Klaus Raab
26.09.2010 | 10:00

„Es ist harte Arbeit“

Kommunikationsguerilla Mike Bonanno, als Mitglied der „Yes Men“ ein Posterboy des Protests, trinkt zwei Tassen Kaffee und verrät sieben goldene Regeln des politischen Aktivismus

Der Posterboy des politischen Aktivismus trägt Windjacke und Rucksack. Mike Bonanno sieht etwas erledigt aus, als könne er mal einen passiven Tag vertragen. Kurz zuvor ist er in Berlin gelandet, wo er bei der Ausstellung „Zur Nachahmung empfohlen. Expeditionen in Ästhetik und Nachhaltigkeit“ (Uferhallen Berlin, bis 10. Oktober) den Film der Yes Men vorstellt. Aber was sind schon Äußerlichkeiten? Als Igor Vamos lehrt er an einer New Yorker Universität. Bekannt sind er (als Mike Bonanno) und sein Kollege Jacques Servin (als Andy Bichlbaum) vor allem als Kommunikationsguerilleros, die im Managerkostüm all das deutlich sagen, was sonst hinter gestelzten Shareholdervalue-Phrasen versteckt ist. „Kaffee“, sagt Bonanno jetzt erst einmal, „ich brauche Kaffee. Oder zwei Kaffee.“ Einen Schluck später ist er wach und sagt: „Los geht’s.“

Der Freitag: In Deutschland gehen Zehntausende gegen die Laufzeitverlängerung von Atomkraftwerken auf die Straße. Finden Sie diese Art von Protest altbacken?

Mike Bonanno:

Überhaupt nicht. Das Wichtigste ist, eine riesige Zahl von Leuten zu  mobilisieren, allerdings muss man, wenn der eine Weg nicht funktioniert, eben einen anderen einschlagen. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: 2009 gab es einen Generalstreik in Puerto Rico, wo etwa 100.000 Leute auf die Straße gingen. 100.000! Und Puerto Rico ist klein! Aber keine Nachrichtenagentur in den USA meldete das überhaupt.

PR-mäßig ein Desaster!

Am selben Tag waren wir auf allen Kanälen mit einer Aktion gegen die US-Handelskammer, an der nur 15 Leute beteiligt waren. Wir schrieben eine Pressemitteilung und verkündeten bei einer Pressekonferenz, dass die Handelskammer ihre Position zum Klimawandel ändere und die Gesetzgebung zum Klimaschutz unterstütze. Es kann manchmal wirkungsvoller sein, die Geschichte etwas anders zu erzählen. Vielleicht sind die Leute von klassischem Protest einfach gelangweilt und finden es spannender, etwas über Protest zu lesen, der nicht so heißt.

Fünf?

Okay. Also, erstens: Behalte deine Ziele im Blick. Uns hilft es immer, wenn wir uns die Überschriften vorstellen, die wir gerne lesen würden. Dann, zweitens: keine halbgaren Sachen. Mache keine Zugeständnisse, jedenfalls nicht von vornherein. Das gilt nicht zwangsläufig, wenn verschiedene Organisationen zusammenarbeiten. Wenn man Teil einer Bewegung ist, kann es sinnvoll sein, sich abzustimmen. Das führt zum nächsten Punkt: Versuche, kein Hit-and-Run-Aktivist zu sein. Operiere als Teil einer Bewegung!

Viertens, überlege dir den besten Weg, deine Geschichte zu erzählen. Wir testen unsere Geschichten, indem sie sich vorher jemand anhört, der nicht involviert ist. Wenn der dranbleibt, ist sie gut. Eine gute Geschichte ist der Kern einer guten Kampagne.

Mach’ weiter und lass dir nicht den Schneid abkaufen. Das ist nicht so einfach. Aktivist zu sein ist harte Arbeit, und manchmal scheint das alles ja nirgendwohin zu führen. Und noch wichtiger ist, zu lächeln. Habe Spaß, sei ansteckend. Leute lassen sich aus verschiedenen Gründen mobilisieren. Weil sie ihre Jobs ver­lieren. Oder weil sie wütend sind. Aber unsere besten Aktionen entstanden mit Leuten, die bereit waren, zu lachen. Bereit, die Schönheit zu finden, sozusagen.

Steineschmeißen kann auch ein guter Weg sein. Es kann sogar absolut notwendig sein. Das wäre Regel Nummer sieben: Wenn die Anwendung der Regeln eins bis sechs nicht wirkungsvoll ist, radikalisiere dich. Dass die Antiglobalisierungsbewegung 1999 in Seattle so viel Aufmerksamkeit bekam, lag daran, dass Leute mit Skimasken Steine in Banken warfen. Es hieß hinterher, der Protest sei zu gewalttätig und deshalb nicht erfolgreich gewesen. Aber am Ende muss man sehen, ob die Ziele des Protests in die Öffentlichkeit getragen wurden.

Und das war der Fall?

Ja. Wenn ein Baum umfällt und niemand bekommt es mit, ist er dann umgefallen? Man braucht einfach Aufmerksamkeit, um Wandel zu bewirken. Protest muss sichtbar sein. Wenn keiner hinschaut, ist es nur eine soziale Bewegungstherapie. Andererseits auch das muss nicht schlecht sein. Wenn eine gemeinsame Protestaktion die Bewegung zusammenschweißt, ist auch schon etwas gewonnen.

Ihr Kollege Bichlbaum trat einmal vor Managern bei einer Konferenz in einem goldenen Catsuit auf, nannte Mahatma Gandhi den schlimmsten Protektionisten der Geschichte und bekam am Ende lebhaften Applaus. Wie sicher sind Sie, dass viele Leute sich nicht nur Comedy anschauen wollen, wenn sie einen Film der Yes Men sehen?

Wir versuchen natürlich das Risiko zu minimieren, nutzlos zu werden. Wenn die Leute in ihrem Ohrensessel sitzen, können sie sich hinterher trotzdem immer noch entscheiden, ob sie nicht vielleicht doch aktiv werden wollen. Wir arbeiten wie PR-Agenturen. Die schmeißen Millionen raus, um Zahnpasta in die Nachrichten zu kriegen, und sie tun das, weil sie herausgefunden haben, dass es funktioniert. Werbung wirkt – das nervt mich, aber so ist es. Und wir sagen, okay, dann muss dasselbe Prinzip auch bei uns funktionieren. Es ist aber, so sehen wir es, weniger Gehirnwäsche als der Versuch, Gehirnwäsche rückgängig zu machen.

Der Prediger, der am 11. Sep­tember den Koran verbrennen wollte, hat es auf Titelseiten auf der ganzen Welt geschafft. Kann man sagen, dass seine Kampagne erfolgreich war?

Ja, seine Aktion war fünf Tage in allen Zeitungen. Viele Leute, die sich von der Politik abwenden, sind einfach nur pissed off. Mit denen kann man reden. Ich kann denen nicht sagen: ‚Hey, ich bin irgendwie Anarchist, und das heißt, dass wir den Kapitalismus zähmen sollten.‘ Die würden antworten: ‚Anarchie? Fuck you!‘ Aber wenn man denen sagt, wir wollen, dass die Menschen besser behandelt werden, hat man eine Basis. Worüber wir nicht reden können, ist, wenn Hyperreligiöse glauben, die USA sollten christlich sein, und man sollte den Koran verbrennen. Unfassbar, dass dieser Typ ernsthaft eine Debatte anstößt, indem er nur sagt, er ver­brenne dieses Buch. Der schaffte es, dass unsere Kampagnen wie eine Kindergartenveranstaltung aussehen.

Die perfekte Guerillaaktion – was würde die erreichen?

Es gibt diesen Chaplin-Film