Fusionitis

KEHRSEITE Mein Nachbar nahm mich mit, als er seinen neuen Wagen der Luxusklasse bestellte. Die Ausstattung war schnell geklärt, denn er fährt nur diese Marke ...

Mein Nachbar nahm mich mit, als er seinen neuen Wagen der Luxusklasse bestellte. Die Ausstattung war schnell geklärt, denn er fährt nur diese Marke und kannte alle Details. Auf die Frage nach der Lieferzeit sagte der Verkäufer ohne einen Anflug von Schamröte: "Zweieinhalb Jahre." Mein Nachbar, der Wert darauf legt, immer das neueste Modell zu fahren, erlitt einen Kreislaufzusammenbruch. Dank einiger Cognacs, die zufällig im Verkaufsraum herumstanden, konnten wir ihn sofort behandeln.

Als er sich wieder erholt hatte, wollte er den Grund wissen. "Wegen der Fusion!", sagte der Verkäufer nachsichtig und fügte hinzu: "Sie wissen ja, wir haben diesen amerikanischen Lkw-Hersteller gekauft und müssen dessen Modelle jetzt in Europa vertreiben. Sie haben eine unserer nobelsten Limousinen gewählt, da müssten Sie mindestens einen 2,5-Tonner dazunehmen. Dann können wir Ihnen den Pkw schon in acht Monaten liefern. Den Lkw bekommen Sie sofort."

Bei meinem Nachbarn hatte sich der Schock zwar gelegt, er hatte aber nicht die Absicht, ein Fuhrunternehmen aufzumachen. Doch seine Eitelkeit ließ es nicht zu, nicht im stets neuesten Modell gesehen zu werden. So entschloss er sich dann doch, den 2,5-Tonner zu ordern. Weil er ein freundlicher Mensch ist, sagte er zu mir: "Sie können den Lkw ja gleich einfahren, wenn Sie wollen."

Das passte mir gut, denn ich brauchte dringend einen neuen Kühlschrank und andere größere Gegenstände. Sofort fuhr ich zu dem großen Elektromarkt und fand auch schnell mein Modell. "Schön", sagte der Verkäufer, "und welchen Rasierapparat?" - "Was für einen Rasierapparat?", fragte ich erstaunt. "Ja wissen Sie denn nicht, dass wir mit ›Freehair‹ fusioniert haben?" - "Nein", sagte ich und hatte auch nicht die Absicht, mir einen Rasierapparat zuzulegen, denn ich bin Vollbartträger. Aber weil ich den Kühlschrank dringend brauchte, nahm ich den billigsten Rasierer mit - als Geschenk für einen meiner Neffen.

Im Gartencenter freute ich mich auf Tisch und Stühle für den Balkon. "Sie wissen schon, was noch dazu gehört?", lächelte der Verkäufer schelmisch. "Natürlich unser kleiner ›Mähwolf‹, denn wir sind ja von ›Cleangarden‹ übernommen worden." Einen Rasenmäher brauchte ich für meinen Balkon nun wirklich nicht. Doch dann dachte ich an meine Schwiegermutter und ihr großes Grundstück.

Viel einfacher verlief der Kauf im Möbelmarkt. Zu meiner neuen Couch musste ich nur einen indischen Teppichläufer ordern, denn man hatte mit einem Teppichcenter fusioniert. Zwar passten die schreienden lila- und türkisfarbenen Töne nicht zu meiner seriösen Einrichtung, aber immerhin konnte ich damit die beiden langen Paddel gut einwickeln, die ich im Sporthaus zu meinem neuen Fahrrad erhielt, natürlich nicht kostenlos, denn der Bootsausrüster, der mit der Sporthauskette fusioniert hatte, wollte ja auch leben. "Seien Sie froh, dass Sie bei dem einfachen Rad nur Paddel kaufen mussten. Der dort drüben mit dem teuren Rennrad weiß jetzt nicht, wo er das Schlauchboot mit dem Außenbordmotor unterbringen soll", sagte der freundliche Verkäufer. Da war ich dann doch wieder recht glücklich.

Übrigens: ich habe jetzt auch fusioniert - mit meinem Nachbarn. Er ist Immobilienhändler und verkauft seine Häuser und Wohnungen nun mit den Gegenständen, die ich bei meinen Käufen dazunehmen muss. Wirklich praktisch, diese Fusionen!

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