Nicht alle malen in Öl

Pilcher I Im ZDF läuft an diesem Sonntag der 100. Rosamunde-­Pilcher-Film. Was ist an der Reihe eigentlich so schlimm?

Feinwollpullover, leger über die Schultern gelegt, die Ärmel vorne über der mit hellblauem Hemd bedeckten Brust gekreuzt. Perlenketten, die selbst an den vom Leben geplagtesten Frauen herumbaumeln. Eine Steilküste, an der ein wunderschöner Wanderweg am Abgrund entlangführt, den dann aber doch nie jemand hinunterstürzt. Stattdessen stehen sie da, Mann und Frau, bei den wilden Rosen, und er sagt: „Hier schwören sich die Liebespaare seit Jahrhunderten ewige Treue. Mit jedem Pärchen ist es eine Blüte mehr geworden.“ Sie: „Hat für Sie auch eine Rose geblüht?“ Und er: „Ja, aber der Sturm hat sie hinweggerissen.“ Bevor sie übergangslos auf die Frage kommen, ob sie die Pferde verkaufen will.

99 Mal ging das jetzt schon so, am 2. Oktober läuft der 100. Rosamunde-Pilcher-Film im ZDF, und was soll schon groß in einem vorgehen, wenn man von diesem Jubiläum erfährt? Zuerst denkt man: Was, erst 100? Und dann: Das sind ja 9.000 Minuten – was für eine Zeitverschwendung.

Es wäre interessant, herauszufinden, was dem Ansehen des Erzählfernsehens in den vergangenen Jahren mehr geschadet hat: Die Degetoisierung der ARD am Freitag – Degeto ist eine ARD-Tochter, die für ihre Mutter Filme produziert und kauft – oder die Pilcherisierung des ZDF am Sonntag.

Andererseits darf man es sich so einfach dann halt auch wieder nicht machen: Zuschauer sind ja nicht doof – und Zuschauer gibt es ja. Die Wirklichkeit ist komplizierter: Jede Seifenoper hat ihre eigene Qualität, die man nur nicht erkennt, wenn man nicht regelmäßig einschaltet. Und nach bewährten Mustern gestrickte Geschichten, die von einer Welt erzählen, in der sich das Blatt verlässlich zum Guten wendet, haben auch ihre Berechtigung an einem Sonntagabend, an dem man als Zuschauer die Füße hochlegt.

Castle oder Penthouse

Und in Wirklichkeit sind auch nicht, wie das Klischee besagt, alle Pilcher-Filme gleich. Die Settings sind ebenso abwechslungsreich wie die von Woody Allen. Manchmal sind die hellblauen Hemden auch weiß. Manche Filme spielen gar auf den Balearen statt auf schottischen Castles. Nicht alle Frauenfiguren malen Ölbilder – manche entwickeln auch eigene Modelinien. Und selbst die Milieus, die die Filme ausleuchten, sind vielfältig: Mal spielt ein Film unter Pferde liebenden Landärzten, mal einer unter Penthouse-Eignern, mal einer unter altem Landadel.

Wenn man die Inhaltsangaben zu den Pilcher-Filmen durcharbeitet und ein paar von ihnen anschaut, kann man auch nicht mehr behaupten, die Welt darin sei immer eine heile. Mütter sterben, Väter haben Hirntumore oder setzen sich ab, Ehemänner haben Standesdünkel und Affären. Frauen emanzipieren sich von Männern, die sie schlagen. Würde man all die Figuren aus dem Pilcher-Kosmos – gespielt auch mal von Leuten wie Sir Peter Ustinov, Maximilian Schell, Senta Berger, Sebastian Koch – auf eine Tafel malen und darstellen, wer wem in persönlicher Schuld, Vergebung, Liebe und Hass ergeben ist, sähe das nicht aus wie bei Peter Steiners Theaterstadl, sondern eher wie bei Dostojewski.

„Willst du nicht rangehen?“

Und aus diesen Erkenntnissen könnte man dann beinahe einen Fernsehtipp ableiten, würde nicht, ja würde nicht doch die Dünnbrettbohrerei der Dialoge überwiegen, die Befindlichkeitshuberei jenseits jeder Beobachtbarkeit; so redet einfach niemand, so denkt niemand. Es ist diese Holzschnittartigkeit vieler Charaktere. Da bemalt eine Frau Porzellanteller mit Blumen, dann rutscht ihr der Pinsel aus, und sie wirft den Teller bitterlich schluchzend auf einen Scherbenhaufen, der so groß ist wie die Scherbenmetapher selbst uninspiriert. Der Mann, der nun dazu kommt, bietet ein Taschentuch an, dann läutet ihr Handy, und er fragt: „Willst du nicht rangehen?“

Nein, du Idiot, sie flennt, als gäb’s kein Morgen, sie geht jetzt nicht ans Telefon.

Man kann sich also noch so bemühen: Man schafft es nicht, die Filmreihe wirklich zu verteidigen. Das liegt nicht daran, wie man glauben könnte, dass die Filme von Liebe handeln und immer wieder Liebe. Es liegt nicht daran, dass sie das private Glück irgendwelcher FDP-Karikaturen ins Zentrum rücken; dass die sich bestenfalls oberflächlich emanzipieren, so dass es nicht wehtut. Nein, das ist zwar alles kaum zu ertragen, aber man kann immer noch die guten Argumente eines Gangsta-Rappers dagegenstellen: Berichte aus einem Leben, das einem selbst nicht gefällt, darf man nicht als Handlungsaufforderung missverstehen. Geschichten über Deppen sind nicht zwangsläufig Geschichten für Deppen.

Nein, das Schlimmste ist, dass viele dieser Liebesfilme so lieblos zusammengeschraubt sind, dass da keiner etwas zu wollen scheint außer halt Wühltischware mit einem Markenlogo zu verkaufen. Es ist Rosamunde Pilcher zur 100. Verfilmung von Herzen zu wünschen, dass sie bald ihren wohlverdienten Ruhestand antreten darf.

10:00 02.10.2011

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