Der längste Kreis der Welt

Werbekritik Mercedes Benz wirbt mit dem "längsten Film der Welt". Er handelt von Qualität und Fortschritt, doch wenn man genauer hinschaut, ist er ein Plädoyer gegen die Energiewende

Die Daimler-Tochter Mercedes-Benz hat am 19. Oktober um 13 Uhr den nach eigenem Bekunden „längsten Film der Welt“ auf ihre Webseite gestellt, einen Dauerspot für Motorenöl. Wer von Zeit zu Zeit einen Blick auf die Seite werfe, heißt es dort, könne sehen, dass er „ewig läuft“. Man sieht einen Oldtimer, der, vermutlich besagtes Öl im Bauch, Kilometer um Kilometer pannenfrei weiter fährt, Minute um Minute, Stunde um Stunde, irgendwann angeblich Jahr um Jahr. Über dem Film läuft eine Uhr mit, die anzeigt, wie lange der Spot bereits online steht. Die „besondere Ausdauer“ von Mercedes-Produkten sei Inspiration für den Film gewesen, ist zu lesen. Im Subtext schwingen hier Qualität und Fortschritt mit, der damit beginnt, das Gute zu bewahren.

Es drängt sich aber noch eine andere Interpretation auf: Das Auto, locker 90 Jahre alt, fährt vorbei an Hügeln, Wäldern und einem Haus, immer weiter und immer streng geradeaus – das erkennt man an der Stellung der Vorderräder, die parallel zu den Hinterrädern stehen. Obwohl das Auto aber schnurgerade fährt, passiert es jede einzelne Landschaftsaufnahme in Dauerschleife alle 47 Sekunden wieder. Es fährt also eigentlich für immer im Kreis. Was im Gewand des Fortschritts daherkommt, ist somit Stillstand. Die Automobilindustrie tritt verlässlich auf der Stelle – uralte Rußschleudern sollen ewig weiterlaufen. Es handelt sich bei dem Spot demnach um ein Plädoyer gegen die Energiewende. Sind Autokonzerne gegen die Energiewende? Man muss es wohl Glück nennen, dass es nur Werbung ist, denn man weiß ja: Werbung sagt nicht die Wahrheit.

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