Klaus Raab
15.12.2011 | 07:00 2

Undurchsichtige Manöver

Public Relations Es ist unheimlich praktisch: Wer mehr Transparenz verspricht, erhält derart viele Sympathien, dass er sein Versprechen nicht einmal einlösen muss

Im Jahr 2002 schaffte es James Bond, Verschlossenheit wie Transparenz aussehen zu lassen. Man kann ihn den Vorreiter eines neuen Trends nennen.

Es war im Film Stirb an einem anderen Tag. Pierce Brosnan spielte darin den Bond, und er hatte ein Auto, das sich durchsichtig machen ließ. Das heißt, wirklich durchsichtig war es nicht. Das Auto sah von außen transparent aus; man konnte auch durch es hindurchsehen. Doch als Bond die Tür öffnete, um einzusteigen, sah man für einen kurzen Moment hinter der durchsichtigen Hülle eine handelsübliche, nicht durchsichtige Fahrerkabine. Das Paradoxe war, dass Bonds Transparenz-Vehikel eigentlich eine Tarnkappe war: Das Geschehen im Inneren blieb hinter der „durchsichtigen“ Hülle verborgen.

Wenn heute davon die Rede ist, dass wieder mal jemand Transparenz schafft, egal ob Unternehmen, Organisation oder Politiker, ist oft von genau diesem Phänomen die Rede: Man gibt nutzlose Informationen heraus, legt Twitter-Accounts an, streicht den Bonus für Unverkrustetheit ein, schafft Vertrauen. Aber eigentlich ist diese Transparenz eine Attrappe: Man macht nur das sichtbar, was nicht schadet. Über den Rest hüllt man den Tarnumhang.

Wir kennen dieses Prinzip längst. Der Überbegriff dazu lautet: Whitewashing, Weißfärberei, im Deutschen besser Schönfärberei genannt.

Spielarten der Schönfärberei

In den vergangenen Jahren beliebt war vor allem die Spielart Greenwashing, die Grünfärberei. Egal ob der Fernsehsender Pro Sieben in Kooperation mit der Bild aufforderte, dem Klima zuliebe eine Minute lang das Licht auszumachen; ob sich ein Energieriese, der ungebrochen auf Atomkraft setzt, in einem Spot als grüner Riese darstellte; ob Waschmittelhersteller behaupteten, dass ihre Produkte, die immer schon vieles enthielten, aber schon lange keine Phosphate mehr, jetzt als „phosphatfrei“ beworben wurden; oder ob ein einzelnes tatsächlich nachhaltiges Produkt aus der großen Produktpalette genutzt wurde, um dem ganzen Konzern dahinter ein grünes Image zu verpassen: Jede Dreckschleuder fand schon einen Weg, sich grün anzumalen.

Dann gibt es noch die Blaufärberei, das Bluewashing, angelehnt an die Farbe der Vereinten Nationen. Es bezeichnet die Öffentlichkeitsstrategien von Unternehmen, die das blaue Logo des Globalen Pakts der Vereinten Nationen, der zwischen UNO und Unternehmen geschlossen wird, gerne für ihre Reputation nutzen. Dessen Prinzipien befolgen sie aber nur dem Anschein nach. Statt strukturell etwas zu ändern, zum Beispiel die Arbeitsbedingungen in den eigenen Betrieben zu verbessern, ergreifen sie punktuelle Maßnahmen, die das Kerngeschäft nicht tangieren. Sie bauen einen Kindergarten zum Vorzeigen, lassen aber den Rest ihres Handelns unangetastet.

Die neueste Spielart des Whitewashings ist nun das, was man als Transparent-Washing bezeichnen könnte, als Durchsichtigfärberei quasi.

Nehmen wir den Fußball-Weltverband Fifa. Das Image der Fifa ist das eines paternalistischen, undemokratischen und selbstherrlichen Verbands, dessen knäuelartig strukturiertes Funktionärswesen kein Mensch durchblickt, weshalb Fifa-Chef Sepp Blatter wider jede Vernunft immer noch sein Unwesen treiben kann. Dieser Tage aber steckt der Verband so tief in einer Korruptionsaffäre, dass Blatter tatsächlich Aufklärungswillen simulieren muss. Was tut er also? Er kündigt Transparenz an. „Ich werde mich durchleuchten lassen“, lautete etwa die Überschrift des Interviews mit ihm, das die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung druckte. Zur erwarteten Fifa-Posse wurde das Ganze, wenn man hörte, wer Transparenz schaffen soll: unter anderem eine unabhängige Good-Governance-Kommission. So unabhängig, dass sie den Fifa-Plänen nach von einem vormaligen Fifa-Beauftragten geleitet wird. Nicht dass die am Ende noch was finden!

Oder nehmen wir den MDR: Als die neue MDR-Intendantin Karola Wille im November den Medienvertretern ihr Programm vorstellte, war die Rede davon, dass sie Transparenz schaffen wolle. Das ist eine prima Idee in einer öffentlich-rechtlichen Anstalt, in der in den vergangenen Jahren in mindestens drei gravierenden Fällen die Kontrolle nicht funktionierte. In der Leute in die eigene Tasche wirtschafteten, in der eine Kultur des Wegschauens herrschte und in der sich mancher Verantwortliche Hoheitsgebiete errichtet hatte, die nach dem Zwei-Augen-Prinzip verwaltet wurden.

Transparenz zu versprechen, ist daher richtig, und es wäre falsch, zu vermuten, dass Wille die strukturelle Intransparenz nicht tatsächlich überwinden will. Doch auch sie nutzte das Buzzword „Transparenz“ erst einmal bloß zur Imagepolitur. Auf die Nachfrage, wie genau sie denn Transparenz schaffen werde, verwies sie darauf, dass man die große Pressekonferenz, die sie zum Einstand gab, schon mal als Zeichen verstehen könne. Welche Dokumente und Abschlussberichte veröffentlicht, wie Transparenz tatsächlich sichergestellt werden solle, das werde man dann noch sehen. Kurz: Das Transparenzversprechen war, als es abgegeben wurde, substanzlos.

Politischer Tarnkappen-Stil

Man kann das Transparent-Washing auch bei Twitter beobachten, etwa wenn man dort diversen Politikern folgt. Man darf Twitter nicht überschätzen, aber eines kann man dort für die Transparenz doch erhoffen: Informationen über die Positionen der einzelnen Parteivertreter, nicht nur über die der Parteien.

Solche Informationen gibt es immer wieder. Als die SPD über die Vorratsdatenspeicherung stritt, stritten sich auf Twitter auch einzelne Abgeordnete. Die Piraten gewinnen derzeit viele Sympathien damit, nicht zimperlich miteinander umzugehen und so die Konfliktlinien der Partei offenzulegen, statt alles unter Einigkeitszuckerguss zu begraben.

Standard ist das allerdings nicht: Viele Politiker nutzen Twitter, um belanglose Details über Wochenend-Fernsehgewohnheiten loszuwerden. Von persönlichen Positionen, die nicht exakt auf Parteilinie liegen, erfährt die Welt in vielen Politiker-Timelines gar nichts, von politischen Entscheidungsprozessen nur das Ergebnis: die Parteilinie. Was dann großspurig Transparenz genannt wird, ist nichts anderes als transparent gefärbte Partei-PR; Tarnkappentransparenz im James-Bond-Stil.

Intransparenz ist dann doch transparenter. Sie ist wenigstens nicht verlogen.

(Ill.: Eva Hillreiner für der Freitag. Material: Doris Heinrichs, Berchtesgarden/ Fotolia)

Klaus Raab ist Medienjournalist und Autor des Buchs Wir sind online wo seid ihr? Von wegen dummgesurft. Die unterschätzte Generation, Blanvalet Verlag 2011

Kommentare (2)

memyselfandi 18.12.2011 | 11:25

Foto und Titel machten mich neugierig, aber wie oft beim Freitag wars das auch schon.

Gerade die "Transparenz" liefert soviel, um mal die Piraten unter die Lupe zu nehmen und das Wahlverhalten der Deutschen, detailliert. Immerhin schreiben Sie verschiedene Beispiele. White-Washing wird übertragen auch in den Medien benutzt, um Sänger, Schauspieler usw. an die Weißen anzupassen (besten Beispiel Beyonce), aber das nur am Rande.

Nun ja, was soll ich sagen, das ist mir zuviel Herumgemeine (interessant, dass Sie das bei anderen kritisieren, by the way, haben Sie diesen furchtabr schlechten Lobo-Text überhaupt gelesen, der voll ist von Pauschalisierungen und Herummeinen?).

Jedenfalls, es ist doch überraschend, wie die Deutschen ticken, dass sie auf das Wort alleine hereinfallen, und dass die Piraten schon alleine deswegen einen Hype erleben, ohne dass sie überhaupt was Handfestes zum Transparentmachen haben. So eine Abrechnung hätte ich gerne als Titelthema gelesen.