Wenn der Expo-Mann kommt

KEHRSEITE Wir saßen am späten Morgen noch beim Frühstück, als es läutete. Ein seriöser Herr im gedeckten Anzug stand vor dem Eingang. "Guten Morgen, ich komme ...

Wir saßen am späten Morgen noch beim Frühstück, als es läutete. Ein seriöser Herr im gedeckten Anzug stand vor dem Eingang. "Guten Morgen, ich komme von der Expo, der Weltausstellung", begrüßte er uns. "Nanu", sagte ich, "ist die Expo schon geschlossen worden, weil Sie um diese Zeit hier sind? Immerhin sind es von uns bis dort hin über 300 Kilometer." "Nein, nein, ich bin von der Expo, das heißt, ich möchte Sie zur Expo einladen und Ihnen zeigen und sagen, was es dort alles Schönes zu besichtigen gibt." "Das ist nett von Ihnen", sagte ich, um Höflichkeit bemüht, und wunderte mich, dass der elegante Herr in unser kleines Dorf kam. Dann fasste ich mich wieder und sagte mutig: "Danke, aber wir haben nicht die Absicht, nach Hannover zu fahren."

"Ja, aber warum denn nicht?", erkundigte sich der freundliche Herr mitfühlend, so, als hätte ich einen Hautausschlag. "Zu weit, zu teuer!", warf meine Frau barsch ein. Ich erschrak etwas, doch der Herr ließ sich nicht beirren: "Die Entfernung ist kein Problem, wir holen sie um sieben Uhr mit dem Taxi ab und bringen Sie zum Bahnhof. Um 7.22 Uhr geht Ihr Zug nach Hamburg, dann steigen Sie um in den Sonderzug nach Hannover. Und das alles für nur 99 DM." "Hin und zurück?", fragte ich, wobei ich das Fragezeichen zum Ausrufezeichen werden ließ. Der Expo-Vertreter schluckte, sagte dann aber gequält lächelnd: "Selbstverständlich." "Aber für uns beide zusammen!", rief ihm meine Frau aus dem Hintergrund zu.

Der nette Herr wurde kreidebleich. Sofort bot ich ihm ein Glas Wasser an, das er dankend annahm. Dann räusperte er sich und erwiderte leise: "Ich denke, das lässt sich machen." Ich war erleichtert, doch meine Frau sagte forsch: "Und unsere Hündin? Wir reisen nie ohne Pia!" Der Expo-Vertreter schien einen neuen Schwächeanfall zu erleiden, antwortete dann aber tapfer: "99 Mark hin und zurück plus zehn Mark Eintritt." Doch das war mir zu viel.

"109 Mark für den Hund, den das alles gar nicht interessiert? Da bleiben wir lieber hier und machen einen schönen Waldspaziergang ohne Stress, und viel billiger!"

Der Expo-Mann wurde wieder blass, nahm aber mutig einen neuen Anlauf: "Aber im Wald gibt es doch keine Expo. Sie können den Hund sicher bei Nachbarn oder Freunden unterbringen ..." Sofort unterbrach ihn meine Frau kategorisch: "Nein! Wir fahren nie ohne Pia! Entweder mit Hund oder gar nicht!" Ich merkte, wie dem sympathischen Herrn der Schweiß auf der Stirn stand. Nach einigen Sekunden der Erholung sagte er erschöpft: "Ich glaube, die neue Tierpension mit See auf der Expo ist in Kürze fertig."

"Schön", sagte ich, "und was kostet der Eintritt für uns?" "Nur 139 Mark, aber für den ganzen Tag und für Sie beide!" Der Stolz in der Stimme des Expo-Mannes war deutlich zu spüren. "139 Mark?", rief meine Frau entsetzt. "Das ist doch sicher für zwei Tage, mit Übernachtung, Frühstücksbuffet oder Abendessen? Schließlich kommen wir kaum vor Mittag an und wollen nicht sofort wieder abreisen!" Der nette Herr rang nach Luft, sein Gesicht war plötzlich feuerrot. Röchelnd drang es aus seinem zitternden Mund: "Und der Bundeskanzler wird Sie persönlich empfangen, wenn Sie eine Gruppe von zehn Personen sind." Dann mussten wir den Notarzt holen.

"Der arme Mann ...", sagte meine Frau voller Mitgefühl. "Wahrscheinlich völlig überarbeitet, aber man wird doch mal nach den Kosten fragen dürfen."

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