Klettbänder, alright!

Zurück in die Zukunft Die Schuhe aus dem zweiten Teil der Film-Trilogie, die im Jahr 2015 spielt, kamen im September auf den Markt. Wie sieht es mit den anderen Filmvisionen für 2015 aus?

Die vielleicht erstaunlichste Zeit in der Geschichte der Menschheit dürfte Mitte der Achtziger gewesen sein: In dieser Zeit, zwischen 1984 und 1986, wie die wunderbare Website informationisbeautiful.net visualisierte, traf Marty McFly, die Hauptfigur der Zurück in die Zukunft-Trilogie, die Crew von Star Trek – und beide kämpften gegen den Terminator.

Zeitreisen waren in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts im Unterhaltungssegment der Filmwirtschaft ein ziemlich großes Ding. Man reiste mal in die Vergangenheit, oft genug aber auch in die Zukunft – mit allen Schwierigkeiten, die das für Autoren, Produzenten und Bühnenbildner so mit sich bringt: Die Zukunft muss ja auch irgendwie aussehen.

Im Film Demolition Man etwa ist die Zukunftsvision hanebüchen genug, dass man sie als Comedy durchgehen lassen kann: Dass im Jahr 2032 Toilettenpapier durch das Drei-Muschel-System ersetzt wird, ist theoretisch denkbar, aber praktisch Blödsinn. Die Macher von Zurück in die Zukunft 2 aber, einem Film, der zum Teil im Oktober 2015 spielt, versuchten sich an einer Vision, die 1989, als der Film in die Kinos kam, zwar ebenfalls humoristische Züge trug, aber tatsächlich so etwas wie ein dokumentarisches Interesse an der Zukunft hatte. Offenbar hatten Regisseur Robert Zemeckis oder Drehbuchautor Bob Gale tatsächlich mal einen entsprechenden Kongress besucht und sich erkundigt, wie so ein Alltag wirklich aussehen könnte im Jahr 2015.

Der britische Telegraph und Film-Fansites haben sich schon vor einigen Jahren an einem Abgleich von Filmzukunftsvisionen und heutiger Gegenwart versucht. Wir versuchen uns jetzt auch daran – aus endlich mal gegebenem Anlass: Denn eine Vorhersage wurde gerade wahr.

Selbstschließende Schuhe

Dieser Tage wurde Marty McFlys 2015er Schuhwerk vor- und im Berliner Niketown ausgestellt. Es sind knöchelhohe mausgraue, leicht glänzende Sneakers, die McFly in Zurück in die Zukunft 2 trägt. Er schlüpft rein, sie schließen sich automatisch und passen sich dem Fuß an. „Powerlaces, alright“, staunt er im Original über die Schnürriemen. Als sie geschlossen sind, beginnt am Schuh der Markenname zu leuchten. Dass es dieses Modell nun seit September zu kaufen gibt, liegt – logisch – daran, dass es einen Markt dafür gibt: Fans.

Der Designer Tinker Hatfield hat die Schuhe 1989 für den Film entworfen, und eine Internetpetition von Fans habe ihn 2005, heißt es auf einer Firmenseite, auf die Idee gebracht, die Schuhe in den Handel zu bringen – beziehungsweise sie zugunsten der Stiftung des Hauptdarstellers Michael J. Fox für vierstellige Dollarbeträge pro Paar zu versteigern.

Das Filmmodell ist nun in einer Auflage von 1.500 Stück erschienen und bereits ausverkauft, die Schuhe haben elektrolumineszierende Sohlen und aufladbare Batterien, die angeblich 3.000 Stunden halten. Sie werden explizit nicht als Sportschuh beworben, sondern als Hingucker. Sie folgen dem Prinzip des „all show and no go“ – sehen laut Fans gut aus (was man bestreiten muss), aber taugen nichts. Vor allem halten sie nicht, was sie eh nicht versprechen: Sie schließen sich nämlich gar nicht selbst; man braucht die Hände dafür. Das sei aber auch kein Wunder, sagt da der Hersteller und suhlt sich in seiner Marketingidee: Die selbstschließenden Schuhe kommen ja laut Drehbuch nicht 2011, sondern erst 2015 auf den Markt.

Bewertung der Filmprognose: Das Schuhmodell kann als eine sich selbst mehr oder weniger erfüllende Prophezeiung betrachtet werden, aber eben nur mehr oder weniger. Bleibt der Rat, falls es in den kommenden vier Jahren nicht klappt mit dem Patent für einen sich selbst schließenden Schuh, mal eine Zeitreise ins Jahr 1951 zu machen: Da wurde ein sehr praktisches Betriebssystem mit hervorragenden Zukunftsaussichten patentiert. Es kam als „Velcro“ auf den Markt und ist bekannt als Klettverschluss.

Videospiele

In einem Café im Film steht ein Museumsstück herum – ein Spielautomat aus dem 20. Jahrhundert: der „Wild Gunman“. Zwei kleine Jungs stehen davor und fragen sich, wie man das spielt. Marty, aus den Achtzigern angereist, ist Experte – das Spiel gibt es tatsächlich seit 1974 und war mal ziemlich hot. Marty zieht die Joystick-Pistole aus dem musealen Gerät und ballert die am Bildschirm erscheinenden Cowboys um. Die Jungs sind enttäuscht: „Muss man das mit den Händen spielen?“, fragt der eine. Der andere nennt es „Babyspielzeug“.

Bewertung: Solche Videospiele sind heute Babyspielzeug, wahlweise auch: Vaterspielzeug. Die Entwicklung geht zur Bewegungssteuerung. Dann muss man die Hände zwar auch einsetzen ­­­­­– aber doch nicht, indem man einfach eine läppische Knarre aus einem Automatenholster zieht.

Schwebendes Hoverboard

Das Hoverboard ist quasi ein Skateboard ohne Räder; es schwebt etwa 20 Zentimeter über dem Boden und gleitet vorwärts – sofern der Untergrund nicht ausgerechnet aus Wasser besteht, wie Hauptfigur Marty im Film 2015 schnell lernt.

Dass es ein verkehrstaugliches Hoverboard tatsächlich bis 2015 gibt, ist eher nicht zu erwarten, mit starker Tendenz zu ausgeschlossen. Spielereien allerdings gibt es: Der französische Künstler Nils Guadagnin baute das Film-Brett nach und brachte es im Rahmen einer Ausstellung auch zum Abheben: mit Elektromagneten im Board und im darunterliegenden Sockel, stabilisiert von einem Lasersystem. Es schwebt – allerdings nur auf der Stelle und solange niemand darauf steht.

Bewertung: Funktioniert immerhin schon besser als der selbstschließende Schuh, der sich nicht selbst schließt.

„Der weiße Hai, Teil 19“

Im Jahr 2015 wird Marty McFly auf dem Marktplatz von Hill Valley plötzlich von einem weißen Hai angefallen. Es ist ein holografischer Hai, mit dem im Film der Film Jaws 19 – also Der weiße Hai 19 – beworben wird, der darin im „Holomax“-Kino läuft.

Der weiße Hai war der Durchbruch für Regisseur Steven Spielberg, der Zurück in die Zukunft 2 mitproduzierte. Im zweiten Teil der Trilogie wird der 19. Teil der Hai-Filme beworben mit dem Hinweis, es handle sich um einen Film von Max Spielberg. Max heißt Steven Spielbergs 1985 geborener Sohn. Insofern darf man die Andeutung als selbstironischen Eintrag ins Familienalbum der Spielbergs lesen.

Bewertung: Kleine Filme hat Max Spielberg schon gemacht. Aber er ist heute Leveldesigner beim Computerspielentwickler Electronic Arts. Warum sollte er von dort aus zurück in die Vergangenheit, ins Kino?

Und was die Hologramm-Vision angeht: Dreidimensionalität war 1989 nicht neu. Es gab schon 1982 eine 3D-Fortsetzung von Der weiße Hai. Allerdings kann man tatsächlich festhalten, dass gerade in den vergangenen Jahren verstärkt 3D-Produktionen ins Kino kamen; Avatar ist die bekannteste, aber nur eine unter vielen. Insofern war die zeitliche Prognose in Zurück in die Zukunft 2 recht präzise.

Multitasking

Auf einem Riesenfernseher im Wohnzimmer 2015 laufen sechs Kanäle gleichzeitig. Wäre schön gewesen, wenn die Macher gleich noch die Inflation des Konzepts Multitasking dazu prognostiziert hätten.

Bewertung: Sechs Fenster gleichzeitig offen – ja, das ist die Gegenwart, man nennt es Tabs. Sechs Bewegtbildprogramme gleichzeitig – das ist doch eher die Ausnahme. Aber nah dran.

Das Fax

Kaum hat McFly sen. 2015 Mist gebaut, ist auch schon sein japanischer Boss am Bildschirm und entlässt ihn. Die Mitteilung „You’re fired“ kommt per Fax. Dreimal.

Bewertung: Papier, das aus einem Apparat kommt, das ist die Zukunft. Von 1890 aus betrachtet. Andererseits: Dass die Kündigung dreifach einläuft, ist visionär. Die wirklich wichtigen Nachrichten kommen heute nicht nur über einen Kanal.

Product Placement

Nicht nur die Marke des Filmschuhs, wie er in Zurück in die Zukunft 2 auftaucht, gibt es wirklich, sondern auch den Designer, dessen Unterhose Marty McFly bei einer anderen Zeitreise ins Jahr 1955 trägt, was dazu führt, dass er im Film fortan als Calvin Klein identifiziert wird. Es taucht eine Markenlimo auf, der Name einer Fast-Food-Kette und ein Markenküchengerät zur Hydrierung von Fertignahrung: Die Mutter (die immer noch fürs Essen zuständig ist) stellt 2015 eine Minipizza hinein, zwei Sekunden dauert die Zubereitung, und pling: Fertig ist die Familienpizza.

Hinsichtlich der Auswahl der platzierten Produkte war Zurück in die Zukunft 2 schon ziemlich 2011: Die Namen und Logos der Schuhfirma und der Fast-Food-Kette sind auch unter den meistplatzierten des 21. Jahrhunderts. 2010 tauchte die Schuhmarke in jedem vierten Hollywoodfilm auf, der in den USA Platz 1 der Kinocharts belegte. Häufiger zu sehen war noch das Obstlogo dieses Computerherstellers, dessen Namen wir gerade vergessen haben.

Bewertung: Die in die Handlung integrierte Werbung war 1989 keine Pioniertat – man denke nur an James Bond, der schon 1962 Markenwodka trank. Aber heute ist der Vorgang allgegenwärtig. Die Bedeutung des Product Placements in Hollywood stieg gerade seit den Achtzigern stark, wie es in Kerry Sagraves Buch zum Thema heißt. Hier nahm Zurück in die Zukunft 2 eine Entwicklung auf, die heute noch gängiger ist.

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16:00 28.09.2011

Ausgabe 39/2020

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