“Naturbewusstsein 2019”: ein Kommentar

Energiewende Wenn wir Deutschen tatsächlich so Umwelt-und Klimabewusst sind, aber uns gleichzeitig über den Ausbau von Erneuerbaren beschweren, müssen wir die Konsequenzen ziehen
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Kann Atomkraft doch eine Alternative sein?
Kann Atomkraft doch eine Alternative sein?

Foto: Thomas Lohnes/Getty Images

Die Deutschen sind sehr Natur - und Umweltbewusst – dies ist das Resultat einer Erhebung der Bundesregierung, die alle zwei Jahre stattfindet. Demnach setzt sich eine Mehrheit der Befragten für „eine Ausweitung von Schutzgebieten, mehr Informationen über Tier- und Pflanzenarten“ ein, und unterstützt natürlich auch die Energiewende.

Allerdings ist nicht alles rosig: die meisten Befragten stemmen sich inzwischen gegen den Ausbau von Wind-und Solaranlagen auf Wiesen und Feldern aufgrund der Schäden, welche diese den lokalen Ökosystemen zufügen. Diese Antworten sind nicht nur unangenehm für die Regierung, sondern repräsentieren einen seit einiger Zeit zu beobachtenden Trend: wachsender Widerstand gegen Solarparks und Windräder.

Es ist nicht alles Gold, was glänzt

Dies wirft Fragen auf, nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass jene Energiequellen doch (quasi) die alleinigen Heilsbringer der deutschen CO2-neutralen Energiezukunft sein sollen. Dabei stagniert der Ausbau beider Technologien seit 2018 und wird nicht ausreichen, um die in Paris vereinbarten Klimaziele einer 95 %-igen Minderung von Treibhausgasen im vorgegebenen Zeitfenster erreichen zu können.

Zudem haben Photovoltaik und Windenergie ihr technologisches Maximum weitestgehend erreicht. Moderne Windkraftanlagen haben dank ihrer ausgeklügelten Konstruktion einen Leistungsgrad von 40%, ihr realistisches Maximum. Nach dem Betzschen Gesetz sind bis zu 59% Leistung drin – dies ist jedoch ein theoretischer Wert. Ebenso bei der Photovoltaik, wo das zur Anwendung am besten geeignete Silizium (in monokristalliner oder polykristalliner Form) nur Wirkungsgrade zwischen 20 und 22 Prozent, respektive etwa 15 bis 20 Prozent erreicht.

In Kombination mit der inhärenten Wetterabhängigkeit dieser Energiequellen (intermittency), sieht sich Deutschland letzten Endes mit einer Gefahr für seine Energieversorgungssicherheit konfrontiert. Aber: bedeutet dies, dass erneuerbare nutzlos sind?

Energiewende neu denken?

Absolut nicht – aber es zwingt uns zu der Realisation, dass, wollen wir das Klima effektiv schützen, ohne unseren Wohlstand zu gefährden, alle Formen CO2-neutraler Energie Teil der Energiewirtschaft sein müssen. Und das schließt Kernenergie ein. Soll heißen: Kernenergie und Erneuerbare dürfen nicht als Konkurrenten, sondern müssen sich als gegenseitig ergänzend angesehen werden.

Die „böse Kernenergie“ ist natürlich das Taboo-Thema schlechthin, sie wird schlechtgeschrieben und verteufelt, wo immer sich eine Gelegenheit bietet. Dabei lassen sich in der Tat Stichhaltige Argumente für ihre Anwendung finden. Freilich nicht in der deutschen Medienlandschaft, sondern in der internationalen Presse, wo weniger ideologisierte Stimmen immer noch Räume zur Argumentation finden.

So schrieb zum Beispiel Atte Harjanne, seines Zeichens finnischer Parlamentarier für die Grünen, letzten Monat sinngemäß in der Sustainability Times:

Wichtig ist, die Kernenergie und die erneuerbaren Energien nicht als Konkurrenten zu betrachten, sondern als ergänzende Lösungen in einem dekarbonisierten Energiesystem der Zukunft. Bislang waren Länder und Regionen mit einem hohen Wasserkraftpotenzial, einem hohen Anteil der Kernenergie oder beidem am erfolgreichsten bei der Reinigung ihrer Stromnetze von Kohlenstoffemissionen. In Modellen, die zukünftige Dekarbonisierungspfade beschreiben, ergeben diejenigen, die das Wachstum sowohl der Kernenergie als auch der erneuerbaren Energien einschließen, typischerweise die robustesten Pfade zur Verringerung der Emissionen.

Das Fazit: wenn wir Deutschen tatsächlich so Umwelt-und Klimabewusst sind, aber uns gleichzeitig über den Ausbau von Wind und Solar beschweren, dann müssen wir konsequent sein und akzeptieren, dass Kernenergie eine CO2-arme Lösung darstellt – ob wir das nun gut finden oder nicht.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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