Mal ganz unter uns

Segregation Sein Kind auf eine vermischte Schule schicken? Für viele Eltern in sogenannten ­Problembezirken ist das tabu. Dabei ist Abschottung das größere Experiment

Wenn man mit jemandem sprechen will, der sich bei der Wahl der Grundschule für sein Kind nicht von Sorge treiben ließ, kann man Nicola Bauer anrufen: Sie und ihr Mann haben ihren Sohn nicht auf eine Privatschule geschickt. Sie haben keine Kuchen gebacken, um den Direktor einer vermeintlich besseren Schule im Nachbarviertel zu bestechen. Sie haben einfach eine Grundschule in Fußnähe von zu Hause ausgesucht, in Berlin im Grenzgebiet von Kreuzberg und Neukölln. Dort also, wo der Anteil von sogenannten "ndH-lern" – Bürokratendeutsch für "Schüler nicht-deutscher Herkunftssprache" – besonders groß und sozial Schwächere besonders zahlreich sind.

"Für uns war wichtig, dass Patrick seine Freundschaften pflegen kann, ohne davon abhängig zu sein, dass wir ihn mit dem Auto herumfahren", sagt Nicola Bauer. "Wir sind ja bewusst als junge Menschen wegen der Freiräume und Freiheiten nach Berlin gezogen. Und wir wollten auch ihm die größtmögliche Selbständigkeit in seinem kleinen Kiez zugestehen." Sie habe diese Entscheidung nie bereut.

Na bitte, könnte man also sagen, geht doch: Da ist es, das Beispiel dafür, dass man es nicht übertreiben muss mit seiner "Angst davor, dass das eigene Kind in einer Gesellschaft, die immer mehr Verlierer hervorbringt, nicht zu den Gewinnern gehört", wie Patrick Bauer, ihr Sohn, heute schreibt. "Dass es nicht voran kommt, wenn es mit Langsameren in eine Klasse kommt."

Das könnte man sagen. Wäre es nicht knapp 20 Jahre her, dass er eingeschult wurde.

Patrick Bauer ist heute Journalist und hat gerade ein Buch geschrieben, Die Parallelklasse. Ahmed, ich und die anderen – Die Lüge von der Chancengleichheit (Luchterhand). Es handelt von den Vorzügen eines multikulturellen Lebens nicht nur neben-, sondern miteinander; vom Fußball in einem Verein, in dem sonst nur Jungs mit türkischen Nachnamen spielten; von Besuchen bei deren Familien. Es hat sich aber einiges verändert seit seiner Schulzeit, die Nachfrage nach gering qualifizierten Arbeitskräften ist zurückgegangen. Und so handelt das Buch auch von der diffusen Zukunftsangst, der man heute bei jeder Kindergartenanmeldungsrunde, beim Babyschwimmen und vor der Eisdiele in Berlin-Neukölln begegnet, das man als exemplarisch für die Neuköllns in vielen deutschen Großstädten betrachten kann, und die sich ausdrückt in Sätzen wie: "Schön bunt hier – aber wir können mit unserem Kind doch keine Experimente machen." Man schätzt das Leben in, zum Beispiel, Kreuzkölln, jenem Teil Nord-Neuköllns, der auf der Stadtkarte wie eine Nase nach Kreuzberg hineinragt, für die neu entstehende Vielfalt, will seinem Kind dann aber möglichst Homogenität, Sicherheit und einen linearen Weg in die Zukunft bieten. Der Weg ist kurz von der Lässigkeit zur Undurchlässigkeit.

Flucht ins Kartoffelland

"Es ist eine Angst, gegen die ich mich wehre, weil ich eine andere Vorstellung vom Zusammenleben habe", schreibt Patrick Bauer. "Ich möchte, dass mein Sohn auch mit Kindern zur Schule geht, deren Eltern weniger Geld, weniger Bildung, weniger Sprachkenntnisse haben. Ich möchte, dass er lernt, dass Unterschiede nichts Schlechtes sind." Es klingt wie der fällige Aufruf zur Vernetzung gegen die grassierende "Bildungspanik", die in seinem jüngst erschienenen Essay der Soziologe Heinz Bude diagnostiziert. Wie ein Aufruf zum Handeln gegen die Segregation, gegen die soziale Entmischung der Schulen.

Dann aber entpuppt sich seine Geschichte als ein ernüchternder, letztlich ehrlicher Report aus der Realität. Als sein alter Mitschüler Ahmed ihn, im Buch zitiert, fragt: "Würdest du dein Kind hier zur Schule schicken?", sagt er: "Ich denke schon." – "Warte mal ab, bis es so weit ist", erwidert Ahmed, "jede Wette, Alter, dass du ins Kartoffelland fliehen wirst!", also ins Land der Schulen mit geringem ndH-Anteil. Und am Ende behält Ahmed wohl recht: "Ich weiß mittlerweile, dass ich meinen Sohn, wenn er zur Schule geht, nicht auf die nächstbeste Grundschule schicken werde", schreibt Bauer. "Ich finde die Vorstellung schrecklich, dass die Schulklassen heutzutage oft den sozialen Klassen entsprechend aufgeteilt sind. Vor einigen Monaten noch hätte ich deshalb gesagt, dass ich mein Kind auch auf einer Problemschule in Neukölln anmelden würde. Aus Prinzip. Dass mein Kind dort lernen würde, sich durchzusetzen. Jetzt finde ich diese Vorstellung unvorstellbar."

Als er seine Leser von der Hoffnung auf einen Lösungsansatz für eine verfahrene Situation befreit, ließe sich leicht losschimpfen über die Diskrepanz zwischen Ich-prangere-an und Ich-kann-aber-doch-auch-nicht-anders. Würde er damit nicht exakt die Schulsituation in "Problemkiezen" darstellen, deren Ghettoisierung ein Einzelner ja unmöglich aufhalten kann. Und würde er nicht den Fokus von kulturellen auf soziale Aspekte rücken, die wichtiger sind als die rauf- und runterproblematisierten Kopftücher.

Die Zahlen, die man aus dem Neuköllner Bezirksamt bekommt, belegen das. 80 Prozent der Unter-18-Jährigen im Norden Neuköllns sind nicht-deutscher Herkunftssprache. Die meisten von ihnen kommen aus sozial schwachen Familien. 75 Prozent der Nord-Neuköllner leben von unter 700 Euro. Und nicht in der Migrationsgeschichte besteht die Gemeinsamkeit der Kinder, die auf den abgehängten Schulen zurückbleiben, sondern im Bildungsstreben der Eltern. Heinz Bude etwa schreibt, und das deckt sich mit den Berichten aus Neukölln, gerade jene "Familien mit 'biodeutschem' Hintergrund, die auch Bioprodukte präferieren", würden die Grundschulen meiden, "die durch einen mehr als 50-prozentigen 'ndH'-Anteil charakterisiert sind". Denen aber "schließen sich nicht selten bildungsbestrebte Eltern mit einer Migrationsgeschichte in der Familie an".

Auch Bauer stellt das fest, als er sich auf die Suche nach seinen alten Schulkollegen macht und einen detailreichen Report der Undurchlässigkeit erstellt: "Die Schüler, die in der ersten Klasse Probleme hatten, mitzukommen, hatten auch nach der sechsten Klasse Probleme, mitzukommen. Deswegen kamen sie in vielen Fällen nirgendwo an. Diese Schüler stammten aus Elternhäusern, die man bildungsfern nennt und sozial schwach."

Wenn aber die Chancenungleichheit schon vor der Schule beginnt, erscheint die "Bildungspanik" der Eltern noch unnötiger. Was tun? Man könne von Eltern nicht verlangen, dass sie ihr Kind auf eine Schule mit schlechtem Ruf schicken, nur weil das gesellschaftlich nützlich wäre, schreibt Bude. "Soziales Märtyrertum" sei auch keine Lösung. Würde man es aber staatlich regeln, dass nicht einzelne, sondern alle Kinder auf gemischte Schulen gehen, entstünde womöglich ein "neuer gesellschaftlicher Kompromiss".

Für die "Einschulung im Kiez"

Man solle zudem nicht – wie gerade diskutiert – die Bedeutung des Abiturs weiter heben, sondern jene des ersten Berufsabschlusses: Wenn Bildung nicht gleichmäßig verteilt werden kann, dürfe sie nicht zum alleinigen Kriterium für ein Qualitätsleben werden. Vorbilder dafür, dass Abschlüsse nicht alles sind, gäbe es genug: Gerade die Internetbranche wurde groß mit Leuten, die ihr Studium schmissen, weil sie kurz mal Microsoft, Apple oder Facebook gründen mussten.

Die Entmischung der Schulen wird man aber ohne die Eltern nicht umkehren. In diversen Bezirken bilden sich Initiativen von Eltern, die ihre Kinder gemeinsam auf eine Schule schicken, auf die sie alleine nie gehen würden. Am Rand von Neukölln etwa rufen Eltern mit Laternenpfahlanschlägen zur "Einschulung im Kiez" auf, im Wedding bilden sich Elternnetzwerke mit demselben Ziel; die Lenau-Schule in Kreuzberg ermöglicht die gruppenweise Anmeldung von Kindern bildungsbestrebter Eltern. Das verhindert "Bildungspanik" zwar nicht, aber ein besserer Elternbeitrag zur Ent-Entmischung ist nicht in Sicht, solange Eltern sich fragen, ob es ein Experiment ist, wenn man seinen Kindern das Leben zumutet.

Dass dies die einzig denkbare Frage ist, dagegen spricht nicht nur Nicola Bauers Erfahrung. Sie sagt über ihre Entscheidung, ihren Sohn auf eine bunte Schule vor der Haustür zu schicken, es sei damals, vor 20 Jahren, für sie offensichtlich gewesen, "dass die heterogene Mischung einer Klasse vor allem eine Chance ist. Für uns stellte sich das nicht als Problem dar." Dagegen spricht auch die Erfahrung einer Neuköllnerin, die ihre Tochter jetzt schließlich doch nach Berlin-Mitte aufs Gymnasium schickt. Die neuen Freundinnen der 13-Jährigen hätten Angst, ohne Begleitung eines Erwachsenen in Neukölln auf den Markt zu gehen. Vielleicht ist das eigentliche Experiment ja doch die Abschottung.

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15:00 27.10.2011

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