Die Verdopplung der Schäbigkeit

Medientagebuch Das Traditionshaus DuMont löst seine Hauptstadtredaktion auf und spricht von einer Neugründung. Auch im Journalismus setzt sich das Prinzip MyHammer durch
Die  Verdopplung der Schäbigkeit
Zum Journalismusberuf gehört heute die Kunst, trotz allem seine Würde zu behalten

Foto: Steinach/Imago

Journalismus ist die Kunst, nicht auf Pressemitteilungen hereinzufallen. Vergangene Woche kam eine reingeflattert, die eine kleine Herausforderung war: Die beiden Medienhäuser Madsack und DuMont gedenken, hieß es darin, von Oktober an eine gemeinsame Berlin-Redaktion zu betreiben. Von einer „Gründung“ war die Rede, also von etwas Neuem auf diesem schrumpfenden Markt, von einer Zunahme der „publizistischen Relevanz“, sogar davon, dass man die Stellen „mehr als verdoppeln“ wolle. Man hätte fast „Wow“ ausrufen wollen, so sehr funkelte es. Aber dann halt doch nur fast.

Was soll geschehen? Das Traditionshaus DuMont, zu dem etwa die Berliner Zeitung oder der Kölner Stadt-Anzeiger gehören, löst seine Hauptstadtredaktion auf. Die Zeitungen des Verlags sollen – genau wie die vielen Regionalzeitungen von Madsack – ihre Texte zu überregionalen Politik- und Wirtschaftsthemen künftig von einem Gemeinschaftsgebilde namens RND Berlin GmbH beziehen, an dem Madsack erheblich stärker beteiligt ist als DuMont.

Dass mit einer solchen Kooperation eine Verringerung der Pressevielfalt einhergeht, ist offensichtlich. Mehr als 50 Zeitungen sollen in Zukunft aus einer Hand bedient werden. Auch gilt die Behauptung, es gehe bei alldem um eine Stärkung, nur für die Madsack-Blätter. Die bisherigen Leser der Berliner Zeitung etwa kriegen künftig ein Blatt, dessen Politikteil am Madsack-Standort in Hannover produziert wird – das ist für das stolze Hauptstadtblatt, dessen Belegschaft von der Aussicht, Teil einer Art deutschen Washington Post zu werden, bis zur überdrehten Renditeewartung eines Finanzinvestors alles erlebt hat, ein neuer Tiefschlag. Eine „Kapitulation“ von DuMont sei das Ganze, schrieb ein ehemaliger Chefredakteur. Die Berliner Zeitung bekommt, wie alle DuMont-Blätter, eine neue Handschrift, andere Autorinnen und Autoren. Viele Leser werden auch diese nächste Klimaveränderung natürlich bemerken.

Und was ist mit der „Verdopplung“ der Stellen? Sie ist Blendwerk. Die neue Berlin-Redaktion soll doppelt so groß sein wie die bisherige Madsack-Hauptstadtredaktion, das ja. Aber dass die DuMont-Hauptstadtredaktion verschwindet, hätte man schon dazu sagen dürfen. Während sich für die 8 Berliner Madsack-Redaktionsmitglieder wenig ändern dürfte, sollen die 16 Stellen im bisherigen DuMont-Hauptstadtbüro wegfallen, 10 davon neu ausgeschrieben werden. Betrachtet man die bisherigen Redaktionen zusammen, bleiben von 24 Stellen 18. Was einer Dreiviertelung entspricht.

Freilich hat mittlerweile jeder kapiert, dass auch im Medienmarkt ein Primat der Ökonomie gilt. Auch Redaktionen werden nicht zum ersten Mal zusammengelegt. Was aber den Eindruck von Schäbigkeit hervorruft, ist, wie Journalisten hier vorgeführt werden. Wenn die zehn Stellen, die aus dem DuMont-Hauptstadtbüro mitgenommen werden , neu ausgeschrieben werden sollen, heißt das: Wer seinen Job behalten will, muss sich neu um ihn bewerben. Was hier angewandt wird, ist ein Prinzip, das dem einer Plattform wie MyHammer vergleichbar ist. Dort können sich Handwerker um Aufträge bemühen, die Kunden eingestellt haben – und einander mit Dumpingpreisen und in Beliebtheitsrankings ausstechen.

Zum Journalismusberuf gehört heute die Kunst, trotz allem seine Würde zu behalten. Wenn sich dieses Prinzip durchsetzt, wird es langsam schwierig.

Klaus Raab ist freier Journalist und war als Redakteur für die taz, Zeit Online und den Freitag tätig. Im Wechsel mit Juliane Wiedemeier, Julia Seeliger und Benjamin Knödler schreibt er für den Freitag die wöchentliche Kolumne Medientagebuch.

06:00 01.06.2018

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