Warum ich Sven Regeners Wutrede für sympathisch, aber falsch halte

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Als der Musiker und Schriftsteller Sven Regener in diesen Tagen gegenüber dem Bayerischen Rundfunk einen kleinen Rant zum Urheberrecht abließ, hagelte es Sympathiebekundungen. Seine Wutrede wurde vielfach weitergeleitet, allein mir wurde der Link bei Facebook schlappe acht Mal ins Fenster geschwemmt. Und warum? Weil er irgendwie recht hatte. Weil es geil ist, dass das mal jemand sagte. Und vor allem: so sagte.

Aber Regener hatte eben nur irgendwie recht, zu geschätzt ungefähr 25 Prozent. Der Rest war pure Emotion. Dagegen spricht nichts, im Gegenteil; es ist sehr sympathisch, wie erKünstler gegen die Umstände verteidigt, unter denen sie kein Geld verdienen; es ist emotional sehr gut nachvollziehbar; und überhaupt gibt es ja viel zu wenige solcher Ausbrüche. Die bringen einen voran, weil man sich dann darüber Gedanken machen muss. Aber dennoch redete der – nicht dass da ein Missverständnis aufkommt, das sich dann in den Vordergrund drängt und die Sache mal wieder überlagert – von mir vor allem für seine Musik sehr respektierte Sven Regener in vielen Aspekten am Thema vorbei.

Das nervt mich langsam. Mich nervt, dass man in Fragen des Urheberrechts und des ganzen Zeugs, nur weil man gerade mal Schaum vor dem Mund hat, alles vermengen darf und dafür auch noch tausende von Likes bekommt. Und wenn man dann dagegen hält, äh, sorry, das ist argumentativ echt Kraut und Rüben, kommt als Gegenargument: Aber Youtube ist doch wirklich ein milliardenschwerer Konzern, den man nicht unterstützen muss. Ja, stimmt, das muss man wahrlich nicht. Wake up, sagenumwobene Netzcommunity.

Aber soll man deswegen jetzt, wie Regener, zwei Fronten ziehen: Künstler und Plattenfirmen auf der einen Seite gegen User, Piratenpartei, Kim Schmitz und Youtube auf der anderen? Seriously?

Eine kurze Zusammenfassung: Regener verteidigte Künstler in seiner Wutrede gegen

a) User, die alles umsonst wollen würden: Es sei "eine Frage des Respekts und des Anstands", im Supermarkt nichts zu klauen, auch wenn man wisse, dass man nicht erwischt werde, und es sei ebenso eine Frage des Respekts, Künstlern nichts zu klauen, sondern 99 Cent für einen Song zu bezahlen. (Diese Anklage halte ich für falsch aus zwei Gründen: Ein Song wird nicht geklaut, sondern kopiert. Und es wird online nicht nur gesaugt, sondern auch gekauft. Da hat jede Interessengruppe andere Zahlen zu. Es stimmt trotzdem.)

b) Youtube: "Youtube ist ein milliardenschwerer Konzern, der Google gehört. Der aber nicht bereit ist, pro Klick zu bezahlen. Wir sagen nein: Für dieses Geld kriegt ihr unseren Kram nicht." Und: "Ein Geschäftsmodell, das darauf beruht, dass diejenigen, die den Inhalt liefern, nichts bekommen, das ist kein Geschäftsmodell, das ist scheiße." Sowie: "Ansonsten können sich ja alle ihre Lieder von Kim Schmitz vorsingen lassen." (Diese Klage halte ich im Kern für richtig.)

c) die Piratenpartei: "Auch der Name 'Piratenpartei' ist geistiges Eigentum." Würde er, Regener, eine Piratenpartei gründen, stünde sofort deren Anwalt bei ihm auf der Matte. Man muss sich die Unterstellung dazu denken: Die Piraten würden gerne das Urheberrecht abschaffen, sie seien damit gegen Künstler und für milliardenschwere Internetkonzerne.(Die freilich nicht ausgesprochene Unterstellung hat ungefähr Dieter-Nuhr-Niveau und ist falsch: Die Piratenpartei setzt sich nicht für die Abschaffung, sondern für eine Reform des Urheberrechts ein.)

Regener deutete dagegen eine funktionierende Allianz zwischen Urhebern und traditionellen Verwertern an, hier Plattenlabels, man kann sich aber auch (Text- und Bild-)Verlage dazu denken. Sinngemäß sagte er: "Zu glauben, man könnte auf Plattenfirmen verzichten und dann zu glauben, wir hätten noch Rock'n'Roll, ist falsch. Künstler arbeiteten mit denen zusammen, weil sie sonst ihre Musik nicht veröffentlichen könnten."

Künstler und Verwerter also gegen User, Piraten und Internetkonzerne. Aber diese Trennung ist unsauber. Ich selbst halte sie sogar für großen Quatsch.

Denn die sog. Verwerter verhalten sich in der Diskussion über das Urheberrecht ja nur so, als wären sie Urheber: Verlegerlobbyisten argumentieren etwa, sie würden ihren Qualitätsinhalt bereitstellen, den Google dann nutze, um damit Geld zu verdienen. Was ich nicht verstehe, ist, dass die interessengeleitete Prämisse nicht endlich mal gerade von den Urhebern als falsch erkannt wird: Google verdient Geld, indem dort die Inhalte von anderen verlinkt (nicht zu verwechseln mit kopiert) werden. Richtig. Google stinkt, ja, das kann man schon so sehen, auch wenn das zu nichts führt. Aber: Die Verlage sind nicht die Urheber, sondern die Urheber sind die Urheber. Die Urheber stehen am Ende der Kette, aber das liegt nicht an Google, auch nicht an Youtube. Man kann es zwar eigentlich überhaupt nicht monokausal betrachten, aber wenn man es doch täte, dann müsste man wenigstens bei den Verwertern anfangen.

Dieser Tage stand im Feuilleton der Süddeutschen ein Text, in dem es um Abmahnungen ging: Musiklabels würden User, die illegal Songs saugen, abmahnen und – für meine Begriffe – bemerkenswert viel Geld damit machen. Die Urheber aber würden darüber nicht einmal informiert. Plattenfirmenen verdienen also Geld mit Abmahnungen wegen Verletzung des Urheberrechts, aber die Urheber erfahren es nicht.

Vor einiger Zeit sah ich in einem Kulturkaufhaus ein Buch im Bestseller-Regal, über dessen Titel ich stolperte. Haha, lustig, dachte ich. Da haben sie den ganzen alten Scheiß nochmal als Buch rausgehauen. Und dann blätterte ich ein wenig und stellte fest: Nanu, unter "Redaktion" steht ja mein Name. Ich hatte nicht mal ein Belegexemplar bekommen. Geschweige denn ein Honorar. Warum nicht? Weil man bei quasi jedem Verlag heute, bevor man die erste Zeile schreiben darf, Verträge vorgelegt bekommt, in denen man die weitere Verwertung seiner Arbeit gestattet. Und dann heißt es: Take it or leave it.

Ich musste mich schon mal von einer Zeitung blöd anquatschen lassen, nachdem ich ihr auf deren eigenen dringenden Wunsch einen Text zum Abdruck überlassen hatte, mit dem sie eine kurzfristig entstandene Leerstelle kurz vor Redaktionsschluss füllen konnte. Kurz darauf kam allen Ernstes Post, ich möge dies und das unterschreiben.

Man kann diese Liste – und das ist jetzt eher assoziativ, zugegeben – erweitern: Große Buchhandelsketten bestimmen mit, welche Bücher entstehen, indem sie Nischenpublikationen einfach nicht auslegen; Autoren, die sich nicht an "Glück", Jakobsweg oder am Dauerbrenner "Deutsche Sprache mal wieder am Arsch" abarbeiten wollen, kriegen einen Mittelfinger. Wissenschaftliche Verlage verkaufen durch Steuern finanzierte Arbeiten zu zum Teil stark überhöhten Preisen. Die Nutzungsrechte an meiner eigenen Magisterarbeit liegen bei einem Verlag, der sie nicht bewirbt, der sie den Abrechnungen zufolge, die er mir schickt, nicht mehr verkauft und der mir aber laut Vertrag trotzdem verbietet, sie ins Netz zu stellen.

Ich weiß, ich vermenge nun auch vieles miteinander, und das führt nicht weit. Was ich sagen will, ist: Die alten Strukturen sind, abgesehen davon, dass sie nicht mehr funktionieren, so toll ja auch wieder nicht gewesen. Wir brauchen neue Modelle, egal ob sie Kulturwertmark, Kulturflatrate oder sonstwie heißen. Über die müssen wir reden, nicht über die Bösartigkeit von Piraten, Usern und Youtube.

Sven Regener schuldet der Gesellschaft zwar kein neues Urheberrecht, sondern wenn, dann umgekehrt. Aber dennoch muss man sagen, dass er es sich sehr einfach macht in seinem mündlichen (sowie möglicherweise sogar unvorbereiteten und deshalb dennoch absolut bemerkenswerten) Kurzreferat im Radio. Er verteidigte die alten Strukturen gegen alles, was man dem Internet so – aber eben nur zum Teil zurecht – vorwirft. Er wurde dabei amüsanterweise überdeutlich. Aber im Grunde könnte er mit seiner Argumentation bei Axel Springer anfangen.

Was die Band Deichkind kürzlich der Gema, den Plattenfirmen und Youtube für deren Konflikt auf den Weg gab, scheint mir der interessantere Ansatz zu sein: "Regelt euren Scheiß!"

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13:54 23.03.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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helena-neumann | Community
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