Moral, Mathematik und das Internet

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- zur Verteidigungsstrategie der katholischen Kirche

Die katholische Kirche befindet sich in einer ungemütlichen Lage. Ihre Repräsentanten müssen zu Fehlverhalten und Verbrechen innerhalb einer Organisation Stellung nehmen, die sich ansonsten berufen fühlt, zu definieren was der zivilisierte Mensch unter "Moral" zu verstehen habe. Nun verbietet sich jede Art von Besserwisserei oder gar Häme, denn in jeder Organisation aus vielen Tausend Menschen, ist ein gewisses Spektrum an Verwerflichkeit zu erwarten, von Korruption über Nepotismus bis — eben — zu sexuellen Übergriffen. Wir sind schließlich alle fehlbare und irrende Menschen. Keine Organisation kann moralisch nach dem Verhalten jedes Einzelnen ihrer Mitglieder beurteilt werden. An ihren Taten sind sie im Einzelfall nicht zu erkennen.

Aber für das moralische Niveau ihrer Reaktion auf die den sexuellen Übergriffe ist die Kirche tatsächlich verantwortlich: der Natur der Dinge nach sind diesbezügliche Äußerungen durchdacht und in der Organisation abgestimmt, eben: "offiziell". Diese Reaktionen liegt für uns, für die "Öffentlichkeit", vor allem als Texte vor: Verlautbarungen, Entschuldigungen, Verteidigungsreden. An ihren Worten sind sie zu erkennen.

Wie verteidigt sich also die katholische Kirche?

Der Augsburger katholische Bischof Walter Mixa hatte zunächst davor gewarnt, Kindesmissbrauch zu einem vornehmlich kirchlichen Problem zu machen. In Deutschland habe es seit 1995 insgesamt rund 210.000 polizeilich registrierte Fälle gegeben, sagte der Bischof der «Augsburger Allgemeinen» vom Dienstag. Der Anteil der Vorkommnisse in kirchlichen Einrichtungen liege dabei in einem «verschwindend geringen» Promille-Bereich. Das solle aber keinen einzigen Fall verharmlosen, betonte der Bischof, rücke jedoch die Verhältnisse ins rechte Licht, schreibt Liborius.de, die "Katholische Erlebniswelt" (www.liborius.de/aktuell/aktuell/mixa-zum-missbrauch.html).

Die "taz" zitiert Mix am 24.2.10: "Außerdem habe es seit 1995 bundesweit rund 210.000 polizeilich registrierte Fälle von Kindesmissbrauch gegeben. Dagegen stünden etwa 100 deswegen in Verdacht geratene katholische Priester oder Kirchenangestellte der deutschen Bistümer im gleichen Zeitraum." [Hervorhebung - kf]

Die katholische Kirche verteidigt sich also zunächst einmal mit der Aussage: "Die anderen treiben es noch schlimmer." Den moralischen Wert dieser Argumentation kann man nun tatsächlich beurteilen: Legt man Lawrence Kohlbergs Stufentheorie zu Grunde, handelt es sich bei dieser Reaktion um moralisches Verhalten auf interpersonaler Konkordanzstufe, das ist die dritte von sechs Stufen. Gemessen am Anspruch der Kirche, der Orientierung an universellen ethischen Prinzipien (Kohlbergs Stufe sechs), kann man in der aktuellen Krise beim besten Willen keine hohe moralische Haltung erkennen. Auch wenn man andere Modelle der moralischen Entwicklung heranzieht, ergibt sich kein besseres Bild: Die Kirche steht in ihrer Moralität auf einer Stufe mit den meisten Jugendlichen im Alter von etwa 16 Jahren. Angesichts des Anspruchs und es Hochmuts der Organisation muss man angesichts dieser Art von Verteidigung von moralischem Bankrott sprechen.

Nun nutzt die katholische Kirche Zahlen, Statistiken, also Mathematik, um ihre Portion zu stützen. Was soll das bezwecken? Wie ist das moralisch zu werten? Das Zahlenvergleich 100:210.000 ist — mathematisch gesehen — ein Verhältnis, das auf denBruch 1:2100 gekürzt werden kann. Dieses Verhältnis sei, so betont Herr Mixa laut Medien, im "verschwindend geringen Promille-Bereich" liegend. Tatsächlich handelt es sich um 0,48 Promille. Es gelingt nicht, diese Aussage auf andere Weise zu interpretieren als: "Auf jeden Fall in der katholischen Kirche kommen 2100 Fälle insgesamt in Deutschland, über-über-wiegend außerhalb katholischer Institutionen." Lassen sich diese Angaben überprüfen? Hier zeigt das Internet seine Stärken!

Eine kurze Netzrecherche liefert als Mixas Quelle die polizeiliche Kriminalstatistik www.bka.de/pks/zeitreihen/pdf/t01.pdf. Addiert man die dort angegebenen Fallzahlen des Schlüssels "131000: sexueller Missbrauch von Kindern" zwischen 1995 und 2008 erhält man für diese 13 Jahre tatsächlich die erschreckende Anzahl von 209.382 Fällen bei 128.946 Tatverdächtigen. Das müssen Herrn Mixas 210.000 Fälle sein.

Bei den Taten in den katholischen Institutionen handelt es sich aber nicht um allgemeine Delikte nach §176ff StGB sondern um sexuellen Missbrauch von Schutzbefohlenen, der in §174 StGB definiert ist. Diese Fall- und Täterzahlen werden in der Kriminalstatistik unter dem Schlüssel 113000 erfasst - und zwar sowohl was Missbrauch an Kindern wie auch an Jugendlichen betrifft. Zwischen 1995 und 2008 wurden hier 25.552 Fälle registriert. Die Missbrauchsfälle in der Kirche sollten also gar nicht mit 210.000 Fällen nach §176ff vergleichen werden sondern (das Wort "nur" verbietet sich angesichts der Art der Delikte) mit 25.000 Fällen nach §174. Das "verschlechtert" den Anteil der Missbrauchsfälle von 1:2100 auf 1:250 oder 4 Promille.

Diese Statistik umfasst aber nicht nur Delikte an Schulen und Bildungseinrichtungen sondern auch Missbrauch durch Eltern und andere Vertrauenspersonen. Es stellt sich nun also die Frage: Wie groß sind die Zahlen an Schulen allein? Kann man diesen Anteil abschätzen? Ja.

Aus einer Statistik aus Baden-Württemberg vom Dezember 2009 (www.landtag-bw.de/WP14/Drucksachen/5000/14_5619_d.pdf) ist zu entnehmen, dass es diesem Bundesland im Verlauf von 5 Jahren zu 8115 Fällen des Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen nach §174 gekommen ist. Davon fanden 315 Missbrauchsfälle, also 3,88% an öffentlichen oder privaten Schulen statt. Geht man davon aus, dass dieses Verhältnis auch für den Zeitraum 1995 bis 2008 und auch bundesweit zutrifft, kann man damit rechnen, dass zwischen 1995 und 2008 weniger als 1000 Missbrauchsfälle nach §174 an Schulen und ähnlichen Einrichtungen bundesweit begangen wurden. Ein Nebenergebnis dieser Recherche ist, dass die Wahrscheinlichkeit für Missbrauch außerhalb von Schulen und Bildungseinrichtungen viel geringer ist als innerhalb dieses tatsächlichen Schutzraums für Kinder und Jugendliche. Es gibt statistisch also keinen Grund, Schulen zu misstrauen.

Vergleichen wir nun katholische Institutionen (bekannte 100 Missbrauchsfälle im Zeitraum 1995-2008) mit Bildungseinrichtungen im Allgemeinen (begründet geschätzte 1000 Missbrauchsfälle in diesem Zeitraum). Aus den vorliegenden statistischen Daten kann man folgern, dass möglicherweise mehr als 10% der an Schulen und vergleichbaren Einrichtungen begangenen Taten in katholischen Einrichtungen begangen wurden. In mehreren Quellen, beispielsweise in schule.erzbistum-koeln.de/marienberg/marienberg.jetzt/wozukatholisch/, geben katholische Institutionen stolz an: "Damit liegt der Anteil von Schülern, die in Deutschland an katholischen Schulen unterrichtet werden, etwas über drei Prozent der Gesamtschülerschaft in unserem Land." [Hervorhebung - kf]

Vergleicht man aber katholische Bildungseinrichtungen mit Schulen im Allgemeinen, scheint man keinesfalls davon sprechen zu können, dass das Risiko des Missbrauchs in einer katholischen Institution geringer ist als an den Schulen im Durchschnitt.

Innerhalb der moralisch fragwürdigen Verteidigungsstrategie der katholischen Kirche wird zusätzlich versucht, mit ungeeigneten Vergleichen unter Anwendung von Mathematik und Statistik einen unzutreffenden Eindruck hervorzurufen. Das ist ein moralischer Bankrott innerhalb des moralischen Bankrotts.

Und weiter?

Weiter verwies der Bischof darauf, dass sexueller Missbrauch von Minderjährigen leider ein verbreitetes gesellschaftliches Übel geworden sei. Es finde sich in der Familie, der Schule und im Sportverein. Nicht ganz unschuldig daran ist seiner Ansicht nach die zunehmende Sexualisierung der Öffentlichkeit in den vergangenen Jahren, die auch abnorme sexuelle Neigungen eher fördere als begrenze. (www.liborius.de/aktuell/aktuell/mixa-zum-missbrauch.html). [Hervorhebung - kf]

Das der Verharmlosung sicher unverdächtige www.anti-kinderporno.de/seite/konf_fam_hinterg1998befunde.php veröffentlicht eine statistische Analyse:

Welche Informationen sind der PKS nun im Längsschnitt hinsichtlich der Frage der möglichen quantitativen Veränderungen zu entnehmen? Verschiedene Autoren haben sich auch in der bundesdeutschen Debatte auf die Entwicklung der PKS-Zahlen bezogen und dabei insbesondere Fälle gem. §176 StGB in den Vordergrund gestellt. Undeutsch (1993, S. 74) weist darauf hin, daß sich die registrierten Fälle sexuellen Kindesmißbrauchs gem.§ 176 StGB im Zeitraum 1955 bis 1992, nachdem sie in den 60er Jahren (hier 1964) den Höchststand erreicht hatten, von 1969 bis 1987 stetig abnehmend verändert haben und erst wieder ab 1988 ein Anstieg zu verzeichnen sei.

Die Fallzahlen der 60er Jahre würden jedoch auch 1992 noch nicht erreicht. Der Anstieg ab 1988 sei dabei auf eine Veränderung des Anzeigeverhaltens zurückzuführen.

Das Werden des gesellschaftlichen Übels "Sexueller Missbrauch" seit 1968 lässt sich offensichtlich durch statistische Daten nicht stützen. Aber das wäre eine andere moralisch-mathematische Untersuchung.


09:14 12.03.2010
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