The Winner is

Medientagebuch Erhöhte Umfragewerte oder ab wann ist das Wahlvolk gedopt: Über die Wahlberichterstattung in Form des Sportberichts und die demokratische Frage nach Beeinflussung
The Winner is
Foto: Alan Crowhurst / Getty

Wer ist in Führung? Wer foult wen? Wann springt Steinbrück unter der Steinmeier-Latte durch? Ist das Weltrekord? Und wenn nein, kann man das Personal auswechseln? Das sind doch so die Fragen im Wahlkampf. Politik wird, speziell im Jahr einer Bundestagswahl, vermittelt, als handle es sich um einen Wettkampf. Man kann auch prima auf den Ausgang von Wahlen wetten (die Wirtschaftswoche etwa richtete vor der Landtagswahl in Niedersachsen für ihre Leser ein Tippspiel auf den Ausgang aus), und so sprechen Wissenschaftler von Horse-Race-Journalismus, Berichterstattung, die einem Pferderennen gleicht. Sie wird, je näher das Ziel kommt, lauter und schneller.

Umfragen, jedenfalls einige, befördern die Behandlung von Wahlkämpfen als Pferderennen. Das Institut Forsa etwa, beauftragt von Stern und RTL, sah die SPD kürzlich bei 23 und die Union bei 43 Prozent; kein Konkurrent kam auf einen auch nur annähernd so großen Unterschied. Im Grunde erstellt Forsa jede Woche für seine Auftraggeber eine Hammerschlagzeile, die sich als empirische Sozialforschung verkleidet hat.

Es läge also nahe, ARD und ZDF für ihre lange durchgehaltene und den Verlockungen des Pferderennens widerstehende Praxis zu loben, in der Woche vor einer Wahl keine Umfragen mehr zu veröffentlichen. Die Sender sind da tatsächlich konsequent. Andreas Cichowicz, der Fernsehchefredakteur des NDR, twitterte noch am Tag vor der Niedersachsen-Wahl, als er aus einem Briefing mit dem von der ARD beauftragten Umfrageinstitut Infratest Dimap kam: „I guess I know where it’s going“ – er nehme also an, er kenne schon die Wahlentwicklung –, behielt seine intimen Kenntnisse aber, als einige Follower Rückfragen stellten, für sich: „Wir veröffentlichen alles am Sonntag, 18 Uhr. Bis dahin verpflichten wir uns, den Wahlkampf nicht zu beeinflussen.“

Zu viel Information?

Keine Beeinflussung. In der Tat wünscht man sich genau das von der Demoskopie und den Massenmedien – sofern man ein 1970 emeritierter Politikwissenschaftler ist, der von der Sorge um das Gedeihen des zarten Pflänzleins namens Demokratie getrieben ist.

2013 fragt man sich allerdings, was das sein soll: eine Beeinflussung durch zu viele Informationen. Mehr als ein Drittel der Wähler trifft seine Entscheidung regelmäßig kurz vor der Wahl; die Grenzen zwischen Parteien sind durchlässiger als in der alten Bundesrepublik, als jedes Kirchenchormitglied immer CDU und jeder Gewerkschafter immer SPD wählte. Manchmal ereignet sich im Wahlkampf ein Atomunglück, wie in der Fernsehserie The West Wing, oder eine Elbflut, wie 2002, was manche Wähler dazu veranlasst, kurzfristig die Stellschrauben im Kopf nach-zujustieren.

Auch wenn manche Umfrage also wie eine zu viel wirkt und manch andere wie der pure Trash: Wenn bei dieser Ausgangslage etwas einen verzerrenden Effekt hat, dann zu wenige Informationen.

Taktische Wähler – wie jene vielen Unions-Anhänger, die in Niedersachsen wohl mit der Zweitstimme FDP wählten, um den gefährdet scheinenden Wunsch-Koalitionspartner über die Fünf-Prozent-Hürde zu hieven – machen ihre Kreuze, nachdem sie Umfragen-Exegese betrieben haben. Sie verändern ihr Verhalten, nachdem sie den ARD-Deutschlandtrend oder das ZDF-Politbarometer gesehen haben. Dass man ihnen in der entscheidenden Woche vor der Wahl neue Zahlen vorenthält, obwohl es sie gibt, ist ein Anachronismus.

Klaus Raab zieht sich zwei Wochen vor Wahlen in der Regel in eine einsame Hütte zurück, um nicht manipuliert zu werden

08:00 25.01.2013

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