Rosamunde ist tot, das Prinzip Pilcher lebt

Fernsehen Die Publikumszentrierung der Öffentlich-Rechtlichen ist nachvollziehbar. Schlau ist sie nicht
Klaus Raab | Ausgabe 07/2019 20

Es spricht nichts, aber auch gar nichts dagegen, dass öffentlich-rechtliche Sender, die von allen finanziert werden, ein möglichst großes Publikum erreichen wollen. Millionen mögen Tatort, Bares für Rares und Markus Lanz – also hat all das eine Berechtigung. Es spricht nicht einmal etwas dagegen, dass das ZDF „Rosamunde Pilcher“-Geschichten zeigt, die viele exemplarisch fürs deutsche Fiktionsfernsehen verachten. Man wüsste nur gerne, was das ZDF alles nicht zeigt, weil immer gleiche Herzfilme beste Programmplätze blockieren und im Zweifel auch in Mediatheken oben stehen.

Rosamunde Pilcher ist vor einigen Tagen gestorben, Geschichten, auf denen ihr Markenname steht, wird es weiter geben. Die Drehbücher sind so redundant in Atmosphäre, Temperatur und Aufbau, dass sie von anderen geschrieben werden können. Sie spielen in einer lokalen Welt. Es gibt nicht einmal Supermarktketten darin, nur Sandwichbäcker in belebten Kleinstadtzentren, deren Personal sich so in wohlhabende Konzertpianisten verlieben kann. Rund um den Brexit fällt einem erst so richtig auf, wie entglobalisiert die Welt ist, die hier mit Heile-Welt-Gestus ausgebreitet wird. In dem Sinn sind Pilchers Geschichten also doch auch politisch. Wobei die jüngst ausgestrahlte von einem schwulen Profifußballer handelt, der sein beklatschtes Coming-out hat – ganz eindeutig reaktionär ist hier also auch wieder nichts.

Das Problem ist eher, dass die Programmplaner so sehr auf die Erfüllung von Publikumserwartungen, auf verlässliche Verstörungsfreiheit setzen, dass überraschende, komplexere Inhalte ins Nachtprogramm oder gleich zu 3sat oder Arte abgeschoben werden. Das konzeptionell Abgeriegelte, das Durchformatierte überwiegt in den Hauptprogrammen. Man kann das auch im dokumentarischen Fernsehen sehen, jenseits von Pilcher. Seit vergangener Woche gibt es neue Zahlen dafür. Da stellte der Medienjournalist Fritz Wolf seine Studie Deutschland – Doku-Land vor. 75 bis 80 Prozent der dokumentarischen Sendungen können heute als formatiert bezeichnet werden, noch mehr als in der Vergleichsstudie von 2002. Dokumentarisches Fernsehen sei „erzählerisch und ästhetisch ärmer und gleichförmiger geworden“. Die Formatierung , schreibt Wolf, verenge „den Blick auf die Wirklichkeit, weil es of nicht um Beobachtung der Realität geht, sondern um Umsetzung von Konzepten“.

Ausnahme ist der häufig lange Dokumentarfilm, „in dem nach wie vor verschiedene Handschriften möglich sind und wo Zuschauer weiterhin Entdeckungen machen können“. Nur läuft dieser Dokumentarfilm – den sich Zuschauer anschauen, „wenn sie sich für ein Thema interessieren“, und nicht, wie „einen Film von Rosamunde Pilcher, weil einem nach sozialromantischem Kitsch zumute ist“ – zu bisweilen bizarr undankbaren Uhrzeiten.

Aus Sendersicht nachvollziehbar: Bei ZDFzoom, 37 Grad oder oft auch bei der WDR-Reihe Menschen hautnah (die jüngst damit in die Schlagzeilen geriet, dass Protagonisten auf kommerziellen Komparsen-Plattformen gecastet worden waren) weiß der Zuschauer vorher, dass er nicht überfordert wird. Womöglich ist der Erfahrungswert, dass weniger Leute wegschalten, wenn die Realität nicht zu vielschichtig dargestellt ist. Allerdings erinnert das auch an eine Kinderspeisekarte: Kinder wollen Pommes, also gibt es Pommes. Auch ein Erfahrungswert, den man schwer wegdiskutieren kann: Jede Art von nicht fritiertem Essen funktioniert nicht.

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06:00 16.02.2019

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