10-Millionen-Quiz

KEHRSEITE Weil die Zuschauerquote auch bei dem neuesten Millionen-Quiz wieder zu sinken begann, rauchten bei den Verantwortlichen des privaten Fernsehsenders ...

Weil die Zuschauerquote auch bei dem neuesten Millionen-Quiz wieder zu sinken begann, rauchten bei den Verantwortlichen des privaten Fernsehsenders die Köpfe. Man kam überein, die Gewinnhöhe sofort auf zehn Millionen Mark zu steigern, Themenblöcke mit hohem Zuschauerinteresse zu bilden, gleichzeitig aber den Schwierigkeitsgrad so zu erhöhen, dass ein Gewinn von über einer Million Mark allenfalls für Nobelpreisträger erreichbar war. Und die wurden ohnehin nicht eingeladen. Der wegen der möglichen Kosten sehr besorgte Intendant kündigte an, bei der nächsten Sendung in der ersten Reihe zu sitzen.

Der Quizmaster hatte sich mit seinem Team gut vorbereitet. Die Fragen waren von Wissenschaftlern und Historikern erstellt worden. Der Kandidat, ein hagerer, älterer Typ mit schütterem Haar, stammte aus Bottrop und entschied sich für das Thema Fußball.

Nachdem er die ersten zwölf Fragen mühelos beantwortet hatte, holte der Quizmaster zur 1-Million-Mark-Frage aus der linken Jacketttasche ein gelbes Blatt Papier: "Wer wurde in dem Jahr, als Deutschland zum ersten Mal Weltmeister wurde, deutscher Vereinspokalsieger? Wie hießen der Gegner, die Torschützen, der Schiedsrichter?"

Der Kandidat überlegte, dann stieß er hastig zwischen seinen farblosen Lippen hervor: "VFB Stuttgart gegen 1. FC Köln 1:0, Torschütze: Waldner, Schiedsrichter: Dusch." Dem Quizmaster blieb der Mund offen, frenetischer Applaus des Publikums. Doch der Quizmaster wusste sich bei der 2,5-Millionen-Mark-Frage zu steigern: "Welches Endspiel um die deutsche Amateurmeisterschaft fand wann vor 80.000 Zuschauern statt? Wer spielte? Wer schoss zwei Tore?" Der Kandidat zählte offensichtlich an den Fingern etwas ab und antwortete dann ohne zu zögern: "1952, VfR Schwenningen gegen SC Cronenberg 5:2, zwei Tore durch Haller." Das Publikum tobte. Der Quizmaster rang nach Luft, er ahnte, diesem Kerl würde er mit Fragen nach deutschen Ereignissen nicht beikommen. Deshalb griff er nun in seine rechte Brusttasche und zog ein blaues Blatt heraus. Und er wusste, nun endlich würde der Kandidat bei der 5-Millionen-Mark-Frage scheitern:

"Gegen welche Mannschaften qualifizierte sich der spätere Weltmeister für die Teilnahme am Turnier von 1970?" Das konnte sicher kein Europäer beantworten! Der Kandidat überlegte nicht lange: "Brasilien gewann je zwei Mal gegen Kolumbien, Paraguay und Venezuela." Das gequälte Kopfnicken des Quizmasters ließ das Publikum von den Sitzen springen. "Nun eine kleine Werbepause", rief der Quizmaster ebenso erschöpft wie verzweifelt, denn er wollte sich mit seinem Team für die letzte Frage beraten. Mit neuem Mut trat er dem Kandidaten entgegen: "Und hier zum ersten Mal die 10-Millionen-Mark-Frage: Bei einer Weltmeisterschaft gab es zwei Halbfinalspiele mit dem gleichen Ergebnis. Wer schoss das Tor des Verlierers, dessen Spiel von einem brasilianischen Schiedsrichter geleitet wurde?" Ein Raunen im Saal, der Quizmaster grinste süffisant.

Der Kandidat lächelte: "Ach ja, 1930, Uruguay gegen Jugoslawien 6:1, Torschütze: Sekulic, Schiedsrichter: Rego." Der Quizmaster war starr vor Schreck. "Sicher wissen Sie auch die Schuhgröße des Torschützen?", schrie er den Kandidaten an. "45", sagte der Kandidat trocken. "Und wie hieß seine Schwiegermutter, ha?" Des Quizmasters Lächeln wurde zur Grimasse. Der Kandidat blühte sichtlich auf. "Jovanka hieß sie." - "Das gibt es doch nicht!", schrie der Quizmeister heulend, "woher wissen Sie denn das alles?"

Der Kandidat zuckte mit den Schultern: "Sein Urenkel arbeitet bei uns im Werk und erzählt immer solche Geschichten von früher." In der ersten Reihe fiel ein gut gekleideter Herr vom Stuhl, doch das bekam in dem folgenden Trubel keiner mehr mit.

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