Selbstdemontage, bröckchenweise

Christian Wulff Kriegführen am medialen Rubikon: Der Bundespräsident hat versucht, einen Bild-Bericht über die Kreditaffäre zu verhindern. Eine in der Tat „unglaubliche“ Geschichte

Gaius Julius Cäsars Leute haben den Rubikon im Jahr 49 vor Christus überschritten, was seinerzeit einer Kriegserklärung an den römischen Senat gleichkam. Es folgte, nach einigem Hin und Her freilich, der Kollektivmord an Cäsar. Axel Cäsar Springers Leute haben den Rubikon im Dezember 2011 überschritten. So hat es zwei Zeitungen zufolge Christian Wulff formuliert.

Der Bundespräsident hat, wenn es stimmt, was übereinstimmend in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und der Süddeutschen Zeitung steht, versucht, zu verhindern, dass Bild die Recherchen zur Finanzierung seines Privathauses veröffentlicht. Das Boulevardblatt erschien am 13. Dezember mit der besagten Geschichte, am 12. Dezember soll der Bundespräsident bei Chefredakteur Kai Diekmann auf den Anrufbeantworter gesprochen haben. Wulff sprach, so hat es die Sonntagszeitung aufgeschrieben, von einer "unglaublichen" Geschichte; er soll mit dem "Bruch" mit dem Springer-Verlag gedroht haben; das Wort "Kriegführen" sei gefallen; und er habe eben gesagt, dass für ihn und seine Frau der "Rubikon" überschritten sei. Der Bundespräsident habe sich, so steht es mittlerweile bei Bild Online , "empört über die Recherchen zu dem Hauskredit" gezeigt und "u.a. mit strafrechtlichen Konsequenzen für den verantwortlichen Bild-Redakteur" gedroht.

Man muss sich das vorstellen: Ein Bundespräsident interveniert persönlich hinter den Kulissen – laut Spiegel Online auch bei Springer-Chef Mathias Döpfner –, um die Veröffentlichung von Recherchen zu verhindern, deren grundsätzliche Richtigkeit er dann zehn Tage später, am 22. Dezember, öffentlich in einer Erklärung zur Kreditaffäre einräumt.

Von "voller Offenheit" sprach Wulff in dieser Erklärung. Und lieferte: nicht. Die Details seiner Hausfinanzierung kommen nach wie vor bröckchenweise, und nur, wenn es sein muss. Und er sagte darin auch, was das Bundespräsidialamt am Montag sinngemäß wiederholte: "Ich weiß und finde es richtig, dass die Presse- und Informationsfreiheit ein hohes Gut ist in unserer freiheitlichen Gesellschaft."

Man kann sich Wulffs Erklärung nach Lage der Dinge auch zum Hütchen falten. Er demontiert sich durch den Umgang mit einer Affäre, über deren Schwerskandalösität nach wie vor eigentlich noch immer kein Konsens besteht, selbst. Das steht weitgehend fest. Die Existenz des Anrufs bei Bild wird jedenfalls nicht dementiert; die Süddeutsche hat dafür zudem noch eine Quelle "aus dem Umfeld des Bundespräsidenten" aufgetan.

Dass die Bild-Zeitung davon profitiert, exklusive Informationen zu besitzen, auf die sich alle anderen nur verlassen können, sollte allerdings trotzdem zu einem Rest von Skepsis Anlass geben. Die Frage ist schließlich auch: Welche Regieanweisungen in dieser ganzen zunehmend bizarreren Marionettentheater-Aufführung kennen wir eigentlich nicht?

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