Trick 20:00

Nachrichten Wenn die „Tagesschau“ demnächst in ihr neues Studio zieht, ändert sich manches. Aber eines bleibt: das Blau. Als gäbe es keine anderen Farben auf der Welt
Klaus Raab | Ausgabe 52/2013 5
Trick 20:00
Foto: Roland Magunia / ddp / dadp

Um 20 Uhr, wenn sich der traditionelle Mediennutzer vor das Fernsehgerät setzt, um Judith Rakers oder Jan Hofer „Guten Abend“ sagen zu hören; wenn also die Tagesschau beginnt – dann sieht der Bildschirm aus wie der Horizont höchstpersönlich. Alles, was im Tagesschau-Studio von der Kamera erfasst wird, ist – abgesehen von Tisch und Boden – blau.

Die Frage nach dem Warum lässt sich oberflächlich recht leicht beantworten: Blau gehört zur Corporate Identity der ARD. Saphirblau ist die Hausfarbe der ARD; ein dunkler Ton, der durch sechs weitere Abstufungen ergänzt wird, heller werdend bis zu einem Blau wie jenem des Himmels an einem grellen Sonnentag. Die Farbe taucht den ganzen Tag über im Ersten Programm der ARD auf, auch in vielen Dritten.

Das Design ist Chefsache

Nirgends in der ARD aber ist so wenig Regenbogen wie in der stilprägenden Tagesschau. Blau ist der Studiohintergrund, blau ist die Weltkarte, blau sind die Laufbänder, Fußballergebnisse werden Weiß auf Blau eingeblendet. Und an der Nutzung der Farbe Blau soll sich auch nichts ändern, wenn sich die Nachrichtensendung im Lauf des Jahres 2014, frühestens im Februar, visuell erneuern wird. Es soll sich aber anderes ändern; eine 17 Meter lange Videoleinwand soll es zum Beispiel geben, die Tagesschau soll wohl bald tatsächlich aussehen wie eine Nachrichtensendung aus dem 21. Jahrhundert. Das Blau aber bleibt. „Die Farbtemperatur soll lediglich ein ganz klein wenig kühler werden, um Nuancen“, sagt Kai Gniffke, der Tagesschau-Chefredakteur. Vor allem aus technischen Gründen, weil Infrarotlicht eingesetzt werde. Doch was steckt hinter der Farbwahl? Warum ist die Tagesschau nicht grün? Oder rot?

Gniffke ruft selbst an, wenn man die ARD um ein Gespräch mit den Designern des neuen Studios bittet. Er ist zwar nicht der Designer, habe sich aber lange mit dem Design beschäftigt, heißt es aus der Pressestelle. Warum also Blau, Herr Gniffke? „Blau“, sagt er, „steht traditionell für Seriosität und Glaubwürdigkeit, für Eigenschaften, die sich bestens mit Nachrichten vertragen beziehungsweise von denen News sogar abhängen.“ Rot, zum Beispiel, sei einfach aggressiver. Inwiefern das stimmt, lässt sich im Schnellverfahren testen. Zum Beispiel, wenn man die Smartphone-App der Tagesschau öffnet. Das nämlich kann die eine oder andere Sekunde dauern – lange genug für eine Überlegung: Will man wirklich die blauen Nachrichten lesen? Oder vielleicht doch lieber die roten von der privaten Zeitungsverlagskonkurrenz? Blau wirkt intuitiv tatsächlich eher seriös; man erwartet Europäische Union und Staatsverschuldung. Rot zieht einen dafür eher an; man erwartet Zoff in Brüssel und einen Knick in der Optik des Finanzministers. Das ist keine Wissenschaft, aber ein Erfahrungswert.

Eine Gnade

Blau ist also Sachfarbe, Rot Krachfarbe. Beispielhaft steht dafür auch das Medienangebot der Axel Springer AG. Es gibt dort ja die sogenannte „blaue Gruppe“ (also Welt, Welt am Sonntag u.a.) – und die „rote Gruppe“ (Bild, BamS, B.Z.), die vom Scheppern lebt. „Rot“, sagt der Farbforscher Axel Buether, Professor für Didaktik der Visuellen Kommunikation in Wuppertal, „verweist auf Erregung, es ist die Farbe der Schlagzeile und der ständigen Lautstärke. Wer ständig aktuell und wichtig herüberkommen will, nimmt Rot.“

Wer sich hingegen blau anstreicht, erweckt den Anschein, es gehe nicht um Aufmerksamkeit, sondern um die Sache. Um die unverstellte Vermittlung des Geschehens. „Blau ist eine Gnade“, sagt Kai Gniffke, „weil sie so eindeutig mit Seriosität verbunden ist.“ Die gewitztesten – vielleicht auch verquersten – Nachrichten sind daher die, bei denen auch rote Inhalte in einer blauen Aufmachung stecken, etwa die Sat.1- News oder RTL aktuell, die auch mal von Jenny Elvers oder einer methodisch recht unsinnigen Umfrage zum Kiffen handeln.

So blau wie die Tagesschau ist im Fernsehbereich aber kaum jemand. Frankreichs Auslandssender France24 hält noch mit. Aber ein paar Rot- und Rotmischtöne verirren sich in so gut wie alle anderen Sendungen. RTL mischt vor die blauen Hintergründe knallrote Schriftbänder. Die ZDF-heute-Nachrichten, die vor einem himmelblauen Hintergrund laufen, nutzen auch Spuren von Orange. Al Jazeera hat eine blaue Weltkarte, wie sie international verbreitet ist, setzt ansonsten aber ebenfalls auf Orange. Die BBC News nutzen ein prägnantes Rot, allerdings steht der Moderator gerne mal vor einem Hintergrundbild, das zu weiten Teilen den Himmel zeigt. Spaniens News-Kanal 24Horas nutzt vornehmlich rote Töne. Im nordafrikanischen Raum sieht man auch Grün, genau wie bei Russlands internationalem Sender RT, früher Russia Today.

Im US-Fernsehen, wo niemand jemals einfach nur eine Nachricht vorliest, ohne sie zu kommentieren, halten sich Blau- und Rottöne die Waage. Bei CNN gibt es etwa ein sehr rotes Studio und ein blaues Newsband. Die einzige US-Newssendung, die so blau aussieht wie die Tagesschau, ist Jon Stewarts Daily Show – eine Nachrichtensatire.

In der Tagesschau selbst aber gibt es etwas anderes als Blau höchstens als Krawatten- und Kleiderfarbe. Kaum irgendwo im Fernsehen, vielleicht nirgends, wird so eisern zwischen Nachricht und Meinung getrennt wie dort. Nur ein einziges Boulevardthema beschäftigt sie täglich in ihrer ansonsten rotfreien Zone: das Wetter.

Die Frage ist aber, ob die Nachrichtenbranche, allen voran die Tagesschau, erst selbst dafür gesorgt hat, dass Blau mit Glaubwürdigkeit und Seriosität verbunden wird. Vielleicht hat es erst mit der Zeit Wunscheigenschaften der Nachrichten angenommen und strahlt sie nun zurück?

Tatsächlich ist eine Entwicklung erkennbar. Im März 1970 wurden Tagesschau und heute farbig. Blau findet man zwar schon auf frühen Bildern des Tagesschau-Studios, noch bis 1999 aber ging es ins Gräuliche. Die heute-Nachrichten wurden von 1973 an zeitweise sogar vor einer roten Backsteinwand verlesen.

Blau, so viel steht fest, ist älter als das Farbfernsehen. Vom späten 12. Jahrhundert an wird etwa die Jungfrau Maria häufig in einem blauen Mantel dargestellt. Der französische Historiker Michel Pastoureau stellt in seiner kulturwissenschaftlichen Studie Blau. Die Geschichte einer Farbe (Wagenbach Verlag) einen Zusammenhang zwischen der puritanischen Sittenlehre und der „moralischen Farbe“ Blau her. In der Romantik drückte Blau Sehnsucht und Unendlichkeit aus. Die „Blaue Blume“, die Novalis um 1800 als Symbol der Romantik einführte, stand für Sehnsucht. Novalis’ Empfinden deckte sich mit jenem Johann Wolfgang von Goethes. Goethe schrieb in seiner Farbenlehre dem Blau – auch sein junger Werther trug es – sehnende Empfindungen zu, Rottönen eher Regsamkeit.

Wie aber kommt man von Sittlichkeit oder Sehnsucht zu Blau als Nachrichtenfarbe, als Farbe von Glaubwürdigkeit und Seriosität? Erstaunlicherweise lässt sich ein ziemlich direkter Weg finden: Praktisch alle Blau-Deutungen ruhen auf dergleichen Erfahrungsgrundlage – Blau als Farbe der Weite und der unverstellten, für alle gleichen Endlosigkeit.

Weiterentwickelte Sehnsucht

„Farben“, sagt der Farbforscher Axel Buether, „vernetzen sich mit Erfahrungen, die wir machen.“ Die menschlichen Erfahrungen mit der Farbe Blau sind, anders als etwa die Erfahrungen mit der Farbe Grün, kulturübergreifend vergleichbar. „Dass Grün die Farbe des Islams ist“, sagt Buether, „hat sicher mit der Seltenheit von Oasen zu tun.“ Blau dagegen steht in allen Regionen und zu allen Zeiten für den Himmel. „Der Himmel ist nicht manipulierbar. Wir können Dinge davor stellen, aber verändern können wir ihn nicht.“

Hier sind wir bei den Nachrichten. Die Seriosität und Glaubwürdigkeit, die dem Blau im Nachrichtenbereich zugeschrieben wird, sollte man nicht mit Inszenierungslosigkeit oder Nüchternheit verwechseln; es handelt sich vielmehr um eine Weiterentwicklung des Blaus der Sehnsucht. Man mag dazu neigen, sich von der Schnörkellosigkeit der Tagesschau blenden zu lassen. Aber sie zieht mit ihrer ausgestellten Trockenheit vielleicht die größte Show von allen Nachrichtensendungen ab. Warum lesen etwa die Sprecher ihre Texte immer noch von Zetteln ab, statt von einem Teleprompter? Doch nicht weil es der Wahrheitsfindung wirklich dienen würde. Sondern weil es so wirkt.

Der Zaubertrick der Tagesschau offenbart sich am besten in der Farbe: Sie befriedigt die Sehnsucht nach einer Realität, auf die der Blick nicht von selbstreferenziellen Medienstorys, von Meinungen, Zuspitzungen, Promoelend und Personalisierungen verstellt ist. Die Tagesschau öffnet den Blick zum Horizont mit Nachrichten, die muttergotteshaft unberührt und sittlich rein sind. Blau eben, was sonst?

 

09:44 30.12.2013

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