Gewohnt anders

Interview The Notwist haben sich zum zweiten Mal mit US-Kollegen zur Band 13&God vereint – Unglück schweißt zusammen. Das Ergebnis: ein hörenswertes Album. Ist es auch innovativ?

Ein Café in Berlin, am Abend findet ein Konzert von The Notwist statt. Die Brüder Markus und Micha Acher sowie Martin Gretschmann sitzen am Fenster, aus den Boxen läuft ein alter Song der Strokes.

Die Geschichte von The Notwist ist eine Geschichte aus der castingfreien Zone der Musikbranche. Markus und Micha Acher, die im oberbayerischen Weilheim aufwuchsen und in der Dixieland-Gruppe ihres Vaters spielten, gründeten The Notwist als Punk- und Rockband 1989. Andere Weilheimer gründeten ein Label, weitere einen Vertrieb, und irgendwann spielte quasi jeder Weilheimer in jeder Weilheimer Band. Martin Gretschmann, auch Kopf der Electro-Gruppe Console, brachte schließlich das elektronische Knurpsen und Flirren in den Notwist-Sound, der seitdem als Indietronics Beachtung findet, eine Mischung aus Independent-Gitarrenrock und Electronic.

Dieser Tage erscheint das Album Own Your Ghost von 13, einer Band, die aus den drei Musikern von The Notwist besteht und drei Musikern der experimentellen US-amerikanischen HipHop-Gruppe Themselves: Adam Drucker, Dax Pierson, Jeff Logan. Sie sind Teil eines US-amerikanischen HipHop-Netzwerks, das, ähnlich wie das Weilheimer Netzwerk, vom Austausch der Ideen seiner Mitglieder lebt. Dem HipHop von Themselves fehlt jegliche Gettoromantik, Dicke-Hosen-Angeberei und Floskelhaftigkeit, genauso wie The Notwist die Rockposen abgehen. Als 13 machten die zwei Bands 2005 die durchaus avantgardistische Verbindung von Indietronics und Indie-HipHop hornbrillenfähig.

Da liegt es nahe, die Achers und Gretschmann auch mal zum Eurovision Song Contest zu befragen.

Der Freitag: Ich würde gern über Lena Meyer-Landrut reden. Brav mitgejubelt vergangenes Jahr?

Martin Gretschmann:

Lena wer?

Jetzt im Ernst?

Markus Acher:

Nee, wissen wir schon, aber wir haben das nicht richtig verfolgt.

Gretschmann:

Okay, also im Ernst: So ein Schwachsinn. Das interessiert uns nicht. Mitjubeln, das machen wir beim Fußball auch nicht wirklich. Wir schauen uns das an, Europameisterschaft und Weltmeisterschaft zumindest, aber da hält keiner eine Fahne hoch.

Schon gemein, wenn jemand wie Lena Meyer-Landrut mit einem Schlag ein Riesending wird, oder?

Gretschmann:

Ach, das ist doch normal.

Micha Acher:

Völlig. Diese Art von Aufmerksamkeit streben wir ja auch nicht an. Das brauche ich überhaupt nicht.

Aber wirtschaftlich wäre es doch interessant.

Micha Acher:

Trotzdem nicht.

Mal versucht, einen Song-Contest- Song zu schreiben, nur so zum Spaß, um zu sehen, was rauskommt?

Markus Acher:

Nö, ich könnte so was nicht komponieren.

Wirklich nie versucht? Habe ich aber gehört.

Markus Acher:

Hab’ ich aber trotzdem nicht gemacht. Es gibt ja Leute, die damit kokettieren, zu sagen: Das ist so billig, und wir machen was Anspruchsvolles. Aber das ist nicht der Grund. Ich weiß, man kann nur wirklich machen, was einem wirklich wichtig ist und was man wirklich mag. Ich glaube, Dieter Bohlen mag die Stücke, die er schreibt. Ich könnte nie so ein Stück schreiben wie Ralf Siegel. Aber ich würde es auch gar nicht probieren wollen. Nicht, weil ich denke, dass ich was Besseres bin, sondern weil wir was anderes

machen. Wir machen, was uns am Herzen liegt. Ich bin mir sicher, ein Grand-Prix-Publikum will was anderes hören, und das ist auch richtig so.

Also eine friedliche Koexistenz.

Markus Acher:

Ja, wir koexistieren. Was ich aber an dieser Meyer-Landrut-Geschichte immerhin interessant fand, ist, dass sich dieser Wettbewerb wieder verjüngt. Der war so ein Schlagerding, als ich aufgewachsen bin.

Wie alt sind denn die Fans von Notwist? Erneuert sich das Publikum, oder altert das mit?

Micha Acher:

Das war zur letzten Platte erstaunlich jung. Aber es sind auch alte Fans geblieben. Das mischt sich zum Glück.

Gretschmann:

Es kommt mal vor, dass Mutter und Tochter aufs Konzert kommen. Was sehr lustig ist.

Micha Acher:

Am Anfang hatten wir fast nur junge Männer.

Zu viele verzerrte Gitarren?

Markus Acher:

Ja, lag wohl am Hardcore.

Und selbst? Jung geblieben, oder doch gealtert?

Gretschmann:

Wir alle spüren langsam, dass wir älter werden und dass man nicht immer so mitkommt. Zum Beispiel mit dem Internet. Jetzt kommt wieder eine neue Generation, die damit wieder anders und halt nochmal viel selbstverständlicher umgeht als wir. Wie man sich eben vermehrt schwer tut mit gewissen Dingen.

Womit tut sich denn jemand schwer, der sogar aus einer abgeklemmten Steckdose noch ein Knurpsen holen kann?

Gretschmann:

Ach, sei es nur die Bedienung irgendwelcher Web­seiten. Was halt für jüngere Leute selbstverständlich ist. So wie ich die Uhr bei einem Videorekorder umgestellt habe auf Sommerzeit, ohne dass ich in die Bedienungsanleitung schauen musste, so ist es jetzt halt mit dem Internet. Jüngere sind schneller.

Ich sehe ein Skelett auf dem Cover des neuen 13 Geht irgendwas zu Ende?

Markus Acher:

Das Skelett war eine Idee, die auch mit den Texten zu tun hat und mit den Themen Tod, Krankheit, Altern. Die Platte dreht sich, fast wie ein Konzept­album, immer um das Thema. Der Adam ...

... der Rapper von Themselves ...

Markus Acher:

... hat sehr viele Texte geschrieben, ich habe mich aus diesen Texten immer wieder bedient. Es gibt daher Sätze, die immer wieder vorkommen, oder so Stichworte wie „Old age“. Und wir fanden es gut, eine Art Pop-Platte zu machen, die nicht von ganz alten Männern gemacht wurde und die nicht sehr getragen ist. Und die sich trotzdem mit diesem Thema beschäftigt, das im Pop nicht so viel Platz hat. Ohne total frustig oder unattraktiv zu sein.

Notwist hat Dinge nie so gemacht, wie sie konventionell gemacht werden. Das war immer innovativ. Aber macht das heute nicht jeder? Ist die formale Erneuerung überhaupt noch möglich oder nur die Erneuerung innerhalb der einzelnen Stücke?

Markus Acher:

Im konkreten Musikmachen befasst man sich nicht so viel mit solchen Fragen. Es ist uns bewusst, dass das, was wir machen, nicht mehr das Neueste vom Neuen ist. Es ist zu einer bestimmten Sprache geworden, die es sehr oft gibt, und die auch im Mainstream ihren Platz hat. Ich glaube aber, dass wir uns innerhalb der Musik immer wieder was Neues überlegen und versuchen, das weiterzutreiben. Aber wir würden jetzt nicht von vornherein sagen: Wir müssen Dubstep mit Mittel­alter verbinden, damit es etwas ist, das es noch nicht gibt. So war es eh noch nie. Die Musik ist immer aus dem entstanden, was wir gut finden.

Gretschmann:

Damals, als

... das Album, das The Notwist und diesen eigenen Weilheim-Sound ziemlich bekannt gemacht hat ...

Gretschmann:

... war das eine passende Platte im richtigen Moment, auf die sich viele einigen konnten. So etwas ist aber mehr Zufall als Kalkül.

Hat die Beschäftigung mit Altern und Vergänglichkeit auch damit zu tun, dass es derzeit keine grundlegenden Innovationen im Pop gibt? Ist das Album in­sofern eine Beschäftigung mit der Gegenwart der Popkultur?

Markus Acher:

Nein, darüber ­haben wir nicht nachgedacht. Es geht um uns als Menschen. Adam fragt sich in seinen Texten: Was ist da eigentlich, wenn ich nicht mehr bin? Man wird älter und macht ­immer noch Musik – was soll das? Um solche Sachen ging es. Und dann gab es den ­Unfall von Dax ...

... Dax Pierson, einem Band­mitglied von Themselves. Er ist seit einem Unfall querschnittgelähmt.

Markus Acher:

Man macht sonst immer so vor sich hin, es geht immer weiter, aber durch seine schlimme Verletzung waren wir persönlich mit dem Wissen konfrontiert, dass von einem Tag auf den anderen alles anders sein kann. Das zum Thema auch des Musikmachens zu machen, war wichtig. Das Thema der Platte ist insofern auch die Freundschaft, die uns – also The Notwist und Themselves – verbindet. Die Band ist einfach über die Musik hinaus befreundet.

Ihr nennt euch jetzt „Band“? Vor fünf Jahren, beim ersten gemeinsamen Album, hieß das noch: ein Projekt. Der Austausch von Ideen für Songs erfolgte übers Netz, nicht gemeinsam in einem Raum.

Micha Acher:

Wir wollten aber diesmal nicht nur projektmäßig Ping-Pong spielen, sondern wirklich als Gruppe zusammen über Dinge reden.

Markus Acher:

13 ist eine Band geworden. Nach der ersten Platte waren wir lange zusammen auf Tour, und da hat sich heraus­gestellt, dass wir uns einfach auch gut verstehen. Wenn es die Band nicht mehr gäbe, gäbe es, wann immer man sich träfe, trotzdem eine Gemeinsamkeit, ein Ver­stehen über die Musik hinaus.

Auch wegen des Unfalls?

Micha Acher:

Es ist klar, dass einen so ein Unfall zusammenbringt. Das war für alle wahnsinnig schlimm und einschneidend. Bei den Aufnahmen zur ersten Platte war Dax mit im Raum. Und diesmal mussten wir uns an diese schreckliche Situation, dass er das nicht mehr selbstverständlich sein kann, erst gewöhnen. Man fängt ja dann auch an zu planen: Wie kann Dax wieder dabei sein, wie können wir trotzdem als Band weitermachen? Da gibt es vieles, über das man reden muss.

Waren die Plattenaufnahmen deshalb diesmal in den USA und nicht in München?

Micha Acher:

Genau. Dax konnte zwar aufgrund seines momentan schlechten Zustands auch in den USA räumlich nicht dabei sein, aber wir haben versucht, ihn reinzubringen. Als wir dort waren, hat das auch ungefähr funktioniert. Wir waren über Skype verbunden und über einen Audiostream, damit er hört, was im Studio geschieht und wir auch mit ihm kommunizieren können. Trotzdem ist es eine traurige Situation, wenn jemand, der so wichtig ist für die Musik, nur indirekt seinen Input geben kann.

Wer hat das Sagen, wenn zwei Bands zusammen ins Studio gehen? Gibt es da einen, der den Ton vorgibt?

Markus Acher:

Nee. Es kommt immer drauf an, wer die Grundidee eingebracht hat. Aber im Endeffekt guckt jeder auf das Ganze, und man sagt auch selbst: Was ich da aufgenommen habe, passt nicht. Jeder war gnadenlos gegen jeden.

Micha Acher:

Wir können extrem gut diskutieren, und keiner ist beleidigt, wenn mal etwas wegfällt. Natürlich muss man auch mal einen Kompromiss machen. Aber Gott sei Dank kommen wir bei 13 immer so hin, dass dann alle zufrieden sind. Wir haben schon einen identischen Geschmack.

Warum erscheint das Album eigentlich beim eigenen Label, ­Alien Transistor? Damit nicht noch jemand reinreden kann?

Markus Acher:

Die Musik ist so sehr mit uns verbunden – wenn die auf unserem eigenen Label erscheint, muss man sich nicht so viel erklären.

Da sind wir wieder am Ausgangspunkt: Wirtschaftlich wäre es ja vielleicht interessant, doch ein paar Kompromisse einzugehen.

Markus Acher:

Alles selbst zu machen, schafft aber Unabhängigkeit.

Micha Acher:

Es tut wahnsinnig gut, sich über bestimmte Sachen nicht unterhalten zu müssen. Es gibt wahnsinnig anstrengende Menschen in diesem, äh, Business. Wenn man mit denen nichts zu tun hat, freut man sich durchaus. Wir müssen uns nicht über irgendwelche Promostrategien den Kopf zerbrechen und sagen: Wir wollen aber nicht drei Geheimkonzerte in London spielen. Sondern wir machen das einfach nicht.

Ein Primat der Kunst vor der ­Ökonomie?

Micha Acher:

Nö, wir wollen ja auch was verkaufen, aber kleine Schritte fallen eben weg. Wir denken aber auch wirtschaftlich.

Kann ich dann noch Visiten­karten haben, auf denen „CEO Alien Transistor“ steht?

Micha Acher lacht.

Markus Acher:

Mal schauen, wo ich die habe. Ah, Mist, ich hab schon so viele verteilt heute, die sind aus.

Zwei Bands, ein Album: Own Your Ghost von 13God

Was The Notwist und Themselves eint, die Unterschiedliches machen, sind ihre Versuche, eine schubladenlose Welt zu erfinden: Was auf dem Ticket des Angesagten geradlinig in eine Schublade fährt, ist ihnen nicht unbedingt auch eine Beschäftigung wert. Dass Notwist-Sänger Markus Acher etwa die gefeierten Bands The Strokes und die White Stripes mal durcheinanderbrachte und sie White Strokes nannte, ist verzeihlich und es sagt etwas aus über seine Band.

13God ist die Verschmelzung der Gruppen, The Notwist aus München und Umland zum einen, Themselves vom kalifornischen Anticon-Label zum anderen. Ihr gemeinsames zweites Album, Own Your Ghost, ist die Weiterentwicklung des Projekts, Gemeinsamkeiten zwischen Indietronics (Notwist) und experimentellem HipHop (Themselves) zu suchen: Es geht nun darum, eine eigene gemeinsame Bandsprache zu finden; nicht mehr, wie beim ersten Mal, die Entwürfe in erster Linie aufeinander loszulassen, sondern sie tatsächlich zu verschmelzen.

Und zunächst scheinen 13God daran zu scheitern. Song eins, Its Own Sun, ist ein Notwist-Stück, Song zwei, Death Major, ist eher ein Themselves-Stück, aus Sympathie füreinander auf einen Tonträger gepackt. Doch dann kommt Song drei, Armored Scarves, der etwas fad beginnt, bevor er den Drive eines kleinen Notwist-Hits bekommt, und er wird zum echten Soundhybriden: Ein Notwistsches Knurpsen und ein Themselvessches Geräuschgeklacker sind zusammengewachsen.

Dass die verschiedenen Bestandteile miteinander reagieren, ist nicht in allen Songs klar auszumachen, Beat On Us etwa klingt stark nach Notwist 2004. Doch bei Songs wie Oldage, Death Minor und Unyoung ist kaum zu hören, von wem die erste Idee kam, wer das Arrangement bestimmte. Über den Gitarren liegen Knurpsen, Rhythmusschrauben, Soundschnipsel und Texte von Verfall und Ende. Ein gewisser Schwermut breitet sich dabei noch so ein Hybride ziemlich vergnüglich aus, und so wird aus Own Your Ghost ein Erlebnis. raa

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12:00 29.04.2011

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