Die Hofberichterstatter

Medientagebuch Die neue Direktorin des Schweizer Radio und Fernsehens warnt Journalisten vor allzu kritischen Fragen. Diese vergraulten Politiker. Ist das ein Scherz?

Bei einem Interview der Neuen Zürcher Zeitung ist am Sonntag ein Satz gefallen, der einige Journalistinnen und Journalisten ziemlich erstaunt hat. Nathalie Wappler hat ihn gesagt, die designierte neue Direktorin des öffentlich-rechtlichen Schweizer Radios und Fernsehens (SRF), und er thematisiert das angemessene Verhalten von Medienschaffenden: „Wenn wir in einem Beitrag einen Politiker zu Wort kommen lassen und wenn der Journalist dann den Eindruck erweckt, er wisse es besser, provoziert das einen Vertrauensverlust.“

In Teilen steuerte der Satz auf eine realistische Beschreibung der Situation zu: Es gibt Menschen, die Medien als feindliche Umerziehungskräfte ansehen. Aber das Verb „provozieren“, das sie dann benutzte, war eine Provokation. Bedeutet es doch nichts anderes als: Sachlich ist, wenn Journalisten nicht klugscheißern. Es ist, als würde man einem Maler den Pinsel wegnehmen.

„Wie kann man sich mental so weit davon entfernen, was Journalismus ausmacht?“, fragte etwa eine Deutschlandfunk-Redakteurin. Und ein freier Medienjournalist kommentierte: „Wenn das wirklich so kommt, ist die SRF eingeknickt gegenüber den Populisten.“ Einknicken vor den Populisten, das klingt dramatisch. In dem Debattenzusammenhang könnte man den Interview-Satz aber genau so verstehen: als Aufforderung, Politikern im Bereich des nachrichtlichen Journalismus nicht zu widersprechen. Das zu tun, was die Schweizer SVP am liebsten von den ohnehin unter Druck stehenden öffentlich-rechtlichen Redaktionen hätte. Was mancher aus der FPÖ in Österreich, schlecht kaschiert, längst vom ORF fordert. Was die AfD im Zweifel auch will, die sogar an Schulen auf eine vermeintliche Neutralität pocht, aber damit meint: keine Kritik an der AfD.

Die Fragen, die hier berührt werden, sind grundsätzlich. Was sind Nachrichten? Ist etwas eine Nachricht, nur weil es zum Beispiel der US-Präsident sagt? Vor einiger Zeit hat er fälschlicherweise behauptet, in Deutschland sei im Zuge der Flüchtlingssituation die Kriminalität gestiegen. Das ist eine Nachricht? Oder besteht sie eher darin, dass er sich Zahlen ausdenkt, um damit Politik zu machen? Es gibt genügend Journalisten, die finden: natürlich Letzteres. Um die Nachricht zu verbreiten, dass Trump lügt, muss man nur jener Besserwisser sein, der man nicht sein soll.

Man muss sich aber gar nicht in den Bereich der Trump’schen Lügen begeben. Was, wenn Politiker von „Asyltourismus“ sprechen, von einer „Flüchtlingswelle“, von einem „Masterplan“, dessen Meisterlichkeit sich nicht überprüfen lässt, weil ihn niemand lesen darf? Keiner der Begriffe ist faktisch falsch. Aber bei allen handelt es sich um politisch codierte Begriffe, die man übersetzen muss. Das, könnte man sagen, ist eine urjournalistische Aufgabe. Als während des Unionsstreits aber Journalistinnen anregten, Horst Seehofers Masterplan bis zu seiner Veröffentlichung erst mal einen „sogenannten“ zu nennen; als der etwa von Markus Söder benutzte „Asyltourismus“-Begriff von Medienleuten als die Aufwiegelung bezeichnet wurde, die er war, waren sofort Kritiker zur Stelle, die „einseitige“ Öffentlich-Rechtliche witterten und von einer „Bevormundung“ des Publikums sprachen.

Vielleicht muss man noch mal klar sagen, was der Gegenentwurf zu solcherlei vermeintlicher Bevormundung ist: Der Gegenentwurf heißt Hofberichterstattung. Und sehr ernsthaft zu befürchten ist, dass so etwas einen Vertrauensverlust provozieren würde.

06:00 20.11.2018
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