Noch kurz die Mails checken

Arbeitswelt Ist es überhaupt möglich, die Vorzüge des Home-Office auszukosten, ohne in unproduktive Zeitverschwendung abzugleiten? Unser Autor erklärt die wichtigsten Grundregeln
Klaus Raab | Ausgabe 11/2013 16

Man soll die Dinge ja nicht überbewerten, aber Home-Office ist wirklich eine der besten Ideen, die jemals jemand hatte. Home-Office heißt, dass Arbeitnehmer ihre Arbeit mit nach Hause nehmen dürfen, statt ständig von irgendeinem inkompetenten Nachfrager beim Lesen wichtiger Intranet-Nachrichten abgelenkt zu werden. Hauptsache, am Ende ist die Arbeit erledigt. Wo ist egal. Wenn sich der Arbeitnehmer besser fühlt, wenn er seinen eigenen Schreibtisch vollkrümelt – umso besser, wird er noch kreativer. Man kann jeden Unternehmensberater fragen, der sich darauf spezialisiert hat, Home-Office als Lösung für alles zu verkaufen: Das Modell hat nur Vorzüge.

Home-Office ist die Erfüllung eines Menschheitstraums. Urlaub im Selbst. Die Reduktion der Arbeit auf ihre guten Seiten. Home-Office ist die Chance, Organisationsarbeit auf ein Minimum zu reduzieren, den Menschen Mensch sein und auch nach 8 Uhr 30 noch labbrige T-Shirts tragen zu lassen. Home-Office führt direkt zum innerlich ausbalancierten Ich. Zur besseren innerfamiliären Verteilung von Erziehungsaufgaben. Zum Ende betriebstinterner Querelen.

Erkenntnisse auf dem Flur

Soweit die Meinung der einen. Das Ärgerliche ist, so die nicht ganz von der Hand zu weisende Meinung der anderen, dass dieses dahergelaufene Work-Life-Balance-Geschwätz hinten und vorne nicht zutrifft.

Diese anderen sind häufig die, an denen am Ende die Arbeit hängen bleibt. Marissa Mayer etwa, die Chefin des Internetunternehmens Yahoo, hat kürzlich verfügt, dass ihre Angestellten, die von zu Hause aus arbeiten, wieder in die Konzernbüros einrücken müssen. Ein Grund: „Geschwindigkeit und Qualität leiden oft, wenn wir von zu Hause aus arbeiten.“ Noch ein Grund: „Einige der besten Entscheidungen und Erkenntnisse erwachsen aus Gesprächen auf dem Flur oder in der Cafeteria.“

Klingt, als hätte die Stechuhr der Siebziger die Digitalwirtschaft geschlagen. Und Mayers Argumente treffen ja auch gute Punkte: Alleine diskutiert es sich wirklich schlecht. Man schmort im eigenen verbrauchten Hirnsaft. Ein Kollege bleibt zu Hause, um eine Aufgabe zu erledigen, für die er Ruhe braucht? Recht so, aber warum hört man im Hintergrund die Durchsage eines Bademeisters, wenn man ihn – ganz aus Versehen natürlich – mal kontrollhalber anruft?

Nur sind Mayers Argumente auch nicht die ganze Wahrheit übers Home-Officing. Die Wahrheit lautet: Es funktioniert schon. Aber nur, wenn man begreift: Es ist einfach Arbeit. Als gesellschaftliche Großvision ist das Konzept unbrauchbar. Wie sollte diese auch lauten? Ein junger Architekt baut sein neuestes Modell einfach aus Lego, das Kind auf dem Schoß? Eine junge Social-Media-Redakteurin beschwichtigt aufgebrachte Kommentatoren während des Windelwechselns? Familie und Arbeit, das geht gleichzeitig? Ha. Haha. Hahahahaha. Ein Arbeitspensum abarbeiten zu wollen, während Kinder herumkreiseln, führt nur dazu, dass man die Arbeit nachts macht. Und das führt auf direktem Weg zu irgendeinem Erschöpfungssyndrom.

Maximal drei Facebook-Logins

Das Modell Home-Office – das ist zwar visionsarm, aber empirisch dafür absolut wasserdicht – funktioniert nur, wenn man zu Hause auch wirklich zu arbeiten bereit ist, und zwar während einer Zeit, die man sich als Arbeitszeit vornimmt, und in einem Umfeld, das man als Arbeitsumfeld verstehen kann. Betreut man zu Hause vier Stunden lang ein Kind, kann man sich dorthin Arbeit mitnehmen, aber nur die für einen halben Arbeitstag: Acht Stunden Arbeitstag minus vier Stunden Kind ist gleich vier Stunden Arbeit.

Spielen wir einen Home-Office-Tag durch: Er beginnt mit dem Wecker. Sobald er läutet, heißt es, aufzustehen. Dann Kaffee und Marmeladenbrot. Der in einem Arbeitszimmer und nicht auf dem Küchentisch stehende Computer sollte nach dem Frühstück hochgefahren werden. Wichtig auch: Der Schreibtischstuhl muss was taugen. Dann los. Mails checken, Internet, Startseite durchscrollen. Einloggen in Social-Media-Accounts und nach Gebrauch wieder ausloggen. Maximal dreimal pro Tag wieder einloggen. Installieren Sie am besten einen Dienst, der Ihnen bei der vierten Facebook-Anmeldung am Tag einen Stromstoß verpasst.

Dann über den Arbeitsauftrag für den Tag nachdenken. Lautet er: Fensterputzen? Lego spielen? DVD gucken? Nein, er lautet zum Beispiel: „6000 Zeichen übers Home-Office. Wie bekommt man zu Hause was Vernünftiges auf die Reihe, wie strukturiert man seinen Tag?“

Es stecken mehrere Vorannahmen in dieser Auftragsbeschreibung: etwa, dass man sich am Ende tatsächlich disziplinieren kann. Und dass man den Tag nicht einfach so vor sich hinvergeuden will. Beide Grundannahmen sind wichtig. Legt man um 11 Uhr eine DVD ein („och, nur eine Episode“), sind die Folgen gravierend: der Feierabend fällt aus und das führt zu: Schlafmangel, Verspanntheit, Übermüdung, Hass auf die Arbeit. Merke also: Keine Filme zwischendurch. Auch nichts andübeln.

Zwischen 12 und 13 Uhr, nach einem konzentriert verbrachten Vormittag, braucht man eine Pause. Keine Schnell-ein-paar-Kartoffelchips-und-dann-weiter-Pause. Sondern eine Stunde. Füße hoch. Spazieren gehen. Essen. Dann frischer Kaffee. Über die nächsten Arbeitsschritte nachdenken und sie anschließend konzentriert verrichten. Um 16 Uhr überrascht feststellen, dass man gut vorankommt. 15-minütige Pause. Kaffee? Gern. Dann weiter bis 18 Uhr. Sich vornehmen, um 19 Uhr fertig zu sein. Um 18 Uhr 35 das Ergebnis noch einmal begutachten. Feststellen, dass man schon mal Einfallsreicheres abgeliefert hat. Mit den Schultern zucken. Den Computer ausmachen. Feierabend. Work-Life-Feelgood mit Family.

Anders gesagt: Die Wahrheit übers Home-Office ist, dass man auch ins Büro gehen könnte, wenn man dort nur nicht so oft abgelenkt würde.

 

10:32 18.03.2013

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