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Zivilgesellschaft In Tansania soll die Bevölkerung mithelfen, die bevorstehenden Wahlen transparent zu gestalten – indem sie Vorfälle, welcher Art auch immer, via Handy meldet

Es gab einmal eine Zeit, da konnte man in Tansania viel Geld für ein Handy mit zerbrochenem Display ausgeben. 20.000 Shilling oder mehr kosteten die Dinger, so viel wie ein Küchenangestellter im Monat verdient. Das war 2003. Im Jahr 2006 konnte man Handys mit zerbrochenem Display gerade noch als Wurfgeschoss verwenden. Wer Kontakte nach Dubai oder Europa hatte oder wer genug verdiente, besaß eines mit Kamerafunktion. Heute, wir schreiben das Jahr 2010, ist die Zeit der Second-Hand-Smartphones angebrochen.

Das Besondere an Tansania (und zahlreichen anderen afrikanischen Ländern) ist: Das Mobiltelefon ist dort nicht einfach ein weiteres Kommunikationsmittel, das neben Festnetz, Chat, Briefpost und E-Mail existiert. Es ist das Kommunikationsgerät schlechthin.

17 Millionen Handys

Private Festnetzanschlüsse sind anders als in Europa immer ein Privileg für Besserverdiener aus den Städten geblieben. Auch "der Internetzugang ist in Tansania weitgehend auf die Städte beschränkt", sagt Sanne van den Berg, die vom Nachbarland Kenia aus für eine Nichtregierungsorganisation arbeitet. "Die Nutzung von Handys aber ist weit verbreitet." Es gibt Zahlen dazu. 2009 hatten manchen Quellen zufolge 1,3 Prozent der Bevölkerung – etwa eine halbe Million Menschen – Zugang zum Netz , anderen Statistiken zufolge 1,6 Prozent. Um die 40 Prozent aber haben ein Mobiltelefon – mehr als 17 Millionen Tansanier. Und das bedeutet auch: Wenn man das Wissen der Vielen anzapfen will, muss man sie nicht zum Bloggen, zu Wikipedia oder in soziale Online-Netzwerke kriegen, sondern ans Telefon.

Wenn am 31. Oktober in Tansania Parlaments- und Präsidentschaftswahlen stattfinden, hat Sanne van den Bergs Nichtregierungsorganisation Hivos genau das vor: Sie sammelt Augenzeugenberichte, die via E-Mail, über ein E-Mail-Formular, über Twitter oder eben ­als Text-, Foto- oder Videonachricht vom Handy eingehen können, um Vorfällen im Umfeld der Wahl Öffentlichkeit zu verschaffen. Dasselbe plant vijana.fm, eine ostafrikanische Internetplattform von jungen Leuten für junge Leute – das Kiswahili-Wort vijana bedeutet Jugendliche.

Beide nutzen dieselbe Software ­– Ushahidi (Kiswahili für Zeugenaussage). Sie ist frei einsetzbar, wird seit drei Jahren immer wieder als Instrument der Krisenkommunikation eingesetzt und überall dort benutzt, wo die Masse eine Qualität schaffen kann, die die Möglichkeiten einzelner übersteigt. Motto: Irgendjemand ist immer als erster da, und selten ist es jemand von der Presse.

Die Entstehung von Ushahidi geht zurück auf gewalttätige Auseinandersetzungen, nachdem nach der Wahl in Kenia Ende Dezember 2007 Stimmzettel verschwunden waren. Die Juristin Ory Okolloh schrieb damals einen Blogbeitrag über ihre Eindrücke, andere Internetuser reagierten mit Berichten über ähnliche Vorkommnisse an anderen Orten in Kenia. Die Idee, alle Berichte quasi in Echtzeit zu bündeln, um nicht nur ein zusammenhängendes Bild zu erstellen, sondern auch auf Vorfälle möglichst schnell reagieren zu können, führte schließlich zur Entwicklung von Ushahidi.

Mit einer Nachricht an das Ushahidi-Team konnte man einen Vorfall melden. Das Team versuchte, jeden gemeldeten Vorfall mit Hilfe von Journalisten, Nichtregierungsorganisationen und Bloggern zu verifizieren und visualisierte alle Meldungen auf einer interaktiven Karte.

Als Ushahidi im Mai den Best-of-Blogs-Award der Deutschen Welle gewann, war die Software schon längst weltweit verbreitet: Der arabische Sender Al-Jazeera lokalisierte damit Vorfälle während des Gaza-Kriegs 2008/2009. In Haiti sammelten Hilfsorganisationen Hinweise – knapp 100.000 Berichte gingen dabei nach Angaben der Organisatoren allein an den ersten vier Tagen ein. Die Helfer konnten so besser und schneller planen, wo Hilfe nötig war. Ähnliches geschah in Chile, während der Waldbrände in Russland und im Rahmen der Flutkatastrophe in Pakistan. Im Ostkongo-Konflikt half der Dienst, Kampfgebiete zu lokalisieren. Zuletzt wurde Ushahidi in Mosambik eingesetzt. Und als Instrument der Wahlbeobachtung diente die Software in Mexiko, Indien und Kenia.

Nun soll sie in Tansania zum Einsatz kommen. Mögliche Vorfälle sollen unter Kategorien wie "Polizeieinsatz", "Sicherheitsfragen" oder "Stimmauszählung" ins System eingespeist werden. Die niederländische NGO Hivos visualisiert eingehende Berichte auf uchaguzi.or.tz – uchaguzi bedeutet Wahl; Vijana.fm unter dem Namen TZelect auf vijanafm.crowdmap.com. Hivos wird unter der Mobil-Kurznummer 15540 zu erreichen sein.

30.000 Helfer

Um eingehende Berichte zu verifizieren, hat Hivos über 1.700 eigene Beobachter. Vor allem arbeitet man aber mit einem Konsortium tansanischer Nichtregierungsorganisationen zusammen, das 30.000 Kontaktpersonen im Land habe, wie van den Berg sagt. Wird ein Vorfall von einem Handy der Kontaktpersonen gemeldet, gilt er als wahr. Geht eine Meldung von einem unbekannten Handy ein, versuchen die Kontaktpersonen sie zu überprüfen. Die Frage, ob Ushahidi in Tansania wirklich benutzt werden wird, ist offen. Die Sansibar-Inseln, die zu Tansania gehören, sind klein, haben aber einen Sonderstatus – und "eine Geschichte der Instabilität", wie van den Berg sagt. Während auf dem Festland die Regierungspartei CCM so verlässlich gewählt wird wie die CSU in Bayern zu Strauß’ Zeiten, bewegt sich die islamische Oppositionspartei CUF in Sansibar etwa auf Augenhöhe mit der CCM.

Die CCM wurde bei vergangenen Wahlen immer wieder der Manipulationen bezichtigt; es gab im Nachhinein Hinweise, dass die CCM ihre Wähler aus Dörfern zu einem Wahllokal gefahren, CUF-Anhänger aber zurückgelassen habe. Zuletzt gab es im Jahr 2000 blutige Auseinandersetzungen. 2005 verliefen die Wahlen recht friedlich, allerdings tauchten auch damals Wochen später Videos auf, die Gewaltszenen zeigen.

Erwartet werden Gewalt und Manipula­tionen für den 31. Oktober nicht. Ausschließen kann man sie aber auch nicht. Steven Nyabero aus Daressalam, einer der Betreiber von vijana.fm, sagt: "Alles kann passieren ­– oder nichts. Aber wenn etwas passiert, dann hoffe ich, dass die Leute dies melden." Dafür braucht es dank der Ushahidi-Software schließlich nicht mehr als eine 140-Zeichen-SMS.

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12:20 25.10.2010

Ausgabe 42/2021

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