Je oller, desto doller

Alltagskommentar Mit Wulff verlässt wieder ein Babyboomer die politische Bühne, wie Frank Schirrmacher schreibt. Das Problem: Es folgen nicht Jüngere, sondern die Alten kehren zurück

Generationenthesen sind immer dann Schrott, wenn eine kollektive Befindlichkeit unterstellt wird à la "Die Generation Melancholie ist gerne melancholisch". Interessant wird es aber, wenn die Bedingungen, unter denen alle Mitglieder einer Generation aufwachsen, ins Zentrum der Betrachtung rücken – und auch das, was ihre Avantgarden daraus machen.

So kann man festhalten, dass das politische Projekt der sogenannten Babyboomer, der Kinder aus den geburtenstarken Jahrgängen nach dem Krieg und vor dem Pillenknick, "in Trümmern" liegt. Das Projekt einer "politischen Generation, deren vielleicht relevantester politischer Kampf am Ende der um die eigene Rente gewesen sein wird", deren einzige Idee der Neoliberalismus war, wie Frank Schirrmacher in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung schrieb. Da war Christian Wulff gerade zurückgetreten, zu dessen Generation auch ein paar andere politische Frührentner gehören: Roland Koch, Peter Müller, Ole von Beust, Friedrich Merz.

Es entbehrt nicht einer gewissen Komik, dass die heute 50-Jährigen sich nun mit den Zuschreibungen auseinandersetzen dürfen, die eigentlich für die heute 30-Jährigen reserviert schienen: Sie seien unpolitisch, auf Karriere bedacht, marktgesteuert, insgesamt ein wenig blutarm. Während die letzteren mit ihren Protesten gegen das industriefreundliche Acta-Abkommen zur Verteidigung von Patenten und Urheberrechten und mit dem Aufschwung der Piratenpartei – vorübergehend natürlich, der nächste Stimmungsumschwung wird kommen – ihr politisches Profil schärfen, gehen die ersteren in der Vorteilsnahme baden.

Gauck und Rehhagel

Man könnte also meinen, dass der Abgang des meinungsführenden demographischen Mittelbaus dazu führt, dass nun die Nächsten, die Jüngeren – bekanntlich auch keine Heiligen – deren Platz in der öffentlichen Debatte einnehmen. Doch jetzt, da der demographische Mittelbau zurück nach Großburgwedel zieht, leuchtet am Zenit der Fixstern Helmut Schmidts wieder besonders hell. Wer tatsächlich in die erste Reihe rückt, sind Joachim Gauck (*1940), Otto Rehhagel (*1938) sowie, um die Gästeliste von Günther Jauch vom Sonntag zum Maßstab zu nehmen, Heiner Geißler (*1930), Hildegard Hamm-Brücher (*1921), Ulrich Wickert (*1942) und Wolfgang Bosbach (*1952), die Andrea Nahles (*1970) gegenübersaßen.

Irgendwie ist das aber auch beruhigend für alle, die trotz der Zugehörigkeit zu einer seltsamen Generation weiter mitreden wollen: Wenn sie lange genug warten, werden sie schon wieder ernstgenommen.

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