KLaus Pradel

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RE: Heute Held, morgen Zensor | 14.01.2013 | 11:17

Lieber Matthias Dell,

jetzt setzen sie auch noch die Fuballfans mit den Preußlerlesern gleich. Ich dachte bislang, Herr Preußler sie ihr Problem und nicht der Leser. Sie können doch nicht einfach unterstellen, jemand der das Wort "Neger" liest, sei rassistisch.

RE: Heute Held, morgen Zensor | 14.01.2013 | 09:38

Lieber Matthias Dell,

die ungückliche Formulierung "darf" sei ihnen geschenkt, alles andere nicht. Die mutige Reaktion des Fußballers inmitten einer Masse rassistischer Parolen grölender Zuschauer ist etwas anderes als ein Verlag, der an einigen Stellen ein Wort ändert. Deshalb fallen auch die Reaktionen darauf so unterschiedlich aus. Ich nehme an, dass sie wie alle anderen auch die fraglichen Stellen bei Preußler gelesen haben. Auch fiktionale Texte sind Zeitdokumente, die unangetastet bleiben sollten, auch als Dokumente rassistischer Gesinnungen. Das kann man im Gespräch mit den jungen (einverstanden?) Lesern und Leserinnen (auch Hörern und Hörerinnen) klären. Jedenfalls muss man sich damit auseinandersetzen. Herr Boateng kann die Rassisten im Stadion auch nicht einfach wegzaubern.

RE: Heute Held, morgen Zensor | 13.01.2013 | 12:13

Matthias Dell vergleicht zwei Ereignisse, die er nicht vergleichen darf: Das eine ist die Reaktion eines Fußballers in einer aktuellen Diffamierungssituation und die Bewertung seines Verhaltens, das andere die Reaktion auf die zwanghafte Aktualisierung eines in sprachlicher Hinsicht historischen Texts. Wenn ein Verlag einen solchen Text von einem heute obsoleten Begriff, in diesem Fall "Neger", glaubt reinigen zu müssen, kommt das einer Beleidigung für den erwachsenen, aber auch den jungen Leser gleich, weil diesem damit die Fähigkeit abgesprochen wird, einen Text kritisch zu lesen. Aber gerade weil während der Lektüre derartige Begriffe begegnen, kann sich daraus eine durchaus gewinnbringende Diskussion ergeben, nicht zuletzt über ihre Gebundenheit an den Kontext und über die Abhängigkeit sprachlicher Äußerungen von den Zeitumständen. Rassismus entsteht in den Köpfen durch die Art und Weise, wie in den Familien, im Freundeskreis, in der Schule und nicht zuletzt an den Stammtischen über Mitmenschen gesprochen wird. Die anstrengende, aber sinnvolle Interpretationsarbeit an Texten, in denen rassistische Begriffe vorkommen, müssen wir selbst leisten. Es ist nicht nötig, dass sie uns von anderen durch fragwürdige Bearbeitungen im Sinne einer "gerechten Sprache" abgenommen wird. Wenn Matthias Dell schreibt, das sei im literarischen Geschäft nicht unüblich, meint er hoffentlich nicht die unsäglichen Ausgaben "ad usum Delphini", in denen vom 17. Jhdt bis weit in das 20. Jhdt. hinein Autoren für junge Leser von anstößigen Stellen "befreit" wurden. Es hat nichts gebracht. Die Menschen sind durch die gereinigten Texte nicht besser geworden.