absurdistan oder Auffahren für Saboteure leicht gemacht

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Von meinem Fenster aus kann ich sehen, wie der gegenüberliegende Bürgersteig aufgerissen wird. Es lohnt sich ab und zu aus dem Fenster zu sehen. Ich bin zum Beispiel eines Nachts um vier in die Küche gegangen, weil ich Durst hatte und als ich aus dem Fenster sehe, sitzt da mitten in der Stadt auf der vom Schnee schneeweißen Straße ein Fuchs. Nur ein paar Sekunden, dann steht er auf und läuft gemächlich aus meinem Fensterbild hinaus. So wie ich überlegte, welche Gründe den Fuchs veranlassten, sich vor mein Fenster zu setzen, rätsle ich jetzt über den Sinn und Zweck der Bürgersteigbuddelei.

Nach zwei Tagen habe ich die Antwort. Es ist eine Auffahrt. Nur ergibt sich ein neues Rätsel: Wo führt diese Auffahrt hin? Dahinter befindet sich eine große Wiese. Weil sich hinter der Wiese ein Häuserkomplex erstreckt, der gerade modernisiert wird, spekuliere ich, dass es sich um eine Feuerwehrauffahrt handeln müsse. Die Wiese ist ja mittlerweile rechts und links eingezäunt, bleibt also nur noch der Weg über die neue Auffahrt. Und es ist ja sehr praktisch, wenn es zum Beispiel bei den Leuten in den zur Wiese liegenden Räumen brennt, nicht von der Straße aus durch die vorderen Räume durchlöschen zu müssen, sondern direkt über die Wiese an den Ort des Brandgeschehens auffahren zu können. Wer beschreibt also meine Überraschung, als sich nur weitere 2 Tage später genau das als nun nicht mehr durchführbar herausstellt? Denn die Auffahrt führt nun - in einen Zaun. Ist ja erstmal irgendwie logisch. Welchen Sinn hätte es, die Wiese nur links und rechts einzuzäunen? Nein, wenn einzäunen, dann rundherum, sonst könnten ja Leute, die seit Jahren und mit ihren Eltern zusammen seit Jahrzehnten ungehindert auf die Wiese auflaufen konnten, das über die noch offen gebliebene Seite weiterhin tun. Gut, es gibt drei Tore, aber so ein Tor muss man erstmal überwinden, selbst wenn es nicht abgeschlossen ist, also so rein mental. Und alle drei Tore sind gaaaanz weit weg von der Auffahrt. Ich hab mich vergewissert.

Es bleibt nur eine Erklärung: Man ahnt an entsprechender Stelle, dass eine eingezäunte Wiese, bei Leuten, die seit Jahren und mit ihren Eltern zusammen seit Jahrzehnten auf einer nach allen Seiten offenen Wiese in alle Richtungen kommen und gehen konnten, wie es ihnen einfiel, auf einigen Unmut stößt. Und man befürchtet entsprechende handfeste Unmutsbekundungen. Die Auffahrt ist für Zaunsaboteure gedacht, die sich mit neuen Ein-, Ab- und Ausgrenzungen nicht abfinden wollen. Man ist ja hier im Osten. Und man weiß ja nie. Dann lieber eine Sollsaboteurstelle schaffen. Ich finde dass nett. Denn neben den Vorteilen für die Grenzenzieher (man weiß, wo´s kommt), profitieren auch die potentiellen Freiheitsakteure davon, sie müssen sich mit ihrem Auto nicht erst die Bordsteinkante hinauf quälen, um direkt in den Zaun hinein zu fahren. Ich werde mich bei der EWG Pankow bedanken. Und empfehlen, noch ein Schild anzubringen: „Saboteure bitte hier auffahren“. Nicht alle sind so helle wie ich. Man denke auch an sich solidarisierende, ortsfremde Saboteure. Darüber hinaus werde ich eine Kooperation mit einem Autohersteller anregen. Ich meine, wer benutzt schon gern sein eignes Auto, bei allen revolutionären Intentionen? Und manche aaben garrkein Audo. Nein, die Autohersteller stellen ein Sollsaboteurauto zur Verfügung. Dann müssen entsprechend Ambitionierte keins mehr im Friedrichshain suchen. Alle haben was davon. Sogar die Feuerwehr. Denn wenn das Auto dann brennend auf der Wiese steht, kann sie wieder mühelos auffahren.

Oktober 2010

09:44 01.12.2010
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Geschrieben von

kla

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