Bildungsfernsehen für alle

Öffentlich-Rechtliche Nun, wo die jüngste Sau durchs Mediendorf getrieben wurde: Was sind denn die echten Herausforderungen?
Bildungsfernsehen für alle
So viel ist sicher: Die „Maus“ war keine Idee von Netflix

Foto: Imago Images/Future Image

Kritik am öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist so alt wie die Öffentlich-Rechtlichen. Sie kommt seit Adenauers Zeiten mal von Politikern, die vermeintliche Einseitigkeit anprangern, mal aus der privaten Medienwirtschaft, deren Lobbyisten ihn weniger als gesellschaftliche Aufgabe wahrnehmen denn als Konkurrenz. Und immer wieder kommt sie von Leuten, die eigentlich nur eine Frage haben: Und was habe ich davon?

Tja, was? Die Öffentlich-Rechtlichen sollen etwa einen „Überblick über das internationale, europäische, nationale und regionale Geschehen“ geben und die „europäische Integration und den gesellschaftlichen Zusammenhalt“ fördern. „Bildung, Information, Beratung und Unterhaltung“ sowie „Beiträge insbesondere zur Kultur“, das ist der Job. Weil Deutschland aber aus 80 Millionen Programmdirektoren besteht, gibt es viele Vorstellungen davon, wie er gemacht werden sollte. Auf jeden Fall halt anders. Und besser.

Ja, natürlich ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk optimierbar. Die mangelnde Ausgabentransparenz ist Ärgernis und Akzeptanzproblem. Die Zusammensetzung von Kontrollgremien ein Dauerthema. Und das Programm ist im Detail zwar viel besser als sein Ruf. Aber man kann auch allerhand gegen die Konventionalitäten der Schaufenstersender vorbringen, die Formatkrimis oder Talks über- und Dokumentarfilme oder Kulturthemen unterschätzen; die populär im Sinn von Helene Fischer sein wollen.

Nur, den Laden ganz oder weitgehend abräumen? Kinkerlitzchen wie das für den WDR umgedichtete Kinderlied über die Oma, die „’ne alte Umweltsau“ sei, reichen etwa der Werte-Union mittlerweile für die Forderung, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk „in seiner jetzigen Form“ abzuschaffen. Das ist Fox-News-Schule: Mit Nichtigkeiten werden Feindbilder zementiert, deren Existenz dann politisch nutzbar gemacht werden soll.

Wie jetzt: Der große WDR, der Konservativen vor Jahrzehnten schon als „Rotfunk“ galt, der auch jüngst immer wieder im Fokus öffentlicher Diskussionen stand und dann nicht selten mit kommunikativer Ungeschicklichkeit auffiel, übernahm gerade den ARD-Vorsitz – und repräsentiert damit in der kommenden Zeit, in der es immer wieder um die Beitragshöhe gehen wird, das Prinzip Öffentlich-Rechtliche. Nun mit dem Ballast der jüngsten Eindrücke an den Hacken. Viel krawalliger, als es geschehen ist, hätte selbst der angekündigte Fernsehsender der Bild, der laut einem Branchendienst „News in Live-Entertainment“ verwandeln will, die von rechten Kampagneros angestoßene „Umweltsau“-Welle kaum inszenieren können.

Wem sie eh in den Kram passte, der nahm diese Welle freilich gern auf. Die Öffentlich-Rechtlichen, hieß es etwa in einem Kommentar, könnten sich doch auf das konzentrieren, „was der freie Markt nicht bereithält, also seriöse und umfassende Fernseh- und Radionachrichten“, und „auf alles andere verzichten“. Das sollten sie aber mal schön bleiben lassen. Das Ergebnis wäre ein ungesund abgemagertes System.

Der freie Markt leistet nicht und würde auch nicht leisten, was ARD, ZDF und Deutschlandradio veranstalten. Dafür kostet die Herstellung von technisch gutem, dicht getaktetem Fernsehen und Radio für eine ganze heterogene Gesellschaft zu viel Geld. Teile der deutschen Filmwirtschaft könnten einpacken. Ernst zu nehmende Dokumentationen gäbe es kaum noch. Nischeninhalte, wie sie bei 3sat oder Arte laufen, verschwänden weitgehend vom Radar. Netflix, das von Marktliberalen immer wieder als Argument gegen ARD und ZDF angeführt wird, produziert in Deutschland wenig und praktisch nichts Nichtfiktionales. Viele Ältere, die auch grundversorgt werden wollen, wären einigermaßen abgeschnitten; die angeblich omafeindlichen Anstalten sind viel generationsübergreifender tätig als die Privaten, die in 70-Jährigen keine Zielgruppe sehen müssen.

Der Auftrag ist nicht nur, Nachrichten zu senden. Der Auftrag ist: die Vielfalt dieser Gesellschaft. Wie kann man also alle oder doch möglichst viele Menschen erreichen? Vor allem bei Menschen mit formal niedriger Bildung und bei Jüngeren gibt es hier ein Problem. Viele Jüngere wissen etwa gar nicht, was lineares Programm ist. Deshalb spielen ARD und ZDF verstärkt Inhalte über YouTube aus. Dort – und nicht mehr bei den Dritten, die vor allem für die Abbildung des Regionalen ihre Bedeutung behalten – findet ein guter Teil öffentlich-rechtlicher Innovation statt. Beim jungen Kanalnetzwerk „funk“ etwa wird beständig ausprobiert, aussortiert und neu gemacht, dabei entsteht viel Gutes.

Problematisch ist die Entwicklung, weil das Publikum bei YouTube die Inhalte gar nicht unbedingt als öffentlich-rechtlich erkennt und weil gemeinschaftlich finanziertes Programm über die Infrastruktur eines kommerziellen Riesen ausgespielt wird. Die Öffentlich-Rechtlichen bräuchten einen gemeinsamen Public Open Space, leicht zugängliche Plattformen, von denen Bildungs- und andere gemeinfreie Inhalte auch downloadbar sein müssten. Wie Derartiges zu schaffen ist: Das ist eine der Zukunftsfragen. Die Frage nach der Akzeptanz, um die gerungen werden muss, eine andere. Die nach der Verjüngung der Redaktionen bei gleichzeitigen Personaleinsparforderungen eine weitere. Ein umgedichtetes Kinderlied ist keine.

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06:00 14.01.2020

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