Der Fall Höcke

Journalismus Mit Interviews kann man der AfD nicht beikommen. Trotzdem sollte man sie führen
Der Fall Höcke
Aus der Nummer, dass ein Gespräch von AfD-Gegnern anders gedeutet wird als von Fans, kommt der Journalismus nicht raus

Foot: imago images/Uwe Steinert

Im Jahr 2015, als noch nicht jedem Menschen in diesem Land ungefähr klar war, was Björn Höcke für einer ist, wedelte er in einer Talkshow mit einer Deutschlandfahne. Womöglich erhoffte man sich, er würde sich schon selbst entlarven. Sich verplappern, eine „88“ auf dem Revers tragen – irgendwas. Was stattdessen entlarvt wurde, war die Schwierigkeit, ihm beizukommen. Deutschlandfahne! Wie so ein konservativer Hymnen-Mitsinger.

Vier Jahre später sind Fortschritte zu besichtigen. Am Sonntag wurde vom ZDF ein neues Gespräch mit Höcke veröffentlicht. Es ging um seine mit NS-Anleihen gespickte Sprache; und der Interviewer ließ sich nicht besabbeln. Höcke brach das Ganze ab und deutete an, der Journalist könne sein Verhalten bereuen. „Als würde der Politiker mit einer Machtergreifung kokettieren“, schrieb die NZZ. Das Problem war, dass auch dieses Interview eine andere Rezeption zulässt, wie auf Höckes Facebook-Seite nachzulesen ist. Seine Fans sehen ihn von den Öffentlich-Rechtlichen niedergemacht.

Die Frage ist, was daraus für Journalisten folgt. Sollte man AfD-Leute gar nicht mehr befragen? No way. Natürlich müssen öffentlich-rechtliche Sender, die „einen umfassenden Überblick“ über das Geschehen „in allen wesentlichen Lebensbereichen“ geben müssen, mit dem Spitzenkandidaten einer Partei reden, die in seinem Bundesland auf mehr als ein Fünftel der Stimmen hoffen kann. Nichts wäre armseliger, als den publizistischen Auftrag zu verändern, weil man der AfD nicht beikommt. „Keinen journalistischen Sonderfall“ aus der AfD zu machen, wie die NZZ fordert, ist auch abwegig. Warum sollte man mit Höcke über Gesetzesentwürfe reden und mit Olaf Scholz über Umsturzpläne? Natürlich ist Höckes völkischer Parteiflügel ein Sonderfall, weil er sich nun mal so aufführt.

Nein, aus der Nummer, dass ein Gespräch von AfD-Gegnern anders gedeutet wird als von Fans, kommt der Journalismus nicht raus. Kommunikation hat immer nicht-intendierte Wirkungen – eine der frühesten Erkenntnisse der Kommunikationswissenschaft. Interviews sind daher kein Werkzeug gegen die AfD. Keine Interviews allerdings sind auch keines. Denn, andere Erkenntnis: Man kann nicht nicht kommunizieren.

Nur eines bestätigt sich immer wieder: Wer mit AfD-Leuten plaudern will, wird am Ring durch die Manege gezogen. Der einzige journalistische Weg, angemessen mit der Partei umzugehen, ist, sich sehr gut vorzubereiten.

06:00 19.09.2019
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