Die Springer-Republik

Verlag Der Konzern atmet noch ­immer den Geist seines Gründers und hat es geschafft, die Mitte der Gesellschaft nach rechts zu rücken

Die Zukunft sitzt im 6. Stock. Marc Thomas Spahl, der Direktor der Axel-Springer-Akademie, bittet zum Gespräch auf eine Sitzgruppe aus Leder. Danach ahnt man, warum viele angehende Journalisten bei Axel Springer-Medien arbeiten wollen; mehr als 1.000 Bewerber soll es zuletzt auf 40 Akademieplätze gegeben haben, sagt Spahl.

Die Ausstattung ist exzellent, der Umgangston freundlich. Und wenn man nach einer beeindruckenden Präsentation der technischen Innovationsfähigkeit im Aufzug wieder runterfährt, trifft man zuerst Rowan Barnett, der Bild Online bald verlässt und Deutschlandchef von Twitter wird. Und unten in der Lobby kommt einem auch noch Schauspieler Liam Neeson samt Entourage entgegen. Anderthalb Stunden im Berliner Springer-Haus reichen, um das Gefühl zu bekommen, ein Großevent in einer rundlaufenden Maschine besucht zu haben.

Der Übergang zwischen der Maschine und dem Rest der Welt befindet sich in der Lobby des Berliner Verlagssitzes in der Axel-Springer-Straße. Er bedeutet keine körperliche Erfahrung, wie es der Eintritt ins Zaubereiministerium bei Harry Potter sein muss, in das man gelangt, wenn man sich die Toilette herunterspült. Aber zumindest für deutsche Medienhäuser ist dieser Übergang zu außergewöhnlich, um unerwähnt zu bleiben. Es handelt sich nämlich um eine Handgepäckschleuse wie am Flughafen.

Hinter der Eingangsdrehtür muss man seinen Ausweis vorlegen. Der verschwindet dann hinter dem Tresen, während man Jacke und Tasche – Laptop, falls vorhanden, gesondert – durch eine Röntgenschleuse schiebt. Es folgt der Metallscanner, und wenn der beim Durchgehen piept, kommt ein Mann in Uniform und fährt mit einem kleinen Detektor am Körper entlang.

Man kann diese Prozedur als reine Sicherheitsmaßnahme verstehen, und es ist leicht, sie übertrieben zu finden. Typisch Springer oder sowas. Aber andererseits begehrt man hier ja Einlass zu einem über Jahrzehnte gewachsenen Feindbild. Und man weiß nicht, ob die Leute nicht doch öfter, als man denkt, auf die Idee kämen, die Bild-Redaktion mit faulen Tomaten zu bewerfen, wenn man hier einfach reinmarschieren könnte.

Auf streitbarem Boden

Es ist mehr als vier Jahrzehnte her, dass Springer-Medien die 68er mit dem publizistischen Wasserwerfer bekämpften. Dass Demonstranten den Verlag stürmen wollten, die Auslieferung der Zeitung behinderten oder Schaufenster der Berliner Morgenpost einwarfen. Der Anschlag der RAF auf das Verlagshaus in Hamburg jährt sich im Mai zum 40. Mal. Die Fronten waren abgesteckt: da die Springerschweine, dort das Studentenpack. Aber einiges hat sich ja doch seither geändert.

„Die Intelligenz war 20 Jahre lang links, irgendwie antispringer“, schrieb der Vorstandsvorsitzende Mathias Döpfner 2005. Verallgemeinerbar ist das heute sicher nicht mehr. Es gab seit Längerem keinen Aufruf von Schriftstellern mehr, Springer zu boykottieren, wie 1967 und 1980, seinerseits nicht nur von linksengagierten Autoren. Kritiker wie Günter Wallraff werden heute zur Aufarbeitung von dunklen Kapiteln der eigenen Geschichte sogar eingeladen. Die Spannbreite der geöffneten Arme ist so groß wie die eines Albatros. Die Mauer ist gefallen. Das Verlagshaus, das 1959 direkt an der Grenze zum sowjetischen Sektor gebaut wurde, zur „DDR“ also – wie es in den eigenen Zeitungen bis zur Wiedervereinigung hieß –, steht heute fast schon in Berlin-Mitte. Die Hauptschauplätze des früheren Springerschen Schaffens sind inzwischen Orte der Erinnerung.

Dennoch: Springers polarisierende Wirkung ist geblieben. Einerseits, sagt Spahl, würden sich mittlerweile auch junge Leute für die Akademie bewerben, die das vor einigen Jahren kaum getan hätten, sondern eher zur taz gegangen wären. Andererseits hört man Geschichten wie die einer jungen Journalistin, die ihren zugesagten WG-Platz wieder verlor, als die neuen Mitbewohner erfuhren, dass sie bei Springer arbeite.

Erst 2006, es war die Zeit des Streits um die Mohammed-Karikaturen, wollte ein Student tatsächlich mit einem Messer ins Haus eindringen. Und erst kürzlich wurde der Balanceakt beschädigt, jene 5,80 Meter hohe Skulptur, die auf dem Verlagsvorplatz steht und eine männliche Figur zeigt, die auf der Mauer balanciert. 2009 aufgestellt, soll sie an die Grundsteinlegung des Hauses erinnern. Und auch noch – Unternehmens- und deutsche Geschichte werden bei Springer gern in einem Atemzug genannt – den „Balanceakt der Wiedervereinigung“ symbolisieren. Logisch.

Im vergangenen Monat wurde die Figur mit Farbe überschüttet, Orange und Rot. Täter unbekannt entschwunden. Stellt sich die Frage: Gab es ästhetische Differenzen? War es doch Alkohol? Oder mal wieder: Haut dem Springer auf die Finger? Wie bei den 68ern?

Die Sicherheitsschleuse vermittelt das Gefühl, im nächsten Moment zwar streitbaren Boden, aber doch auch etwas Großes zu betreten. Sie ist der Zugang zu einem Apparat, in dem es um etwas geht, oft genug um alles, und in dem besondere Codes gelten. Die Schleuse erfüllt nämlich auch die Aufgabe eines Türstehers, wie vor einem exklusiven Nachtclub. An dieser Stelle beginnt der Corporate Geist des Springer-Verlags den Besucher zu umwehen.

Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Alles scheint in diesem Unternehmen in den Händen des Gründers Axel C. Springer zu liegen, der am 2. Mai 100 Jahre alt werden würde. Der „Journalist, Unternehmer, Freiheitskämpfer“, als den man ihn im Moment auf der Webseite meilensteine.axelspringer.de verkauft. Ein Mann, der dem Laden über seinen Tod hinaus bis heute seinen Kompass vorhält. Und dieser Kompass zeigt immer noch stur nach Westen, dorthin, wo man die Mitte vermutet. Axel Cäsar Springer soll nach innen Identifikations- und nach außen Gallionsfigur sein.

Seine Witwe, die Hauptaktionärin Friede Springer, die nicht Verlegerin genannt werden will, sitzt bis heute an seinem Schreibtisch und sagt, sie sei „ein Produkt Axel Springers“. Wie in manchen Ämtern Fotos des Bundespräsidenten hängen, zieren seine Porträts manche Büros im Berliner Springer-Gebäude. Mathias Döpfner, der Vorstandsvorsitzende, versucht sich heute darin, zugleich als Journalist, Unternehmer und Freiheitskämpfer in den Fußstapfen des Gründers zu wandeln. Bei jeder Gelegenheit freilich betonend, dass der alte Springer ungefähr Schuhgröße 700 hatte.

Döpfner schreibt als promovierter Musikwissenschaftler zum Tod von Whitney Houston, aber auch über Gustave Courbets weltberühmtes Bild L‘Origine du monde, auf dem eine Vagina zu sehen ist. Er ist für die Renditen verantwortlich. Und er hat ein Buch veröffentlicht, Die Freiheitsfalle, das die Republik geistig nicht nachhaltig befruchtete. Wer weiß, vielleicht hätte ihm Courbets Bild als Cover gutgetan. Aber Döpfners Streben, nicht nur auf die erste Seite des manager magazins zu kommen, sondern auch die Bedeutung des Hauses auf dem Gebiet der schönen Dinge des Lebens zu mehren, ist unverkennbar. Seit neuestem sammelt er auch Kunst.

Inge Kloepfer schreibt in ihrer Biografie über Friede Springer, Döpfner garantiere jene „konservativ-geistige Heimat“, für die sie auch stünde. Sie habe in ihm Züge ihres verstorbenen Mannes entdeckt. Es gibt Urlaubsfotos von ihr und der Familie Döpfner am Strand von Sylt. Er ist unantastbar, weil sie es seit zehn Jahren so will. Während Döpfner also Springers Erbe hochhält, muss man im Konzern nicht lange nach Mitarbeitern suchen, die ihn ehrfürchtig als „den Vorsitzenden“ bezeichnen und seinen Doktor-Titel voranstellen, wenn sie von ihm sprechen.

Aus der Perspektive des Konzerns mag das alles seine Ordnung haben: das Bewusstsein für bestehende Hierarchien, der Gründermythos, das innere Regelwerk. Wenn man aber mit dem Blick des Außenstehenden – und ja, des Skeptikers – herangeht, fragt man sich, ob sich Loriot die Inspiration zu seinem „Herr Dr. Klöbner!“ seinerzeit nicht im Springer-Verlag geholt hat. Die Maschine hat ein intaktes Eigenleben, es rattert und brummt, alle sind auf Betriebstemperatur. Aber von außen sieht man erst einmal all den Dampf, den die Maschine produziert.

Dass die Außen- nicht mit der Binnenwahrnehmung im Einklang stand, führte in den Sechzigern und Siebzigern zu einer, in Döpfners Worten, „Bunker- und Barrikadenmentalität“, zu einer „Verbissenheit und Unfröhlichkeit“, die, nun nicht in Döpfners Worten, in Teilen mit ins 21. Jahrhundert geschleift wurden. Gerade in den letzten Jahren jedoch hat sich der Verlag rasant zu modernisieren versucht. Man will: endlich ernst genommen werden.

Journalisten wie Benjamin von Stuckrad-Barre gehören zu denen, die als Signal der Öffnung geholt wurden und heute exklusiv für Springer-Publikationen schreiben. Der ist sich nun nicht zu schade, für die B.Z. zu schreiben, eine Art Berliner Bild für Leute, die morgens maximal sieben Minuten in der U-Bahn lesen.

Ich scheiß dich mit Geld zu

Auch wenn man ruhig reflexhaft annehmen darf, dass er sich kaufen ließ, dass es ihm wie Baby Schimmerlos in Kir Royal ging: „Ich scheiß dich sowas von zu mit meinem Geld“, sagte dort der Großindustrielle zum Reporter. Man muss aber auch fragen: Warum sollte Stuckrad-Barre, der ja weder politischer Autor noch linksradikaler Aktivist ist, eigentlich nicht für Springer schreiben?

Letztes Jahr hielt er zur Verleihung der Axel-Springer-Preise an junge Journalisten eine Rede und gab dem Nachwuchs, der er selbst vor Kurzem noch war, einige Tipps: auf Journalistenpreise pfeifen, zum Beispiel. Und man solle sich diese Frage eintätowieren lassen: „Wieso eigentlich?“ Genial. Ein Springer-Journalist ruft vor Verlegerin und Vorsitzendem zum Besuch eines Tattoo-Studios auf. Da hat man den ganzen neuen Image-Twist in wenigen Sätzen: Wir sind Springer, wir sind die Mitte, selbst ein Arschgeweih nehmen wir in Kauf. Geht es noch reformfreudiger und gegenwartsorientierter?

Wieso also sollte der Springer-Verlag eigentlich ein Feindbild sein? Wenn Leute dort arbeiten, die keine antiintellektuellen Reaktionäre sind. Wie Stuckrad-Barre oder Ulf Poschardt, der noch immer bekennender FDP-Anhänger ist, obwohl es die Partei wahrscheinlich gar nicht mehr lange gibt. Ist das heute cool? Der ehemalige Chefredakteur von Vanity Fair wurde 2008 in leitender Funktion zur Welt-Gruppe geholt. Die Intelligenz ist nicht mehr irgendwie antispringer, jedenfalls nicht pauschal.

Wenn man den Springer-Verlag verstehen will, muss man seine Zeitungen lesen. Die Welt zum Beispiel ist eine politisch nach wie vor konservative Zeitung mit klarer Agenda: traditionell prowestlich, prokapitalistisch und proisraelisch, mittlerweile aber auch sehr islamkritisch. Aus alten Feindbildern entstehen halt neue. Aber die Abkehr von der alten Verbohrtheit ist nicht zu leugnen. Ein Fall für den Menschengerichtshof ist sie wahrlich nicht. Nur für Zombies? Handwerklich schlecht? Ach was.

Man kann sich täglich über sie aufregen, wenn man mag. Über Poschardts Versuch, die Piraten auf eine ähnlich dämliche Art zu zerpflücken, mit der 1968 schon das Studentenpack als ungewaschen beschrieben wurde. Über Henryk M. Broder, der regelmäßig hoch- und oft hohldreht. Über die Lobhudeleien auf Joachim Gauck, der dafür gepriesen wird, die „radikale Mitte“ zu verkörpern, eine Gegend, in der laut verlagseigener Hörzu auch Axel Springer lebte.

In den fünfziger Jahren war die „Radikale Mitte“ eine Spaßpartei mit weißem Tischtuch als Parteifahne, die etwa „gegen Kompromisslosigkeit“ war. Gauck dagegen verkörpert eine Mitte, in der man etwa Thilo Sarrazins Thesen gar nicht vehement zurückweisen muss, sondern auch, wie Gauck, „mutig“ nennen kann.

Frei nach dem Sarrazin’schen Man-darf-doch-nochmal-fragen-Motto hat der Springer Verlag die Mitte der Gesellschaft nach rechts verrückt. Nun ist man kein Außenseiter mehr, sondern sitzt mittendrin. Nicht Springer hat sich bewegt, sondern die anderen Medien sind dem Konzern gefolgt. Schließlich war es doch neben Bild auch der Spiegel, der Sarrazin vorab druckte, ist es heute die Zeit, die den Mund hält, wenn die Stühle von Leuten wie Karl-Theodor zu Guttenberg oder Christian Wulff schon so mächtig wackeln, dass es nur eine Frage von Tagen ist, bis sie umfallen.

Das darf man doch mal sagen

Hans Zipperts bisweilen recht komische Seite-1-Glossen prägen die Welt. Alan Poseners Analysen. Die Texte des Herausgebers Thomas Schmid, des ehemaligen 68er-Weggefährten von Joschka Fischer und Daniel Cohn-Bendit, in denen er sich von allem abgrenzt, was irgendwie links riecht; Auffassungen, die die politische Kernagenda der Welt klar umreißen. Ein Interviewerkollektiv stellte Thilo Sarrazin die Falle mit dem „jüdischen Gen“, in die er bereitwillig tappte. Aber auch ein homophober Text über die „Homosexualisierung der Gegenwart“, der 2009 von der Schweizer Weltwoche übernommen wurde und der in dieser Dumpfheit wohl in keiner anderen überregionalen deutschen Zeitung gestanden hätte.

Und auch der momentan vieldiskutierte Weltwoche-Titel, der einen Roma-Jungen mit einer Schusswaffe über der Schlagzeile „Die Roma kommen: Raubzüge in die Schweiz“ zeigte, ist erwähnenswert: Weltwoche-Chef Roger Köppel war bis 2006 Chefredakteur der Welt. Er war es, der 2006 Ziel des geplanten Messerangriffs war, nicht etwa Bild. Die Schweizer Zeitung jedenfalls ist, unverkennbare Modernisierung und Liberalisierung hin oder her, nur genau eine Personalie weit weg.

Und dann ist da Bild. Und mit ihr die Frage: Wieso eigentlich sollte man einen Verlag nicht besonders kritisch beobachten, zu dessen Glanzstücken eine Zeitung gehört, die so viele Presseratsrügen kassiert wie kein anderes Medium; die mit Methoden arbeitet, die wahrscheinlich auch nicht im Lehrplan der Axel-Springer-Akademie stehen. Die Kampagnen gegen „Ausländer“, Sozialstaatschmarotzer und Griechen fährt. Die Opfer eines Unglücks mit Porträtfotos auf der Titelseite abbildet. Die auf dem Höhepunkt der Sarrazin-Debatte titelt, man werde „ja wohl noch sagen dürfen“ – eine Behauptung, die man zum Slogan dieser „radikalen Mitte“ machen könnte, die, wie gesagt, Springers Geschöpf ist. Bild behauptet, die „bittere Wahrheit über Ausländer und Hartz IV“ ins Blatt zu packen, aber sucht die unbitteren Wahrheiten lieber gar nicht erst.

Auf dem Höhepunkt der griechischen Krise gab es als Toprecherche verbrämte Schlagzeilen über die „Pleite-Griechen“, die man nur mit Wohlwollen noch chauvinistisch nennen kann. Was nicht in die vorgefertigte Mitteilungsschablone passt, sortiert Bild konsequent aus. Das war schon immer so. Eine Story ist auch heute weniger das Ergebnis einer Recherche, sondern die Recherche dient als Beleg für die eigene Meinung.

Auch Bild sei eine Zeitung der Mitte, behauptet Chefredakteur Kai Diekmann, aber die Formulierung hat, wie immer, wenn Diekmann öffentlich den Mund aufmacht, Schlagseite bis zur Reling. Sie bedeutet nicht etwa, dass in seiner Zeitung alle Seiten zusammengebracht würden. Auch nicht, dass sie sich tatsächlich an einen gesellschaftlichen Querschnitt richten würde. Die Botschaft, wenn Diekmann „Mitte“, sagt, lautet: Die anderen sind Spinner. Mitte ist sein Ausdruck für Frontschwein.

Wenn die Zeitung allerdings politisch Konkretes erreichen wollte, ist sie immer wieder gescheitert. Der Berliner Flughafen Tempelhof wurde nach einem Volksbegehren geschlossen – obwohl Bild strikt dagegen war. Religionsunterricht als Lehrfach – in Berlin abgelehnt, obwohl Bild es anders wollte. Karl-Theodor zu Guttenberg – letztlich zurückgetreten, trotz der uneingeschränkten Fürsprache von Bild, die sich in Zeilen wie „Gut! Guttenberg bleibt!“ manifestierte.

Wird Bild doch überschätzt?

Die Wirkung von Medien ist komplex, in einer Welt der vielen medialen Öffentlichkeiten ohnehin. Wird Bild also vielleicht doch überschätzt?

Beruhigend immerhin sei, sagt Stefan Niggemeier, dass der direkte Einfluss auf Leser „gar nicht so riesig ist“, wie man an den Volksbegehren ja sehe. Niggemeier ist Medienjournalist für den Spiegel. Bekannt wurde er unter anderem als Mitgründer des Bildblogs, eines Watchblogs, das sich von 2004 bis 2009 ausschließlich „den kleinen Merkwürdigkeiten und dem großen Schlimmen“ der Bild widmete, um die postmoderne Wahrnehmung der Zeitung als gut gemachtes, irgendwie doch unterhaltsames Massenblatt zu verändern. Das Bildblog sorgte mit für einen Wahrnehmungswandel.

Aber dann, 2009, erweiterte es seine Perspektive und wurde vom speziellen zum allgemeinen Medien-Watchblog. Warum? „Weil es“, sagt Niggemeier, „etwa nach Winnenden ein bisschen ungerecht war, die anderen auszublenden. Da gab es seitens vieler Medien ein Fehlverhalten.“ Dennoch, sagt er, habe Bild nach wie vor „eine Sonderrolle“. „Ihre Macht wird von Entscheidungsträgern überschätzt. Die glauben alle, wenn Bild anruft, muss man kuschen und reden. Aber das macht die Macht aus. Die Macht von Bild entsteht dadurch, dass sie für mächtig gehalten wird.“ Aber lässt sich daraus bereits auf eine gesellschaftspolitische Sonderstellung von Springer schließen?

Bilanz-Pressekonferenz von Bertelsmann in Berlin, im März. Die Vorstandsmitglieder lesen ihre Reden vor. Wenn man in einem Lexikon einen Eintrag wie „Jahresbilanz“ oder „Wirtschaftsjargon“ noch ein wenig spannender machen wollte, man könnte ein Foto dieser Runde daneben stellen. Die Bertelsmann-Kommandantur Unter den Linden ist herausgeputzt, auf die Journalisten wartet hinterher ein Mittagsbuffet, das sich normalerweise nur die Festangestellten unter ihnen leisten könnten. Auch bei anderen Großunternehmen bemüht man sich um einen guten Eindruck. Bertelsmann, nicht Springer, ist der größte deutsche Medienkonzern. Gruner+Jahr mit Zeitschriften wie dem Stern und Anteilen am Spiegel, der große Geldbringer RTL und der Buchverlagsriese Random House gehören zu Bertelsmann.

So gut wie jeder hat eine Meinung zu Springer. Aber wen juckt Bertelsmann?

Das Verlagsunternehmen Mondadori, an dem Silvio Berlusconi die Mehrheit hält, ist zum Beispiel Bertelsmanns Partner in Spanien und Lateinamerika und von Gruner+Jahr in Italien. Wer weiß das? „Stellen Sie sich das Geschrei vor“, sagte der Journalist Jens J. Meyer 2011 in einem Interview, „wenn statt Gruner+Jahr das Haus Springer mit Silvio Berlusconi verbündet wäre.“

Der Journalist Thomas Schuler hat ein Buch über die Bertelsmannrepublik geschrieben. Seine These lautet, über die als gemeinnützig geltende Bertelsmann-Stiftung nehme der Konzern konkret Einfluss auf die Politik. Arbeitsmarktreformen unter Gerhard Schröder, das Hochschulfreiheitsgesetz in NRW, das Managern den ­Zugang zu Universitäten verschaffte, Privatisierungsforderungen im Gesundheitswesen, überall habe die Bertelsmann-Stiftung ihre Kochlöffel in den Topf gesteckt.

Was könnte dagegen eine „Springerrepublik“ sein?

Springer ist jedenfalls nicht der Monopolist auf dem deutschen Meinungsmarkt geworden, den die 68er fürchteten. Mittlerweile investiert der Verlag eher im Ausland und in Digitalgeschäfte. 2005 noch wollte Springer die Mehrheit an ProSiebenSat.1 übernehmen. Kartellamt und die Medienkommission KEK untersagten die Fusion. Dass die Entscheidung heute noch einmal so fallen würde, ist nicht ausgemacht.

Andererseits ist in der Stimmungsmache niemand offensiver als Bild, und schon das reicht, um sich darüber zu freuen, dass Sat.1 heute nicht „Bild-TV“ ist. Das Meinungsspektrum ist, wenn es um Konzerninteressen geht, bei Bertelsmann-Medien größer, das Gegenteil wäre jedenfalls erst noch zu belegen. Axel Springer dagegen muss man aus Erfahrung immer im Verdacht haben, Unternehmensinteressen auch über seine Medien durchzusetzen. Wie 2007. Nachdem der Verlag mehr als eine halbe Milliarde Euro in den privaten Briefzustelldienst Pin-AG investiert hatte, agitierte er offensiv gegen den geplanten Mindestlohn für private Postanbieter, ohne das eigene Interesse zu erwähnen.

„Kreativität, Unternehmertum, Integrität“, das seien die drei Werte der Unternehmenskultur, heißt es auf der Springer-Homepage. Die Frage, in welcher Reihenfolge sie angeordnet werden müssten, ist damit beantwortet. Wenn es nicht um irgendwelchen Image-Mist, um die Zerstörung des Kommunismus, sondern um richtig Kohle geht, kommt die Bilanz zuerst. Für das Unbehagen, das dem Konzern nach wie vor entgegengebracht wird, gibt es also immer noch Gründe.

Gründerväter der Mitte

Die Identität des Konzerns speist sich weiterhin aus der historischen Rolle des streitbaren politischen Vorkämpfers, den Journalisten, den Verleger und Freiheitskämpfer. Reinhard Mohn, quasi der Axel Springer von Bertelsmann, hatte stets viel klarer eindeutig wirtschaftliche Interessen. „Bertelsmann hat ein offenes Ohr für alle, außer für die Linke“, sagt Thomas Schuler. Axel Springer dagegen wollte und will gar nicht mit allen. Springer ist immer bei seiner, sehr eng definierten politischen Linie geblieben.

Im April informierte der Verlag auf jener „Meilensteine“-Webseite, die die wichtigsten Stationen im Schaffen des Gründers aufführt, gar, dass Springer – eigentlich nicht Axel selbst, aber doch einer seiner Angestellten, also irgendwie doch auch ein bisschen er – die Barbie-Puppe erfunden habe; sie sei 1952 als „Bild-Lilli“auf den Markt gekommen. Deutschland, das Unternehmen, selbst die Erfindung der „Barbie“-Puppe: Alles sein Werk. Wir sind Axel Springer. Manche vielleicht ein bisschen mehr als andere. Selbst die digitale Innovationsfähigkeit des Verlags ist dazu angehalten, sein Vermächtnis zu sein, als könnte heute keiner im Verlag geradeaus denken. Experimentierte Axel Cäsar Springer nicht schon früher als andere mit Btx?

„Axel Springer“, sagte Mathias Döpfner bei seiner Neujahrsansprache im Januar, „wollte wenig, das aber wirklich. Sein gesellschaftspolitisches Konzept hatte Klarheit und Kontinuität. Axel Springer wollte die Wiedervereinigung. Auftrag erfüllt. Springer wollte Berlin als deutsche Hauptstadt. Heute ist Berlin Hauptstadt. Und Springer wollte den Sowjetkommunismus loswerden. Heute ist der Kalte Krieg vorbei, und vom Kommunismus sind nur noch ein paar Endmoränen in Kuba und Nordkorea übrig. Was für eine Erfolgsbilanz.“

Man wüsste gern, ob Döpfner selbst bei solchen Sätzen innerlich lachen muss. Aber die These steht im Raum und beansprucht, ernstgenommen zu werden. Springer wird in diesen Tagen im Grunde gefeiert als ein Gründervater der Mitte.

Alle Imagekorrekturbemühungen, Fehlerzugeständnisse, Modernisierungsstrategien und Geschichtsaufarbeitungsversuche des Verlages, auch die Bild-Werbekampagnen, in denen Kritiker zu Wort kommen, die dadurch in die Maschine gesaugt werden, all die Stuckrad-Barres und Poschardts sollen letztlich eine Botschaft vermitteln: Springer ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Was dabei natürlich nicht gesagt wird ist, dass Springers Mitte weit rechts steht.

Denn der Verlag kämpft von dieser neuen gesellschaftlichen Position aus noch immer die alten Kämpfe. Nur die Fronten sind nicht mehr eindeutig abgesteckt. Es geht immer noch gegen den Kommunismus, obwohl Axel Springer den doch schon in die Flucht geschlagen haben wollte. Die jüngste rote Gefahr kam 2009 aus dem Internet – die sogenannte „Umsonstkultur“: Die „Forderungen, nur Gratisinhalte im Internet anzubieten“, seien „abstruse Fantasien von spätideologisch verirrten Web-Kommunisten“, sagte Mathias Döpfner damals.

Derzeit geht es gegen die kostenlose App der Tagesschau, von der private Verlage, allen voran Springer, ernsthaft behaupten, sie bedrohe ihre Existenz. Und um ein Leistungsschutzrecht, das Verlage vor Missbrauch ihrer Produkte im Internet schützen soll.

Andererseits zeigt sich Springers Geist in der eigenen Digitalstrategie am besten: Die finanzielle Ausstattung für das, was bei anderen Verlagen, bei kleineren jedenfalls, Spielerei heißt, ist bei Springer außergewöhnlich. Man brachte als erster eine „Rolling Stone“-App auf den Markt – von allen 20 internationalen Ablegern des US-Magazins. Der Verlag brach in die Zukunft auf, als andere noch überlegten, ob sie vielleicht auch mal eine Website brauchen würden. Dass die digitalen Umsätze heute vergleichsweise enorm sind, hat damit zu tun.

Aber auch damit, dass konsequent die alten Strukturen überarbeitet werden. Die Mitarbeiter der Computer Bild-Gruppe etwa sollen als jüngstes Beispiel wegen „dramatischer Umsatzrückgänge“ in eine nicht tarifgebundene GmbH ausgegliedert und Print- und Onlineredaktion zusammengeführt werden. Die Welt-Gruppe wurde vor einigen Jahren im großen Stil umgebaut. Die Berliner Morgenpost, Welt, Welt kompakt und Welt am Sonntag werden samt Internet in einem Aufwasch gefüllt. Das kommt den digitalen Umsätzen zugute, Onlineredaktionen kosten nicht extra. Es bedeutet aber auch, dass die Redakteure in einer Galeere arbeiten: Einige von ihnen machen bis Freitag die Welt und rudern dann weiter zur Sonntagsausgabe, die dann mit Titeln wie der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung konkurrieren soll.

Natürlich: Betriebswirtschaftliche Maßnahmen auf Kosten der Qualität sind nicht springer-spezifisch. Aber dass man sich zugleich beinahe jedes Frühjahr aufs Neue zu den höchsten Renditen beglückwünscht, das schon.

Selbst die Springer-Akademie ist ein kleines Rädchen in der Maschine. Ihre Schüler, das unterscheidet die Ausbildung von der anderer Journalistenschulen, produzieren, betreut von einigen Redakteuren, täglich eine Zeitung, die in der Welt bestehen soll: nämlich Welt kompakt. „Sie lernen gewissermaßen am lebenden Objekt, Verantwortung zu übernehmen“, sagt Direktor Marc Thomas Spahl, der die gesamte Ausbildung eine „ideelle und finanzielle Investition“ des Unternehmens in den eigenen Nachwuchs nennt. Die Akademie, sagt er, sei eine der Abteilungen im Haus, die „kein klassisches Profit-Center“ seien. Die Investion „in eine fundierte Ausbildung“ zahle sich vielmehr „in journalistischer Qualität aus“.

Das ist die Interpretation des Verlages. Man kann aber auch eine Kosten-Nutzen-Rechnung vornehmen: Die Schüler verdienen Geld, was an Journalistenschulen nicht allgemein üblich ist, sie sind aber auch in die Redaktionen eingespannt und werden schlechter bezahlt als Volontäre. Springer macht dank dieses flotten Modells eine Zeitung ohne Redakteure. Was der Verlag spart – die FTD nennt es: „aus den Zeitungen herauspresst“ –, landet als Investition im Digitalgeschäft. Und nebenbei atmet der Nachwuchs auch schon den Corporate Geist. So entsteht die Zukunft. Bei Springer kann sie kommen. Die Maschine hat ein Eigenleben, sie läuft innen rund. Und den Dampf, den sie ausstößt und den man immer zuerst sieht, wenn man von außen draufschaut – vielleicht ließe er sich mit einem Wasserwerfer wegpusten.

07:00 19.04.2012

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