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Da steht sie, winzig auf der riesigen Bühne, 81 Jahre alt, spricht ihren Abschlussmonolog und zum ersten Mal seit ich sie kenne, sieht sie so alt aus wie sie ist. Ich beiße verzweifelt auf meinen Lippen herum um nicht wieder zu heulen, es ist mir peinlich (wer heult schon im Theater?) und ich bin fassungslos. Als Vera vor gut einem Jahr erzählte, jemand wolle einen Teil ihrer Lebensgeschichte auf die Bühne bringen habe ich mir nichts darunter vorstellen können. Ich habe keine Ahnung vom Theater, ihre Geschichte kenne ich. Aus ihrem Buch und von ihr selbst. Darf man sagen, dass sie Glück hatte, weil ihr arischer Vater sich weigerte, seine jüdische Frau zu verlassen und Vera unter diesem Schutz „nur“ Zwangsarbeit leisten musste? Und ihre Mutter später nicht mehr behelligt wurde, weil vielleicht eine gute Seele sie aus den Karteien tilgte? Dieser Teil ihrer Lebensgeschichte ist vor allem eine Geschichte über eine sehr große Familie, die verschwand. Wie will man das auf die Bühne bringen?

Seit einigen Wochen stand Vera also nach der Büroarbeit auf (ja, sie arbeitet immer noch) und sagte, ich fahre jetzt zur Probe. Ja, mach mal, viel Spaß. Nun war sie also nach Verlagslektorin, Prof. für Germanistik, Schriftstellerin, Schulgründerin noch Schauspielerin geworden. Ich freute mich für sie und brachte pflichtbewusst 1 Paar alte Schuhe mit, weil welche für die Kulisse gebraucht wurden. Natürlich kamen wir am Tag der Premiere 2 Stunden eher, um zu unterstützen, falls sie was braucht und um einen kleinen Stand mit Büchern für Interessierte aufzubauen. Menschen mit alten Klamotten laufen herum, zwei Männer in SS-Uniform, aha, die Schauspieler, ein Regal mit alten Schuhen wird vorbei geschoben, da die quirlige Regisseurin.

Und hier die Schauspielerin, die die junge Vera darstellen soll. Was für ein blasses, farbloses Mädchen denke ich (später entdecke ich, dass sie das mit Vera gemeinsam hat, sie sieht erheblich jünger aus, als sie ist), wie soll die Vera gerecht werden? Auf der Bühne schlendert sie irgendwie umher, spricht verträumt von den schönen Schuhen, die ihr ihre Großtante geschenkt hat und von der kleinen Bella, auf die sie sich freut und mit der sie spielen will. Schöne Schuhe, mit Bella spielen…Mir bleibt die Skepsis im Hals stecken. Und ich fange an, mit den Tränen zu kämpfen. Diese Schauspielerin weiß genau, was sie tut. Vielleicht war es auch die Regisseurin, ich habe keine Ahnung vom Theater. Denn die Schuhe sind das Abschiedsgeschenk der Tante, die ihren einen erlaubten Koffer packen musste und Bella ein hinreißendes Kleinkind, auf das man sich einfach freuen musste und nun nie mehr freuen konnte. Ich heule, weil die Vera-Darstellerin mich getäuscht hat mit ihrer leichten Art und sie mir heimtückisch mit dem gesamten Ensemble diese Geschichte erzählt vom Verschwinden einer ganzen Familie. Eine Geschichte, die ich doch kenne.

Später führen zwei SS-Uniformierte einen wahnsinnigen Dialog über Maßnahmen, die am besten geeignet sind, Theresienstadt für den Rotkreuzbesuch vorzeigbar zu machen und menschliche Figuren, auch Veras Tante, dazu passend arrangieren und ich sehe keine Schauspieler mehr, sondern zwei riesige, übermächtige Männer, die mir entsetzlich Angst machen und ihnen mit Haut, Haaren und jeder Faser ihres Lebens Ausgelieferte, die laufen, huschen, sich zum Vorzeigebild arrangieren ohne jede Chance, damit zu überleben.

Am Ende feiert diese große Familie den hundertsten Geburtstag der Großtante und ich lerne, dass man auch im Theater ein Bild einfrieren kann und dass einem in diesem Fall davon entsetzlich kalt wird…

Weil ich vom Theater so gut, wie nichts weiß, weiß ich auch nicht, wie eine gute Theaterkritik aussieht. Wenn man aber weint und friert und ungläubig lauscht, wie Vera, 81 jährig dort auf der Bühne ihren Abschlussmonolog hält, ist das vielleicht auch eine Empfehlung, sich das Theaterstück anzusehen. Vom 14.6.09-18.6.09 führt das dokumentartheater berlin noch einmal „VERA.“ auf, im Ballhaus Naunystraße.

21:09 05.06.2009
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Geschrieben von

kla

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anais | Community