Flache steile Hierarchie

K-Frage Michael Ballack bleibt Kapitän der deutschen Fußball-Nationalmannschaft – sofern er aufgestellt wird. Bedeutet das die Rückkehr zum alten Konzept "Leitwolf"?

Michael Ballack ist der neue und alte Kapitän der deutschen Männer-Fußballnationalmannschaft. Das hat Bundestrainer Joachim Löw am Mittwochmittag in einer Pressekonferenz verkündet. Philipp Lahm, der bei der Weltmeisterschaft im Juni und Juli die Kapitänsbinde getragen hatte, ist sein Stellvertreter. Alles bleibt demnach beim Alten, mit dem Unterschied, dass Ballack trotz Kapitänsbinde keine Garantie mehr hat, immer mitspielen zu dürfen.

Fußball, gerade jener der Nationalmannschaft, wird oft als Maßstab für etwas Größeres gesehen. Jahrzehntelang zum Beispiel stand die deutsche Nationalmannschaft dafür, dass einer Gesellschaft, in der die Männer augenscheinlich Füße aus Kruppstahl haben, die Leichtigkeit wohl etwas abgehen muss. Während der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland änderte sich das Image – was im Grunde dem auf kurzfristigen Erfolg basierten Projektfußball des damaligen Teamchefs Jürgen Klinsmann geschuldet war: Die Fußballer spielten nicht Weltklasse, aber spektakulär, sie gewannen ein bisschen und verloren ein bisschen, und am Ende sangen alle zusammen, dass sie trotzdem coole Hunde seien. Gefeiert wurde ein entspannter Spaßpatriotismus deutscher Prägung.

Die nationale K-Frage

Was also nun nach Joachim Löws Kapitänsentscheidung bleibt, die im Vorfeld in den Medien zur nationalen K-Frage hochgejazzt wurde, ist die Frage: Wofür steht sie, gesellschaftlich betrachtet?

Die Vorgeschichte beginnt am 15. Mai 2010. Der in Berlin aufgewachsene ghanaische Fußballnationalspieler Kevin-Prince Boateng foulte Michael Ballack im Pokalfinale der englischen Liga. Ballack, seit 2004 Kapitän des deutschen Teams, fiel für die Weltmeisterschaft verletzt aus. An diesem Tag wurde der entspannte Patriotismus – sofern es ihn je wirklich gegeben hatte – wieder abgeschafft. Sah Boateng, der in Berlin aufgewachsen war und sich zu allem Übel entschieden hatte, nicht für den deutschen, sondern für den ghanaischen Fußballverband zu spielen, nicht schon immer so aggro aus, als wäre er einem Musikvideo des halbtunesischen Rappers Bushido entsprungen? Bei Facebook jedenfalls wurde die Gruppe "82.000.000 gegen Boateng" gegründet, die schnell mehrere tausend Mitglieder hatte. Die wünschten Boateng alles Erdenkliche, zum Beispiel dass er sich "den tätuwierten Hals" brechen möge.

Der Patriotismus entspannte sich wieder, als sich bei der WM in Südafrika andeutete, dass die deutsche Mannschaft ohne Ballack gut spielte. Sie schlug nicht nur Ghana (mit Boateng) 1:0, sondern auch England 4:1 und Argentinien 4:0. Deutschland war wieder die Nation relaxter Fahnenschwenker, die auf alberne Institutionen wie "Anführer" und "Leitwölfe" natürlich gut verzichten konnte; eine weltoffene, für Aufsteiger aus allen Milieus durchlässige, multikulturelle Gesellschaft, wie die Tatsache zu beweisen schien, dass mit Mesut Özil, Miroslav Klose, Semi Khedira, Lukas Podolski, Piotr Trochowski, Dennis Aogo, Serdar Tasci, Mario Gomez, Cacau, Marko Marin und Kevin-Prince Boatengs Halbbruder Jerome das halbe deutsche Team einen Migrationshinter- und zum Teil sogar einen Migrationsvordergrund hatte. Der übrigens bestens integrierte Rapper Bushido steuerte den Song bei, mit dem sich das Team in der Kabine motivierte.

Leistungsbereiter Özil

Die WM 2010 brachte somit die Erkenntnis, dass Fußball kein Beispiel für das gesamtgesellschaftliche Geschehen, sondern immer ein Sonderfall ist: Mesut Özil wurde zwar "einer von uns", aber nur weil er etwas leistete – er schoss das Siegtor gegen Ghana (mit Kevin-Prince Boateng). Sobald jemand mit ähnlichem familiären Hintergrund aber anfängt, "kleine Kopftuchmädchen" zu produzieren (Sarrazin), heißt es unter Mithilfe des Fußballpatriotismusorgans Bild-Zeitung, Deutschland schaffe sich ab.

Zum anderen galt während der WM die flache Hierarchie als trendy Organisationsmodell. Oliver Bierhoff, der Manager der Nationalmannschaft, rief am Dienstag, zu Löws anstehender Entscheidung über den Kapitän befragt, eine neue Zeit aus: "Es sind viele Chefs auf dem Platz gefragt", wurde er zitiert. "Man hat ja bei der WM gesehen: Einer alleine kann es nicht. Von der Generation her sind das jetzt alles Spieler, die flache Hierarchien wollen, und nicht mehr, dass einer den Leitwolf gibt."

Jahrzehntelang galt der Mannschaftskapitän als der echte Kerl, den man braucht, wenn es nicht läuft. Einer, der den Mitläufern im Team sagt, wo es lang geht, gerade wenn es ein Team von Rumpelfüßlern ist. Als nun Ballack, einer der ältesten im Mannschaftskader, ausfiel, demonstrierte Philipp Lahm ein neues Verständnis der Führungsrolle: Der Kapitän in seiner Interpretation ist der, der auf dem Platz mit dem Kapitän der gegnerischen Mannschaft die Wimpel tauscht. Fertig. Die interne Hierarchie wurde geprägt von einem aus fünf Spielern bestehenden Mannschaftsrat. Und der, der auf dem Platz die Akzente setzte, die bislang dem Kapitän vorbehalten waren, hieß nicht Lahm, sondern Bastian Schweinsteiger.

Wie der gelegentlich beteuerte Glaube, dass Weltoffenheit ein verallgemeinerbarer Wesenszug deutscher Fußballfans sei, ist aber auch der Glaube, dass man den Siegeszug der flachen Hierarchie von der Nationalmannschaft vorgelebt sehen könne, trügerisch. Als die deutsche Mannschaft im Halbfinale gegen die spanische verlor, lautete die viel diskutierte Frage: Wäre das mit Ballack auch passiert? Und was nun Löws Entscheidung für Ballack angeht: Er hat sich damit zwar nicht für das Konzept Leitwolf entschieden, aber auch nicht dagegen. Er hat sich offen gehalten, ihn weiterhin einzusetzen, wenn er seine Form wieder findet. Untergehen sollte nicht: Selten zuvor, wenn überhaupt schon einmal, wurde das Fußballspiel einer deutschen Nationalmannschaft so sehr von einer einzelnen Figur geprägt wie heute. Die Figur heißt Joachim Löw.

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15:00 01.09.2010

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