Maulkorb abschaffen

Polizeieinsätze Ein Berliner Polizist hat einen nackten Mann erschossen. Erste Urteile fielen schnell: Notwehr – oder Willkür. Kann man das Reden über die Polizei nicht deeskalieren?
Klaus Raab | Ausgabe 27/2013 5
Maulkorb abschaffen
Spurensicherung am Einsatzort – das Kerngeschehen hatte sich da schon an den Stammtisch verlagert.
imago/PEMAX

Ein Berliner Polizist hat am vergangenen Freitag einen Mann erschossen. Der Mann stand in einem Brunnen, dem Neptunbrunnen am Roten Rathaus, er trug ein Messer, war ansonsten aber vollkommen nackt. Es gibt ein mit einem Handy aufgenommenes Video des Ganzen, und man sieht darauf ein knappes Dutzend Beamter. Der Polizist war also nicht allein.

Was zu erkennen ist, ist dennoch in mehrerer Hinsicht unscharf: Das Video selbst ist unscharf, und außerdem beginnt es erst kurz vor dem Schuss. Jemand, vermutlich einer der Beamten, ruft „Messer weg!“; der Polizist weicht zurück, wird aber vom Rand des Brunnens aufgehalten, in dem auch er steht. Dann der Schuss. Der nackte Mann mit dem Messer taumelt und fällt. Später erliegt er den Folgen eines Lungendurchschusses.

Unscharf ist aber auch die sich anschließende Diskussion. Natürlich kotzten Hunderte von Herummeinern ihre Fernanalysen in Foren und kündeten von einem „eiskalten Staatskiller“ und „Polizeiwillkür“. Überstürzter Gebrauch macht solche Phrasen gleich noch leerer. Noch absurder sind aber die Nebelkerzen, die auch jenseits der Kommentarspalten gezündet wurden.

Konservative Innenpolitiker hatten nichts Besseres zu tun, als die Existenz und Verbreitung des Handyvideos im Internet „menschenverachtend“ zu nennen, so als gäbe es nichts anderes, was an diesem Fall menschenverachtend gewesen sein könnte. Ein Schuss in die Brust beispielsweise. Innenpolitisch rechtsdrehende Medien lenkten von Polizeifehlern ab, indem sie schon in ihren Überschriften betonten, dass der Erschossene irgendwie selbst schuld sei: Er soll doch auch „exzessiv Cannabis geraucht haben“. Rechtfertigt das so einen Schuss?

Dass der Einsatz nicht als Beispiel für gute Polizeiarbeit ins Lehrbuch aufgenommen werden dürfte, darauf wies mittlerweile auch ein Experte für Polizeirecht hin. Einige Polizeivertreter aber befanden umgehend auf Notwehr. Dass sich der Beamte bedroht fühlte, ist natürlich denkbar. Aber warum stieg er zu dem Mann in einen Brunnen, statt aus einiger Entfernung mit ihm zu reden oder auf Experten zu warten? Warum schoss er nicht in den Arm?

So geht die Diskussion über angemessenes Polizeiverhalten immer: Im kleinen Kreis redet man über Details, aber in der Breite gibt es vor allem Leute, die Polizisten pauschal verteidigen. Und auf der anderen Seite stehen jene, die nicht Polizei ohne -willkür sagen. Polizisten sind wie Wetteransager: Sie werden entweder nicht hinterfragt oder machen alles falsch. Dass die Berliner Polizei normalerweise versucht, eher eine Strategie der Deeskalation zu verfolgen, die man anderen Ländern nur empfehlen kann, geht dabei unter.

Der Leserbrief, den ein Beamter an den Tagesspiegel schickte, war daher ein guter Schritt: Er beklagte, dass er und seine Kollegen oft beleidigt würden, Rückendeckung durch die Politik fehle, oder die Hemmschwelle für Polizisten, „Mittel des sogenannten ‚Zwanges‘“ einzusetzen, „so hoch“ sei. Er vertrat also nicht nur Meinungen, die man unterschreiben muss. Aber immerhin, er äußerte sich. Bezeichnend ist, dass ihm danach zum Mut gratuliert wurde, an die Öffentlichkeit zu gehen. Weil er dafür seinen Maulkorb ablegen musste – normalerweise werden Einsatzkräfte abgeschottet. Wie aber soll man über die Polizei reden, wenn Polizisten selbst nicht ihre Sicht schildern können? Lasst sie mitreden – unschärfer würde die Diskussion davon sicher nicht.

13:08 04.07.2013

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