Klaus Raab
23.03.2012 | 13:54 24

Warum ich Sven Regeners Wutrede für sympathisch, aber falsch halte

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Klaus Raab

Als der Musiker und Schriftsteller Sven Regener in diesen Tagen gegenüber dem Bayerischen Rundfunk einen kleinen Rant zum Urheberrecht abließ, hagelte es Sympathiebekundungen. Seine Wutrede wurde vielfach weitergeleitet, allein mir wurde der Link bei Facebook schlappe acht Mal ins Fenster geschwemmt. Und warum? Weil er irgendwie recht hatte. Weil es geil ist, dass das mal jemand sagte. Und vor allem: so sagte.

Aber Regener hatte eben nur irgendwie recht, zu geschätzt ungefähr 25 Prozent. Der Rest war pure Emotion. Dagegen spricht nichts, im Gegenteil; es ist sehr sympathisch, wie erKünstler gegen die Umstände verteidigt, unter denen sie kein Geld verdienen; es ist emotional sehr gut nachvollziehbar; und überhaupt gibt es ja viel zu wenige solcher Ausbrüche. Die bringen einen voran, weil man sich dann darüber Gedanken machen muss. Aber dennoch redete der – nicht dass da ein Missverständnis aufkommt, das sich dann in den Vordergrund drängt und die Sache mal wieder überlagert – von mir vor allem für seine Musik sehr respektierte Sven Regener in vielen Aspekten am Thema vorbei.

Das nervt mich langsam. Mich nervt, dass man in Fragen des Urheberrechts und des ganzen Zeugs, nur weil man gerade mal Schaum vor dem Mund hat, alles vermengen darf und dafür auch noch tausende von Likes bekommt. Und wenn man dann dagegen hält, äh, sorry, das ist argumentativ echt Kraut und Rüben, kommt als Gegenargument: Aber Youtube ist doch wirklich ein milliardenschwerer Konzern, den man nicht unterstützen muss. Ja, stimmt, das muss man wahrlich nicht. Wake up, sagenumwobene Netzcommunity.

Aber soll man deswegen jetzt, wie Regener, zwei Fronten ziehen: Künstler und Plattenfirmen auf der einen Seite gegen User, Piratenpartei, Kim Schmitz und Youtube auf der anderen? Seriously?

Eine kurze Zusammenfassung: Regener verteidigte Künstler in seiner Wutrede gegen

a) User, die alles umsonst wollen würden: Es sei "eine Frage des Respekts und des Anstands", im Supermarkt nichts zu klauen, auch wenn man wisse, dass man nicht erwischt werde, und es sei ebenso eine Frage des Respekts, Künstlern nichts zu klauen, sondern 99 Cent für einen Song zu bezahlen. (Diese Anklage halte ich für falsch aus zwei Gründen: Ein Song wird nicht geklaut, sondern kopiert. Und es wird online nicht nur gesaugt, sondern auch gekauft. Da hat jede Interessengruppe andere Zahlen zu. Es stimmt trotzdem.)

b) Youtube: "Youtube ist ein milliardenschwerer Konzern, der Google gehört. Der aber nicht bereit ist, pro Klick zu bezahlen. Wir sagen nein: Für dieses Geld kriegt ihr unseren Kram nicht." Und: "Ein Geschäftsmodell, das darauf beruht, dass diejenigen, die den Inhalt liefern, nichts bekommen, das ist kein Geschäftsmodell, das ist scheiße." Sowie: "Ansonsten können sich ja alle ihre Lieder von Kim Schmitz vorsingen lassen." (Diese Klage halte ich im Kern für richtig.)

c) die Piratenpartei: "Auch der Name 'Piratenpartei' ist geistiges Eigentum." Würde er, Regener, eine Piratenpartei gründen, stünde sofort deren Anwalt bei ihm auf der Matte. Man muss sich die Unterstellung dazu denken: Die Piraten würden gerne das Urheberrecht abschaffen, sie seien damit gegen Künstler und für milliardenschwere Internetkonzerne.(Die freilich nicht ausgesprochene Unterstellung hat ungefähr Dieter-Nuhr-Niveau und ist falsch: Die Piratenpartei setzt sich nicht für die Abschaffung, sondern für eine Reform des Urheberrechts ein.)

Regener deutete dagegen eine funktionierende Allianz zwischen Urhebern und traditionellen Verwertern an, hier Plattenlabels, man kann sich aber auch (Text- und Bild-)Verlage dazu denken. Sinngemäß sagte er: "Zu glauben, man könnte auf Plattenfirmen verzichten und dann zu glauben, wir hätten noch Rock'n'Roll, ist falsch. Künstler arbeiteten mit denen zusammen, weil sie sonst ihre Musik nicht veröffentlichen könnten."

Künstler und Verwerter also gegen User, Piraten und Internetkonzerne. Aber diese Trennung ist unsauber. Ich selbst halte sie sogar für großen Quatsch.

Denn die sog. Verwerter verhalten sich in der Diskussion über das Urheberrecht ja nur so, als wären sie Urheber: Verlegerlobbyisten argumentieren etwa, sie würden ihren Qualitätsinhalt bereitstellen, den Google dann nutze, um damit Geld zu verdienen. Was ich nicht verstehe, ist, dass die interessengeleitete Prämisse nicht endlich mal gerade von den Urhebern als falsch erkannt wird: Google verdient Geld, indem dort die Inhalte von anderen verlinkt (nicht zu verwechseln mit kopiert) werden. Richtig. Google stinkt, ja, das kann man schon so sehen, auch wenn das zu nichts führt. Aber: Die Verlage sind nicht die Urheber, sondern die Urheber sind die Urheber. Die Urheber stehen am Ende der Kette, aber das liegt nicht an Google, auch nicht an Youtube. Man kann es zwar eigentlich überhaupt nicht monokausal betrachten, aber wenn man es doch täte, dann müsste man wenigstens bei den Verwertern anfangen.

Dieser Tage stand im Feuilleton der Süddeutschen ein Text, in dem es um Abmahnungen ging: Musiklabels würden User, die illegal Songs saugen, abmahnen und – für meine Begriffe – bemerkenswert viel Geld damit machen. Die Urheber aber würden darüber nicht einmal informiert. Plattenfirmenen verdienen also Geld mit Abmahnungen wegen Verletzung des Urheberrechts, aber die Urheber erfahren es nicht.

Vor einiger Zeit sah ich in einem Kulturkaufhaus ein Buch im Bestseller-Regal, über dessen Titel ich stolperte. Haha, lustig, dachte ich. Da haben sie den ganzen alten Scheiß nochmal als Buch rausgehauen. Und dann blätterte ich ein wenig und stellte fest: Nanu, unter "Redaktion" steht ja mein Name. Ich hatte nicht mal ein Belegexemplar bekommen. Geschweige denn ein Honorar. Warum nicht? Weil man bei quasi jedem Verlag heute, bevor man die erste Zeile schreiben darf, Verträge vorgelegt bekommt, in denen man die weitere Verwertung seiner Arbeit gestattet. Und dann heißt es: Take it or leave it.

Ich musste mich schon mal von einer Zeitung blöd anquatschen lassen, nachdem ich ihr auf deren eigenen dringenden Wunsch einen Text zum Abdruck überlassen hatte, mit dem sie eine kurzfristig entstandene Leerstelle kurz vor Redaktionsschluss füllen konnte. Kurz darauf kam allen Ernstes Post, ich möge dies und das unterschreiben.

Man kann diese Liste – und das ist jetzt eher assoziativ, zugegeben – erweitern: Große Buchhandelsketten bestimmen mit, welche Bücher entstehen, indem sie Nischenpublikationen einfach nicht auslegen; Autoren, die sich nicht an "Glück", Jakobsweg oder am Dauerbrenner "Deutsche Sprache mal wieder am Arsch" abarbeiten wollen, kriegen einen Mittelfinger. Wissenschaftliche Verlage verkaufen durch Steuern finanzierte Arbeiten zu zum Teil stark überhöhten Preisen. Die Nutzungsrechte an meiner eigenen Magisterarbeit liegen bei einem Verlag, der sie nicht bewirbt, der sie den Abrechnungen zufolge, die er mir schickt, nicht mehr verkauft und der mir aber laut Vertrag trotzdem verbietet, sie ins Netz zu stellen.

Ich weiß, ich vermenge nun auch vieles miteinander, und das führt nicht weit. Was ich sagen will, ist: Die alten Strukturen sind, abgesehen davon, dass sie nicht mehr funktionieren, so toll ja auch wieder nicht gewesen. Wir brauchen neue Modelle, egal ob sie Kulturwertmark, Kulturflatrate oder sonstwie heißen. Über die müssen wir reden, nicht über die Bösartigkeit von Piraten, Usern und Youtube.

Sven Regener schuldet der Gesellschaft zwar kein neues Urheberrecht, sondern wenn, dann umgekehrt. Aber dennoch muss man sagen, dass er es sich sehr einfach macht in seinem mündlichen (sowie möglicherweise sogar unvorbereiteten und deshalb dennoch absolut bemerkenswerten) Kurzreferat im Radio. Er verteidigte die alten Strukturen gegen alles, was man dem Internet so – aber eben nur zum Teil zurecht – vorwirft. Er wurde dabei amüsanterweise überdeutlich. Aber im Grunde könnte er mit seiner Argumentation bei Axel Springer anfangen.

Was die Band Deichkind kürzlich der Gema, den Plattenfirmen und Youtube für deren Konflikt auf den Weg gab, scheint mir der interessantere Ansatz zu sein: "Regelt euren Scheiß!"

Crosspost

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Kommentare (24)

rago42 23.03.2012 | 16:03

Es ist schon ein wenig verwirrend, wenn Regner unteranderem die vermengung von vielem und eine Kraut und Rüben-Argumentation vorgeworfen wird und der der es ihm vorwirft genau so Kraut und Rüben antwortet.

NUr zwei Beispiele:
Punkt 1)Halten sie es wirklich für einn Argument zu sagen es wird nicht nur gesaugt, sondern auch bezahlt? Soweit ich weiß, hat Regner nicht bestritten, dass es auch Leute gibt, die bezahlen, deswegen verschinden die die umsonst saugen aber nicht.
Es wird nicht geklaut, sondern kopiert.....ach nee, dazu sage ich lieber nichts, soweit möchte ich mich nicht in die Niedrungen des Wortverdrehens begeben.
Punkt 3)
Ja, es ist richtig, die Piraten wollen das Urheberrecht nicht abschaffen, sondern novellieren. Hört sich toll an, oder?
Nur leider geht deren Neuerung stark in Richtung Abschaffung.

Nee, das war mindestens so schwach argumentiert wie Regner, war es auch genau so spontan (falls es das bei Regner wirklich war)?

Albrecht Schmiedel 23.03.2012 | 17:20

Ich finde Regeners Rant nicht nur falsch, sondern auch nicht besonders sympathisch. Er gibt sein Partikularinteresse als Allgemeininteresse aus. Kopieren mit Stehlen in Verbindung zu bringen, das ist unterste Schublade. Dem Bauern die Kartoffeln wegzunehmen, ist etwas anderes, als seine Anbaumethoden zu kopieren. Ja, und auch dann, wenn er lange Jahre experimentiert hat, um diese Anbaumethoden zu entwickeln. Das ist ja gerade das Schöne! Ich profitiere sofort von den großen Mühen, die sich andere gemacht haben. (That's human progress. Get used to it.) Nicht nur ich, alle können sofort die neuen Methoden nutzen. Ich bin dagegen, dass das verboten wird und würde mir wünschen, dass die Piraten tatsächlich für die Abschaffung jeglichen "geistigen Eigentums" wären.

silvio spottiswoode 23.03.2012 | 18:41

Danke Klaus, für Deinen guten Text zu dem wohl meistgeposteten – und diskutierten – Video diese Woche. Mich haben Leute deswegen ernsthaft angerufen: "Du haste das schon gesehen. Das unterschreibe ich voll. Gut das es endlich einer sagt ... ". So, als hätte der Held der Kommunikation, "Ranting Regner", jetzt das Licht erfunden.

Meine Peer-Group wollte wissen wie, als Künstler und Verleger, ich dazu stehe. Umso stiller wurde es dann, als ich sagte, wie bescheuert ich das finde. Und einige sind dann vollends aus allen Sternen gefallen, als ich erklärte, dass das Leistungsschutzrecht auch nichts mit dem Schutz künstlerischer Leistungen zu tun hat. Das es nur so heisst ... und die Vertriebskonzerne sich als Urheber gebärden um die eigentlichen Urheber, die Künstler, zu enteignen und Machtstrukturen aus dem vordigitalen Zeitalter ins Netz zu übertragen.

Mich hat wirklich erschreckt, zu sehen wie vielen überhaupt gar nicht klar ist, was hinter den Kulissen verhandelt wird. Da ergreifen Künstler Partei für etwas, dass glatt das Gegenteil von dem ist, was sie meinen damit zu unterstützen. Es gibt wirklich noch sehr viel Aufklarungsarbeit für uns zu leisten. Packen wir's an. Danke noch mal für Deinen Artikel.

silvio spottiswoode 23.03.2012 | 19:53

Lustig ist irgendwie auch, wie "Ranting Regner" heldenhaft Urheber-, Nutzungs- und Verwertungsrechte, als auch das momentan heiss diskutierte Leistungsschutzrecht, alle miteinander zum Copyright vermengt. Ganz besonders, wenn er sich dann noch drüber aufregt, dass es keine kleinen Indie-Bands mehr gibt: Die gibt's eben seit über 10 Jahren so nicht mehr, u. a. wegen der krassen Kommerzialisierung des Music-Business.

Er, als Künstler, der groß genug ist um bei der GEMA abzukassieren, kann sich da locker aufregen. Aber die vielen unbekannten Kleinen, die das eben nicht können, für die ist das doch einfach das Aus. Wie er ja schon selber festgestellt hat.

Ganz ähnlich verhält sich das auch mit der VG-Bildkunst für Bildende Künstler: Der Urheberrechtsstreit zwischen der VG-Bildkunst (als Vertreter des Beuys Nachlass') und dem Fotografen, der nur seine Fotos einer Performance ausstellen wollte. www.dradio.de/aktuell/1640795/

In solchen Fällen behindert die Auslegung des Urheberechts die künstlerische Freiheit derer, die weniger berühmt und einflussreich sind. Hier werden nur noch Pfründe verteidigt. Das ist nichts weniger als entwicklungshemmend für die Künste.

André Rebentisch 23.03.2012 | 23:13

Ich bin so altmodisch, dass ich mehr CDs kaufe als höre. Ich freue mich auch über Privatkopien, die mich dazu bringen noch mehr Musik zu kaufen. Ich habe auch schon Herrn Regener live gehört, das ist mehr als ein Jahrzehnt her. Ich lerne auch gerne auf Youtube das kennen, was ich dann kaufe.

Herr Regener verschweigt, dass der Grund für die Krise seiner Branche eine ganz anderer ist.

g. 24.03.2012 | 08:20

Es ist doch immer wieder die gleiche Diskussion: Es wird herumgefaselt, dass das Klauen von Liedern oder Texten völlig okay sei, weil Verlage und Zeitungen auch klauen würden. Na toll, dann dürft ihr das auch? Oder quatschige Ausflüchte, dass kopieren nicht klauen wäre. Was soll das? Der Raubdruck eines Buches wie er in den 80ern üblich war ist genau so klauen wie wenn das Ganze elektronisch geschieht. Und das Erbärmlichste ist die ‚Kulturflatrate’ und ähnliche Modelle. Warum zum Teufel soll die Allgemeinheit dafür bezahlen, dass sich Einige hemmungslos bedienen können? (Leistungschutzrecht ist übrigens was anderes: da wollen die Zeitungsverleger Kohle dafür haben, dass sie ihre Artikelchen im Netz veröffentlichen. Wenn sie die nicht kostenlos zur Verfügung stellen wollen, müssen sie halt eine Paywall einrichten. Ente oder Trente.) Sven Regener hat schlicht und ergreifend Recht.

Albrecht Schmiedel 24.03.2012 | 14:08

Klauen ist nicht gleich kopieren! Ist das so schwierig zu verstehen? Klauen: A verfügt über eine Resource, B nicht. Nach dem Stehlen hat B die Resource, A nicht mehr. Kopieren: A verfügt über eine Resource, B nicht. Nach dem Kopieren hat B die Resource, A auch. Bestreitet jemand diesen elementaren Sachverhalt? Niemand behauptet, das Stehlen erlaubt sein soll. Es geht einzig um die Frage, inwieweit der Staat das Recht zu kopieren einschränken soll. Natürlich ist es schön, wenn der Staat mir das Recht verleiht, die Verbreitung von Kopien meiner Werke zu verbieten, und mir auch dabei hilft, dieses Recht durchzusetzen. Aber liegt das auch im Interesse der Allgemeinheit (der 7 Milliärden)?

KeldrisUbelveba 24.03.2012 | 16:21

Hm, und was macht man, wenn man sein eigenes Buch (in meinem Fall ein Hörbuch) NICHT zum Kopieren irgendwo eingestellt hat, sondern ganz offiziell über ein Hörbuchportal wie audible.de, wo man kostenpflichtig Hörbücher runterladen kann, es aber trotzdem auf etlichen filesharing-Seiten wie boerse.bz oder mcgully.com oder hoerbuch.in findet? Mir hat von denen noch niemand was überwiesen. Ist das dann geklaut? Die bedanken sich immer recht herzlich dafür, dass jemand das umsonst dort anbietet. Hätte dieser Jemand mich nicht vielleicht mal fragen können? Oder sollte ich ein Spendenkonto einrichten. Oder die Kontonummer meines Vermieters bei boerse.bz posten?
Mir fiel nur das dazu ein:
catonawheel.blogspot.de/2012/02/acta-ad-acta.html

silvio spottiswoode 24.03.2012 | 16:47

>>Sven Regener hat schlicht und ergreifend Recht. Amen. Na, dann können wir uns ja alle beglückwünschen, in unseren Liegestühlen zurücklehnen und das Schauspiel von weitem geniessen. :-)

Persönlich finde ich es allerdings spannender, die Dinge in ihrer Konsequenz auch zu ende zu denken. Das Problem ist doch vielmehr, dass, so wie Nutzungsrechte jetzt schon gehandhabt werden, Autoren und Künstler nicht einmal über ihre EIGENEN Werke frei verfügen können. So sieht's aus. Ich arbeite u. a. mit Künstlern die ihre Fotos nicht mal in ihren eigenen Ausstellungen zeigen oder ihre Texte nicht weiter veröffentlichen können, weil auf den Bildern die Arbeit eine berühmteren Künstlers (mit grösserer Verwertungsgesellschaft) im Hintergrund ist oder sie die Nutzungsrechte für ein paar Euro abgetreten haben. Das ist doch alles ein schlechter Witz. Und das Leistungsschutzrecht wird diese Situation noch weiter verschärfen.

Ein so weites, differenziertes Feld wie das Urheberrecht kann nicht einfach nur mit "Monsanto-Roundup-Springer-Gema" bestellt werden.

Eine Paywall steht interessanterweise doch überhaupt nicht mehr zur Debatte, gerade weil es eben um die komplette Kontrolle der Medienlandschaft geht.

Albrecht Schmiedel 24.03.2012 | 22:34

Ich nehme an, Sie meinen, wer dann noch CDs produzieren soll, wenn sofort nach der Veröffentlichung sowieso alles kostenlos kopiert werden darf?
Dahinter können zweierlei Befürchtungen stehen, je nach Standpunkt: 1. Wie soll ich noch Geld verdienen können als Komponist, als Tontechniker, als Musiker oder als Musikproduzent? 2. Werde ich als Musikhörer überhaupt noch gute, neue, interessante Musik bekommen?
Der zweite Punkt ist allerdings der entscheidende, denn die Rechtfertigung für die weltweite Einschränkung eines elementaren Freiheitsrechtes (Kopieren zu Selbstkosten) besteht ja gerade darin, dass dadurch ein größeres, besseres, vielfältigers kulturelles Angebot zustande kommt.
Ich persönlich glaube nicht, dass ich musikalisch verarmen werde, wenn alle Kopierverbote fallen. Sie? Das ist vor allem auch eine empirische Frage. Stimmt es, dass dann niemand mehr gute Musik veröffentlichen würde, weil die nötigen Anreize fehlen? Oder ist nicht vielmehr eine weltweite Explosion der Kreativität zu erwarten aufgrund der allgemeinen Zugänglichkeit zur Weltkultur unabhängig vom Geldbeutel?
Zum ersten Punkt ist natürlich zu sagen, dass eine ganze Reihe von Geschäftsmodellen von Firmen und Künstlern so nicht mehr funktionieren würden. Und bei einigen wäre das aus meiner Sicht auch gut so. Ist denn die mit großen Marketingbudgets gepushte Musik immer die beste? Oder wäre es nicht so, dass uns unglaublich viel Schwachsinn erspart bliebe? Im übrigen funktionieren auch heute schon rein kommerzielle Geschäftsmodelle, bei denen Kopierverbote nicht die entscheidende Rolle spielen, z.B. www.kickstarter.com/discover/categories/music,
Von den vielfältigen Möglichkeiten freie Musik privat und institutionell zu fördern (die auch heute schon eine große Rolle spielen), will ich gar nicht erst anfangen.
Ich empfehle Ihnen diesen hervorragenden Essay (82 S.) von Joost Smiers (leider nur Englisch): www.culturelink.org/news/publics/2009/Smiers_Imagine_No_Copyright.pdf

Albrecht Schmiedel 24.03.2012 | 22:59

Sozialismus nicht gerade. Eine Allmende für kopierbare Dinge schon. Privateigentum bliebe ja unberührt. Nur die Konkurrenz für die großen Konzerne wäre heftiger -:)
Ich fänds gut, wenn Produktpiraterie überhand nähme. Die weltweite Egalité, an der es ein wenig mangelt, würde etwas zunehmen. Betrug sollte natürlich weiterhin verboten sein, d.h. ich darf Produktkopien nach Herzenslust auf den Markt bringen, muss aber wahrheitsgemäß angeben, dass ich der Hersteller bin. Der Verbraucher müsste sich wieder mehr an Gebrauchswerteigenschaften eines Produkts orientieren und weniger am schönen Schein, gut so ...

actually 24.03.2012 | 23:04

Das Kartoffelbild ist aus zwei Gründen schief:
1. wenn die Kartoffeln die Lieder sind, sind die Anbaumethoden der Prozess zu diesen Liedern. Das heißt in diesem Fall: eine Band gründen und so ähnliche Musik machen, also selbst - methodisch abgekupfert- anbauen und nicht einfach nur das Ergebnis konsumieren
2. Kartoffeln können nicht kopiert, sondern eben nur gestohlen werden. Musik im Internet kann wiederum nicht gestohlen, sondern nur kopiert werden. Ein Kopieren, für das nicht bezahlt wird, ist in diesem Fall jedoch mit Diebstahl vergleichbar. Dem Künstler werden die Einnahmen weggenommen, die er bei einer bezahlten Kopie erhielte.

Albrecht Schmiedel 25.03.2012 | 03:46

Der Witz ist doch, dass im Falle der Musik auch das Produkt, die Bits
und Bytes, kopierbar ist! Ich kann es nehmen, d.h. kopieren, ohne dem anderen
etwas wegzunehmen. Die Einnahmen, die dem Künstler oder Rechteinhaber möglicherweise entgehen,
folgen aus einem staatlich verliehenem Monopol. Für mich ist die Frage interessant,
inwieweit dieses Monopol im Interesse der Allgemeinheit liegt oder nicht.
Dass es sich um ein verliehenes Monopol und nicht um ein klassisches Eigentumsrecht
handelt, erkennt man schon daran, dass es zeitlich begrenzt ist (auch wenn es immer
wieder um 20 Jahre verlängert wird, wenn eine Walt-Disney-Figur gemeinfrei zu
werden droht :-). Auch ist die Höhe des Schadens einer illegalen Kopie
sehr schwer zu bestimmen. Die Analogie zum Diebstahl trägt nicht weit.