Wir plappern uns nicht zu Tode

TV-Kritik In der ARD-Talkshow-Offensive ist am Sonntag nun also Günther Jauch dran. Die erste Sendung zeigt: Weniger Talk wäre nicht mehr

Plappert sich wenigstens das öffentlich-rechtliche Fernsehen zu Tode? Mal überlegen. Was hat sich schon geändert, seit an fünf von sieben Abenden in der ARD zur quasi besten Sendezeit Talkshows laufen? Nur das: Es gibt jetzt statt der vier Sendungen, die es schon in der vergangenen Saison gab, noch eine mehr.

Die neue Show heißt Günther Jauch und wird moderiert von einem Mann, der genauso heißt wie sie. Die Inflation des Gelabers in mathematischen Zeichen: +1. Die Frage nach der Qualität der Talksendungen ist ohnehin stärker von Belang als ein windelweicher Kulturpessimismus wie „Es wird zuviel gequatscht“. Und es lässt sich festhalten, dass sich die recht maßlos ausgewalzte Talk-Erregung bereits nach der ersten Sendewoche als Spekulationsblase entpuppt hat: Sie wuchs und wuchs, und irgendwann – piuuh! – brachte dann endlich auch Jauch seine Premiere hinter sich.

Man muss festhalten, ja, doch, irgendwie war es halt eine Talkshow.Das Studio sehr aufgeplustert, die Einspielfilme mit Winselmusik unterlegt, aber der Moderator: journalistisch astrein, ein Profi mit Tendenz zum SPD-Witz. Das Thema – zehn Jahre 9/11 – und die Gäste versprachen ein Hin und Her des tausendfach Durchgenudelten, und dieses Versprechen wurde ohne Wenn und Aber eingelöst. Alle für den innerdeutschen Diskurs als wichtig erachteten Positionen wurden einmal grob angesprochen, ansonsten blieb das ewige „Was haben Sie am 11. September getan?“, und dann Tschüssi und gute Nacht. Erkenntnis, immerhin: 66 Prozent der Deutschen befürworten einen sofortigen Rückzug der Bundeswehr aus Afghanistan, das ergab eine von Günther Jauch in Auftrag gegebene Umfrage.

Die Erkenntnisgewinnerwartungen, die man vorher haben konnte, nachdem man alles zu hoch Gesteckte vorher abgeholzt hatte, wurden dadurch schon dicke erfüllt.
Denn was kann ein Format leisten, das sich zur Themensetzung zwar bestens eignet, aber nicht zur tiefen Analyse, zur Verbreitung harter Recherchen – auch nicht mit einem neuen Moderator, der im Privatleben Trauben in Wein verwandeln kann? Frank Plasberg hat recht, wenn er, wie kürzlich im Spiegel-Online-Interview, sagt, das Fernsehen sei „erstmal Emotion“ (Maybrit Illner nannte es an selber Stelle „zwangsläufig oberflächlich“).

Und so kann man nach der ersten Talkwoche sogar begrüßen, dass die Gesprächsschiene aufgestockt wurde – weil das Fernsehen tut, was es am besten kann, wenn es Straßenaufreger von Autogrammkartengesichtern nachspielen lässt. Keine noch so gute Zeitung kann so gut talken wie jeder noch so poplige Fernsehsender. Und andersrum ist eben keine komplexe Recherche so gut vom Fernsehen vermittelbar wie von einer Zeitung.
Ob es also angemessen wäre, mehr Aktenmaterial aufzubereiten, mehr sogenannte harte Geschichten anzubieten statt, wie bei Jauchs Premiere, Jürgen Klinsmanns private USA-Volkskunde („Der Amerikaner, er schaut immer nach vorne“)? Nein, wäre es nicht zwangsläufig. Es wäre nur nicht blöd, im Talkbereich doch irgendwann mal ein paar Experimente zu wagen: Der Gegenwart zugewandt wirkt angesichts heutiger Mitsprachebedürfnisse ja fast eher ein 40 Jahre altes Talkformat wie „Jetzt red‘ i“ im Bayerischen Fernsehen (zuvor: „Der Wirtshausdiskurs“), in dessen Rahmen in Käffern wie Ebermannstadt Lokalthemen verhandelt werden, Bürgerbeteiligung inklusive.

Aus Prinzip aber weniger Talk zu fordern ist keine Lösung, denn das verkennt die eigentliche Qualität: Ich zum Beispiel habe bei Günther Jauch nichts mitgenommen im Sinn von abfragbarem Wissen, aber zweimal knallhart geschmunzelt.

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