Klaus Raab
22.11.2012 | 12:30 19

Zeitungskrise ja, aber wessen Zeitungskrise?

Print Seit gut zehn Jahren reden alle vom Zeitungssterben. Jetzt wird es richtig ernst. Was aber heißt das für die Journalisten und für die Leser?

Die Financial Times Deutschland wird eingestellt, die Frankfurter Rundschau hat Insolvenz angemeldet, weitere Wirtschaftsmedien des Verlags Gruner+Jahr stehen auf der Kippe, das Stadtmagazin Prinz stellt seine Druckausgabe ein, auf die Augsburger Allgemeine wartet eine Sparrunde, und auch die Insolvenz der Nachrichtenagentur dapd verweist auf wirtschaftliche Probleme der Branche. Das lange angekündigte Zeitungssterben wird gerade sehr konkret.

Es werden jetzt also wieder Zaunpfähle geschwenkt und noch einmal all jene Fragen wiederholt, auf die es nach knapp zwölf Jahren Zeitungskrisen-Dauertalk schon hunderte von Antworten gibt: Hallo, wollen wir uns alle noch ein bisschen mehr bewegen? (Antwort: manche ja, manche nein.) Gibt es eine Zukunft für die Zeitung? (Antwort: je nachdem.) Wer ist schuld? (Antworten: „die Journalisten“, „die Verlage“, „das Internet“, „die Gratiskultur“.)

Vielleicht sollte man aber auch fragen: Was bedeutet heute die Zeitung? Und für wen? Wessen Krise ist die Zeitungskrise?

1. Der neue Leser bindet sich nicht.
Aber die Zeitungskrise ist keine Leserkrise

Die letzte Diskussionsrunde über die „Zukunft der Zeitung“ habe ich 2007 besucht, vom Floskelaufkommen zehre ich bis heute. Bodo Hombach, seinerzeit Geschäftsführer der WAZ-Mediengruppe, behauptete damals zum Beispiel, die Zeitung sei ein emotionales Produkt, und wenn sie morgens nicht im Briefkasten liege, seien Leser aufgeregter, „als wenn morgens die Frau nicht im Bett liegt“.

Es ist mir nicht gelungen, den Eheproblemen der WAZ-Leser nachzugehen, solche aufwändigen Recherchen bezahlt ja heute keiner mehr; aber dass die Zeitung ein „emotionales Produkt“ ist, stimmt nur noch zum Teil. Die Zeitung hat mit dem Verlust der Deutungshoheit über die Welt auch Aura verloren; in der Folge betteln Verlage heute um jeden Leser. Der selbstbewusste herrische Ton, dem man begegnete, wenn man vor zehn Jahren als Student ein Probeabo kündigte, ist verschwunden. Heute heißt es: Testen Sie kostenlos, Bezug endet automatisch, wir freuen uns, wenn wir Ihnen noch einen Präsentkorb zukommen lassen dürfen.

Die neuen Leser. Viele von ihnen dürften in Zeitungsleserhaushalten aufgewachsen sein, aber gefüllt bis obenhin mit Bindungsunlust fragen sie sich: Warum sollte ich immer im selben Restaurant essen? Ist die Welt nicht vielfältiger, als eine einzige Zeitung wissen kann? Und so probelesen sie hier mal und da mal und stellen dann fest, dass es auch reicht, ab und zu im Café die schönsten Kolumnen zu lesen; dass es Sudoku auch auf dem Smartphone gibt; und dass entscheidende Inhalte ja doch auch online stehen. Eine großartige zeitlose Reportage wirkt auf Papier womöglich noch großartiger, mag sein. Aber so denken viele Leser nicht. Sie fragen sich: An wie vielen Tagen wandert die gedruckte Zeitung ungelesen ins Altpapier? Und wie viele großartige Reportagen, die nicht eh bald als Buch erscheinen, lese ich wirklich?

Ich bin selbst ein solcher Leser. Ich habe kürzlich meinen Entschluss, zusätzlich eine Lokalzeitung zu abonnieren, revidiert, nachdem ich abends eine Gratis-Testausgabe aus dem Kino mitgebracht hatte. Am Morgen lief Milch drüber, das Kind wollte sich nochmal komplett umziehen, keiner warf aus Zeitgründen auch nur einen Blick in die Zeitung, was den Eindruck festigte, letztlich wachse nur der Altpapierberg, und da hatte das Blatt seine Chance vertan.

Die gedruckte Zeitung als emotionales Produkt? In der Welt, in der ich lebe, ist die Aufregung weniger groß, wenn die Zeitung nicht kommt, als wenn das WLAN nicht funktioniert. Das Tageszeitungsabonnement hat in vielen Haushalten seinen selbstverständlichen Platz im Alltag verloren. Leser haben keine Zeitungskrise. Sie finden ihre Informationen und Analysen schon, sie stammen nur nicht immer aus der immergleichen Zeitung.

2. Die Zeitungskrise ist eine Journalistenkrise

Informiert zu sein heißt, Teil der Welt zu sein, und deswegen lesen Leser immer weiter, selbst wenn man sie User nennt. Die Krise des Produkts Zeitung ist keine Krise des Lesens journalistischer Texte. Aber eine Krise des Erstellens der Texte, eine Journalistenkrise also, die gibt es. Weil für viele Journalisten Journalist sein nicht gleich Journalist sein ist.

Nehmen wir einen Printjournalisten, Jahrgang 1960: Er entscheidet sich in der Ausbildung nicht zum Radio, Fernsehen oder einem Monatsmagazin zu gehen, nein, er will zur Zeitung. Und nach 20 Berufsjahren, er weiß mittlerweile, was er tut und kann, plärren Social-Media-Berater, die Geld damit verdienen, ein neues Narrativ mit wechselnden Binsen auszuschmücken: „So, und du Totholzdepp kannst jetzt sterben gehen!“ Was soll man da machen? Nicken und, der überzeugenden Argumentation wegen, in Rente gehen?

Kürzlich unterhielt ich mich mit einer geschätzten Kollegin einer anderen Zeitung. Sie ist eh nicht das, was man internetbegeistert nennt, aber nun sagte sie einen Satz, von dem ich dachte, dass er mittlerweile ein Klischee sei: „Ich mache Print, bis es vorbei ist.“ Ein Rat an junge Leser: Nicht nachmachen! Trotzdem: Vor drei Jahren hätte ich ihr heftiger widersprochen als heute. Printzeitungen – Krise hin oder her – liegen immer noch jeden Tag an jedem Kiosk, nur nicht in der gleichen Auflage wie zu den besten Zeiten. Gut, dass sie jemand macht, der sie wirklich machen will. Bei weitem nicht allen Papierzeitungen, aber manchen geht es, auch deshalb, ganz gut.

Die entscheidende Frage ist aber, was „Print“ bedeuten soll. Die klassische Rolle des Journalisten war die des Schleusenwärters, der entscheidet, welche Informationen öffentlich werden. Heute ist er stärker ein Bibliothekar, der Lesern auf ihrer Suche nach Zugängen zur Welt Ordnung und Haltung anbietet. Wenn „Print“ heißt, den Beruf von 1999 unverändert einfach weiter ausüben zu wollen, ist Endzeitstimmung nicht ganz unangebracht.

3. Papier ist nicht die Lösung.
Kein Papier aber auch nicht

Vor einiger Zeit las ich, dass Fish&Chips in Großbritannien in den neunziger Jahren eine Aufwertung erfuhr. Wer etwas auf sich hielt, aß Fish&Chips, und zwar so traditionell wie möglich – sprich, in Zeitungspapier eingewickelt. Zeitungspapier hat in der Nahrungsindustrie aber nur Nachteile. Es saugt nicht, gibt Gerüche ab, und die Druckerschwärze färbt ab. Was tat man also bei der Fish&Chips-Kette Harry Ramsden‘s? Man packte die Fish&Chips in Papier, das wie Zeitungspapier aussah, aber keines war. Es war hygienisches Papier, das, um Kunden das Gefühl zu geben, sich kulturell authentisch zu verhalten, mit Zeitungsartikeln bedruckt war.

Der Witz über die Zeitung, in die nicht einmal mehr der Fisch eingewickelt wird, macht sich an dieser Stelle von selbst. Worauf die Fish&Chips-Geschichte aber verweist, ist, dass die gedruckte Zeitung auch deshalb einmal besser dastand, weil sie, wie viele kulturell bedeutsame Artefakte, über ihren eigentlichen Zweck hinaus ins Leben eingebettet war. Die Tageszeitung war früher nicht nur ein Trägermedium für Journalismus. Sie war Fischhülle, Aldi-Beilage, Wohnungs- und Autokleinanzeigen und ideal, um Schuhe auszustopfen. Über das Schuhstopfmaterial hinaus ist sie heute nur noch Journalismus. Die gedruckte Zeitung war für Leser ein Vorgänger des Smartphones, man fand darin vieles, was man im Alltag so brauchte. Vielleicht ist nur Journalismus einfach zu wenig.

Es ist nur eine Frage der Zeit, wann der erste Zeitungsverlag aus freien Stücken nach dem Vorbild der Schweizer Tageswoche seine gedruckte Wochentagsausgabe aufgibt und sich auf digitale Vertriebswege konzentriert. Das wird passieren. Und hätte Vorteile: keine Druckkosten. Keine Lkws, die nachts durch die Republik fahren, um Zeitungen auszuliefern. Keine Papierkosten.

Andererseits: Hätte irgendjemand die einzig wahre Idee, wäre sie schon umgesetzt worden. Es kann für manche – wenige – Zeitungsunternehmen auch ganz anders kommen: Es bleibt beim Papier, das wird sogar teurer, darauf wird dann aber blitzsauberer und aufwändiger (und wahrscheinlich subventionierter) Journalismus gedruckt. Wahr ist, dass es die eine Lösung nicht gibt. Es gibt hunderte. Mindestens eine pro Zeitung.

4. Journalismus läuft
schlechter als Tierfutter

Aus Verlagssicht bedeutet das: Experimente. Soll man eine Zeitung auf eine ausschließlich digitale Ausgabe umstellen, solange nicht genügend Leser Tablet-Computer nutzen? Soll man es lassen, obwohl nicht genügend Leser die Printzeitung kaufen? Soll man beides machen, was deutlich mehr kostet? Und dann erst eine Apple- oder eine Google-App? Es ist kompliziert.

Man vergisst das manchmal, wenn wieder ein Leitartikler die Verleger-Idee nachplappert, die Gratiskultur des Internets sei an allem schuld. Richtig ist, dass Informationen in Textform heute nicht mehr nur gegen Bezahlung zu haben sind, sondern an so vielen Orten, dass man sie kaum mehr verkaufen kann. Aber haben Zeitungsverlage ein Urheberrecht auf Ereignisse, Politikerzitate oder zerbrochene Köpfe? Die Schuldzuweisungen sind Politik, Mittel zum Zweck, um letztlich Leser, neue Journalismusstiftungen oder Google zum Bezahlen zu bewegen.

Was bleibt: Das Produkt Zeitung wirft, anders als früher, als es nicht nur einzelnen Titeln ganz gut ging, sondern als die Branche florierte, vergleichsweise wenig ab. Verlage betreiben für die Rendite heute nebenbei Onlineshops für Tierfutter, Kontaktplattformen oder einen Weinhandel. Und mancher Verlag, der in Redaktionen spart, vermeldet regelmäßig Umsatz- oder Wachstumsrekorde. Was man sich fragen muss, ist, ob Verlage noch die besten Akteure sind, um Zeitungen zu betreiben. Selbst Uwe Vorkötter, der ehemalige Chefredakteur der Berliner Zeitung und der Frankfurter Rundschau und „wahrlich kein Linker“, wie das Magazin Kontext kürzlich schrieb, „stellt sich die Frage, ob die Verleger-Presse“ – gemeint ist laut Kontext eine stark renditeorientierte Presse – „die Ultima Ratio ist“.

Alternativen? Die öffentlich-rechtliche Presse. Stiftungen, die aufwändige Recherchen finanzieren. Eine gesamtgesellschaftliche Finanzierung von Nachrichtenagenturen. In Einzelfällen Crowdfunding. Andere Verlage. Mischmodelle. Experimente.

5. Es gibt eine Alternative
zum Katastrophenszenario

Liest man die jüngsten Zeitungskriseneinschätzungen, dann fällt auf, dass Zeitungsleitartikler in der Regel betonen, wie wichtig Zeitungen für die Demokratie sind. Wochenzeitungsjournalisten sehen die Zukunft in der Wochenzeitung. Online-Chefredakteure bereiten mit Gefühl, technischem Know-how und ohne Schwarzseherei ihre Leser auf die Einrichtung einer Bezahlschranke vor, die sie aber nicht so nennen. Und Journalisten, die verlässlich Apple verteidigen, messen in ihren Blogs Zeitungen am iTunes-Store und behaupten, dass erstere von gestern sind. Man sieht: Journalisten sind nicht neutral, wenn es um die Zukunft des Journalismus geht.

Tut man so, als blicke man von außerhalb der Schneekugel auf die Zeitungskrise und ihre Akteure, sieht man einen aufgeschreckten Hühnerhaufen. Und man sieht, dass es um die Krise einer Branche geht, die sich auf Katastrophenszenarien gut versteht.

Dass jede Kündigung eine individuelle Katastrophe sein kann – keine Frage. Aber ist die Zeitungskrise auch eine gesellschaftliche Katastrophe? Vielleicht ist pauschaler Optimismus nicht die richtige Reaktion auf heftige Schwarzseherei, aber man kann es auch so sehen: Alles, was Zeitungsunternehmen früher leisteten, gibt es noch. Information. Debatten, Reflexion, Orte, an denen sich die klügsten Köpfe austoben können, Beiträge zur Meinungsbildung, Kreuzworträtsel.

Manche werden jetzt sagen: noch. Man kann aber auch sagen: Das wird sich so schnell auch nicht ändern.

 

 

 

 

Auf hoher See (Montage: Der Freitag,
Material: Fotolia, Abb.: Istockphoto)

Klaus Raab hat eine Tages- und eine Sonntagszeitung abonniert. An ihm liegt es also nicht

Kommentare (19)

fuhrwerker 22.11.2012 | 12:43

Als gelernter Zeitungsjunge und Sohn einer Zeitungsfrau kenne ich den wirtschaftlichen Wert einer Zeitung, ihre Rolle für den Aufstieg und die Armutsbekämpfung aus eigener Erfahrung. Auch ich bin Jahrgang 1960 und ich habe der Zeitung und der Arbeit für und mit Zeitungen und Journalisten die letzten 34 Jahre meines Lebens gewidmet. Nachdem meine Mutter morgens Zeitung austragen durfte, sie hatte den Job von einer alten Freundin übernehmen dürfen, ging es in unserer Familie aufwärts. Die Lokalzeitung verschaffte mir die Anschaffung meines ersten Fahrrades und später meines Motorrollers. Die Mitarbeit in Schülerzeitungen haben mich die politische Kraft der Presse spüren lassen, als Anzeigenvertreter für das Studentenmagazin und später als Medienberater für den Verkauf von Präsentationswerbung habe ich den langsamen Niedergang des Wertes der Zeitungen in Deutschland am eigenen Leibe miterlebt. Als Verkehrssoziologe habe ich die Prioritätenverschiebung zur Online Arbeit und das kurzzeitige Aufleben von Fernsehen gegenüber den Printmedien erlebt und für meine PR genutzt. Nun also jetzt lebe ich mit Social Media. Doch leider hat Social im englischen eine andere Bedeutung als im deutschen und die Beziehungen die in den neuen Öffentlichkeiten entstehen und die auch ich pflege, sind in Wahrheit keine sozialen, realen oder face to face Bezeihungen. Sondern OARASOZIALE KOMMUNIKATION. In Wahrheit geht es bei Zeitung und den neuen Öffentlichkeiten um die Dominanz von parasozialen Beziehungen die mit dem Buch eigentlich beginnen, sehr stark mit den penny papers und den Massenmedien all die Jahre in der modernen Gesellschaft zunehmen, Verbindungen über Kontinente und Distanzen in den Großstädten hinweg schaffen. Nun durch Aufenthalte im Internet und auf Twitter und Facebook haben sie noch mehr zugenommen. Die parasoziale Kraft der Zeitung, sie erzeugte Gewissheit. Wenn man vor zwanzig Jahre im Cafe eine große überregionale Tageszeitung las, konnte man sicher sein dass eine riesige Masse von Lesern das auch tun würde. Doch weder die Zeitung noch andere Massenmedien sind bisher von den Sozialwissenschaften und Publizistikwissenschaften - lieber Herr Raab, leider ist das auch bei Ihnen offensichtlich so- empirisch oder gar theoretisch in dieser Dimension hinreichend beschrieben oder das Phänomen selber verstanden worden. Seit 1912 Max Weber eine Soziologie des Zeitungswesen in Deutschland gefordert hat und kurz darauf verstarb ist dieses Defizit - das ist ein forschungspolitischer Skandal - nicht eingeholt worden. Eine Soziologie der Massenmedien harrt noch immer ihrer Entwicklung. Sage nicht nur ich. Nachlesen kann man das in dem 2001 erschienen Buch des Berliner Soziologen vom Nordamerika Institu Prof. Harald Wenzel: "Die Abenteuer der Kommunikation" Echtzeitmassenmedien als Handlungsraum der Hochmoderne. Außer eine Verriß haben die Thesen dort keine größeren Reaktionen der deutschen Soziologie ausgelöst, aber auch nicht in den Publizistik und Kommunikationswissenschaften. Er hat sich mit zu vielen Adepten von Übervätern angelegt: Adornos und Luhmanns Theorien verworfen, Habermas eines Fehlers überführt und auch Foucauld und eine Menge amerikanischer Starsoziologen bekommen ungeschminkt gesagt, dass sie Massenmedien und die Zeitung schlicht nicht empirisch erforschen sondern mit großem Gestus und Verachtung schlicht ablehen. Mit Verweis auf Paul Virilio - die Dialektig der Aufklärung und die Ordnungs- und Disziplinierungsbeschreibungen von Foucauld zeigen jeweils nur einen split Screen der Realität, die in Wahrheit doppelt ist. Kann hier nicht ausgeführt werden kann man aber im Buch einfach nachlesen. Auch lesen kann man die Gründe warum Soziologen und Kommunikationswissenschaftler statt Empirisch mit Massenmedien intensiver zu arbeiten, sie es lieben theoretisch von einer Agora Öffentlichkeit zu träumen oder sich aus diesen Arenen der Vulgarität und des Middlecult Geschmacks von Massenmedien wie Rundfunk und Fernsehen, aber auch schon aus populären Zeitungen und Zeitschriften schlicht und ergreifend zurückziehen, da dieses nicht der wissenschaftlichen Karriere dient, sondern eher hinderlich ist. Massenmedien werden daher als Manipulationsinstrumente verdammt, sie stehen für das Falsche Leben und außer hochleboriertem Massen- Medienbashing ist von einem Soziologen meist nichts über das Medieum Zeitung zu erfahren. Masse ist ja auch meist irgendwie BäääH. Ich dagegen liebe Zeitung und Fernsehen und Twitter. Toleriere Facebook und freue mich über jeden, der Zeitung gut macht, denn lesen lernen und Politik verstehen habe ich vor allem durch die Zeitungslektüre gelernt. Diese Macht der Zeitung ihr kultureller und bildungspolitischer Beitrag für die Demokratie, das ist abstrakt gesprochen die Stärke der Zeitung. Hinzu kommt, sie wärmen, die Zeitungen. Wenn ich früher morgens um 5 bei Schnee und Eiskälte meine Zeitungen im Dorf ausgetragen habe, da brauchte ich keinen zweiten Handschuh, einfach die Hand zwischen die noch vom Druck warmen Zeitung gesteckt blieb sie warm, die Hand. Und das Gefühl, sie nach dem Stecken der Zeitung ins Rohr der Kunden wieder dort einzutauchen, dieses Gefühl vermittelt kein Online Magazin, aber sie arbeiten vielleicht auch noch daran.

fuhrwerker 22.11.2012 | 12:43

Als gelernter Zeitungsjunge und Sohn einer Zeitungsfrau kenne ich den wirtschaftlichen Wert einer Zeitung, ihre Rolle für den Aufstieg und die Armutsbekämpfung aus eigener Erfahrung. Auch ich bin Jahrgang 1960 und ich habe der Zeitung und der Arbeit für und mit Zeitungen und Journalisten die letzten 34 Jahre meines Lebens gewidmet. Nachdem meine Mutter morgens Zeitung austragen durfte, sie hatte den Job von einer alten Freundin übernehmen dürfen, ging es in unserer Familie aufwärts. Die Lokalzeitung verschaffte mir die Anschaffung meines ersten Fahrrades und später meines Motorrollers. Die Mitarbeit in Schülerzeitungen haben mich die politische Kraft der Presse spüren lassen, als Anzeigenvertreter für das Studentenmagazin und später als Medienberater für den Verkauf von Präsentationswerbung habe ich den langsamen Niedergang des Wertes der Zeitungen in Deutschland am eigenen Leibe miterlebt. Als Verkehrssoziologe habe ich die Prioritätenverschiebung zur Online Arbeit und das kurzzeitige Aufleben von Fernsehen gegenüber den Printmedien erlebt und für meine PR genutzt. Nun also jetzt lebe ich mit Social Media. Doch leider hat Social im englischen eine andere Bedeutung als im deutschen und die Beziehungen die in den neuen Öffentlichkeiten entstehen und die auch ich pflege, sind in Wahrheit keine sozialen, realen oder face to face Bezeihungen. Sondern OARASOZIALE KOMMUNIKATION. In Wahrheit geht es bei Zeitung und den neuen Öffentlichkeiten um die Dominanz von parasozialen Beziehungen die mit dem Buch eigentlich beginnen, sehr stark mit den penny papers und den Massenmedien all die Jahre in der modernen Gesellschaft zunehmen, Verbindungen über Kontinente und Distanzen in den Großstädten hinweg schaffen. Nun durch Aufenthalte im Internet und auf Twitter und Facebook haben sie noch mehr zugenommen. Die parasoziale Kraft der Zeitung, sie erzeugte Gewissheit. Wenn man vor zwanzig Jahre im Cafe eine große überregionale Tageszeitung las, konnte man sicher sein dass eine riesige Masse von Lesern das auch tun würde. Doch weder die Zeitung noch andere Massenmedien sind bisher von den Sozialwissenschaften und Publizistikwissenschaften - lieber Herr Raab, leider ist das auch bei Ihnen offensichtlich so- empirisch oder gar theoretisch in dieser Dimension hinreichend beschrieben oder das Phänomen selber verstanden worden. Seit 1912 Max Weber eine Soziologie des Zeitungswesen in Deutschland gefordert hat und kurz darauf verstarb ist dieses Defizit - das ist ein forschungspolitischer Skandal - nicht eingeholt worden. Eine Soziologie der Massenmedien harrt noch immer ihrer Entwicklung. Sage nicht nur ich. Nachlesen kann man das in dem 2001 erschienen Buch des Berliner Soziologen vom Nordamerika Institu Prof. Harald Wenzel: "Die Abenteuer der Kommunikation" Echtzeitmassenmedien als Handlungsraum der Hochmoderne. Außer eine Verriß haben die Thesen dort keine größeren Reaktionen der deutschen Soziologie ausgelöst, aber auch nicht in den Publizistik und Kommunikationswissenschaften. Er hat sich mit zu vielen Adepten von Übervätern angelegt: Adornos und Luhmanns Theorien verworfen, Habermas eines Fehlers überführt und auch Foucauld und eine Menge amerikanischer Starsoziologen bekommen ungeschminkt gesagt, dass sie Massenmedien und die Zeitung schlicht nicht empirisch erforschen sondern mit großem Gestus und Verachtung schlicht ablehen. Mit Verweis auf Paul Virilio - die Dialektig der Aufklärung und die Ordnungs- und Disziplinierungsbeschreibungen von Foucauld zeigen jeweils nur einen split Screen der Realität, die in Wahrheit doppelt ist. Kann hier nicht ausgeführt werden kann man aber im Buch einfach nachlesen. Auch lesen kann man die Gründe warum Soziologen und Kommunikationswissenschaftler statt Empirisch mit Massenmedien intensiver zu arbeiten, sie es lieben theoretisch von einer Agora Öffentlichkeit zu träumen oder sich aus diesen Arenen der Vulgarität und des Middlecult Geschmacks von Massenmedien wie Rundfunk und Fernsehen, aber auch schon aus populären Zeitungen und Zeitschriften schlicht und ergreifend zurückziehen, da dieses nicht der wissenschaftlichen Karriere dient, sondern eher hinderlich ist. Massenmedien werden daher als Manipulationsinstrumente verdammt, sie stehen für das Falsche Leben und außer hochleboriertem Massen- Medienbashing ist von einem Soziologen meist nichts über das Medieum Zeitung zu erfahren. Masse ist ja auch meist irgendwie BäääH. Ich dagegen liebe Zeitung und Fernsehen und Twitter. Toleriere Facebook und freue mich über jeden, der Zeitung gut macht, denn lesen lernen und Politik verstehen habe ich vor allem durch die Zeitungslektüre gelernt. Diese Macht der Zeitung ihr kultureller und bildungspolitischer Beitrag für die Demokratie, das ist abstrakt gesprochen die Stärke der Zeitung. Hinzu kommt, sie wärmen, die Zeitungen. Wenn ich früher morgens um 5 bei Schnee und Eiskälte meine Zeitungen im Dorf ausgetragen habe, da brauchte ich keinen zweiten Handschuh, einfach die Hand zwischen die noch vom Druck warmen Zeitung gesteckt blieb sie warm, die Hand. Und das Gefühl, sie nach dem Stecken der Zeitung ins Rohr der Kunden wieder dort einzutauchen, dieses Gefühl vermittelt kein Online Magazin, aber sie arbeiten vielleicht auch noch daran.

Tom Schilling 22.11.2012 | 19:31

Es geht um ein existentielles Bedürfnis nach Kommunikation, und ja, auch um die Kommunikation von Vertrauen.
Wenn ich von Zeitungen allerdings nichts als die immergleichen, bereits vorgefertigten Meinungen erwarten kann (ist leider, aufgrund allgegenwärtiger Renditeorientiertheit und anderer Befindlich- und Abhängigkeiten hierzulande so, und mit Ausnahme einiger weniger Unabhängiger, worunter ich auch Der Freitag zähle), so sinkt dieses Vertrauen und nimmt es nicht Wunder, dass "der Leser" ins Netz abwandert, wo er mit ein paar Klicks vielleicht doch mal fündig wird.
Das große "Zeitungssterben" und ähnliche Katastrophenszenarien sind hausgemacht, dienen allenfalls dem Zweck, den zum "User" mutierten "Leser" taktvoll und im Takt des Geldes auf die Einrichtung von Bezahlschranken im Internet einzustimmen.
Nein, das Medium als solches kann nicht aussterben. Man denke doch nur mal an die dem Menschen ja angeborene Neugier, an das existentielle Bedürfnis nach Kommunikation, Austausch und, ja, nach Vertrauen. Es geht um Sinnstiftung und um Informationsbedürnis, darum, davon etwas lesbar zu machen. Ob das nun die Zeitung aufm Papier, das gute alte Buch, eine antike Schriftrolle oder das "Post-Printmedium" Zeitung-Online leistet, macht dabei keinen Unterschied.
Die Neugier und das Bedürfnis nach (vertrauenswürdiger) Information sind und bleiben immer diesselben.

Nikkiwunderkind 23.11.2012 | 04:45

Einige elementare Punkte vermisse ich in den Analysen, die zur FTD Pleite durch den Blätterwald rauschen.

- die selbstverschuldete Abhängigkeit von Mediaagenturen (relevant sind nur eine Handvoll z.B die GroupM) und der damit einhergehenden Preisverfall im Online Werbemarkt. Fraglich ob die erwirtschafteten Summen die anfallenden Kosten decken können. Zudem beeinflußt ein solches Geschäftsmodell auch die journalistische Qualität.

- Zum anderen eine selbstkritische Betrachtung des eigenen Handwerks. Sie haben es auf den Punkt gebracht. Zeitungen sind heutzutage austauschbar. Wenig Essays, Reportagen, gute Interviews, Hintergrundanalysen, Recherche usw. Die Frage was guten Journalismus ausmacht, scheint aus dem Fokus verschwunden zu sein. Statt dessen wird jeden Tag ein anderes Schwein durch das Dorf gejagt. Meinungsjounalismus, Productplacement, PR-Artikel, Kampagnen und Agenturmeldungen dominieren. Für den Leser reine Zeitfresser ohne nachhaltigen Wert.

Auch scheint mir, daß sich das Berufsbild verändert hat, -bzw. die Zeit einen neuen Typus des Journalisten hervorbringt. Die materialistische Motivation eines Agenturmenschen. Trendige Klamotten, Cooper Mini, Smartphone, repräsentative Freundin und Wohnung. Etwas überspitzt,- vielleicht. Aber unterscheidet sich "Die Zeit" noch von einer Frauenzeitschrift? Lifestyle statt Kultur? Es spiegeln sich eher die Sehnsüchte der Protagonisten im iPhone wieder, als dass die Welt beleuchtet wird. Dazu Machtansprüche, (Mediendemokratie), Konformismus, Glaspaläste für eine spitze Zielgruppe, Hybris aus guten Tagen , die auf längere Sicht bei den Umsätzen einen Niedergang nur beschleunigen. Investoren, Shareholder Value, Internet, Apps und, und, und- alles nur bloss weg von den Roots.

Zeitungen, Magazine werden weiterhin gekauft. Brand Eins, Mare, der Freitag, Ct, sogar Yps-Hefte finden Leser. Guter Journalismus findet Abnehmer. Dieses Jammern über die Informationsflutt,- lachhaft. Schweizer Edeluhren werden nach wie vor gekauft, obwohl an jede Ecke die Uhrzeit angezeigt wird.

Das Zeitungssterben ein Grund für Kulturpessimismus?

So what! Die Leute werden entlassen und nicht erschossen. Schreiben können Sie,- und vielleicht dann das was Sie schon immer schreiben wollten. Gutes Handwerk, Reduktion, Leidenschaft für den Beruf, dieses gibt es, wird es geben. Es muß nur genug kaputtgehen. So ist der Lauf von Aufstieg und Niedergang. Monopole schaden,- und wer jetzt nach Google schielt- dies ist hauptsächlich ein Provider, bietet Zugang, ist bis auf ordentlich viel Informatik und Servertechnik-leer! Leer von Content. Den liefern andere. Etwas was Verlage nie ganz begriffen haben. Diese Leute haben zudem Visionen, veranstalten Zukunftskongresse, proklamieren den Neohumanismus (was auch immer dieser Humanismus bedeutet. Leere läßt sich mit allem füllen. Für Google ist Information gleichwertig. Also nicht jammern über Apple, Facebook und Konsorten- drückt 30 % von euren Apps ab (auf die Ihr so stolz wart) und haltet die Schnauze.

Eine Tageszeitung hab ich mir seit Jahren nicht mehr gekauft. Kennst du eine, kennst du alle. Der Tussie von n-TV fiel zur Opel Krise nur "Achtung O-Ton" der Satz ein "Opel fahren Loser".

darkworx 23.11.2012 | 09:51

Nur ein paar Fragen:

Na, vllt sind die Redaktionen kein „Spiegel"-„BILD" der Gesellschaft? (Die Redaktion mit dem größten Frauenanteil im Textrelevantenressort ist tatsächlich die BILD, noch VOR dem Spiegel, z.B.)Vllt beeinflußt jenes auch die Essay-, Text- und Rechercheauswahl und was die Redaktionen so meinen, was den Leser oder die Leserin interessiert? Vllt führt dies auch zur Berichterstattung aus nur einer soziokulturellen Brille, was die Zeitungen wiederum so langweilig und austauschbar macht? Wenn sich alle Zeitungen nur um die Babyboomergeneration kloppen, dann viel Glück in der weiblichen, migrantischen, pluralen Zukunft!

Hier mal die Werbung für den Spiegel 2012... interessant bei welchen Stichworten Männer und bei welchen Frauen eingeblendet werden^^.

http://www.youtube.com/watch?v=YFbEdLc-x6k

Diese Seite der veränderten Leserschaft wurde im Artikel mal komplett ausgeblendet. Vllt denkt der Autor ja auch, dass es objektiven Journalismus gibt und nicht nur den, den jeder durch seine eigen Brille macht?

Im Allgemeinen finde ich Den Freitag eine gute Zeitung, aber andere Sichtweisen der Ereignisse wären vllt eine Bereicherung, somit kann ich für diesem Artikel nur ein mangelhaft geben, sry.

rolf netzmann 23.11.2012 | 10:10

Beim Lesen des Artikels stellte ich mir die Frage, warum ich jede Woche den FREITAG kaufe und intensiv lese. Bekomme ich doch über ntv.de oder cnn.com alle aktuellen Information zeitnah und schnell geliefert. Und eine zweite Frage tauchte in mir auf. Die Zeitung mit den vier Buchstaben ist immer noch das auflagenstärkste Printmedium in Deutschland. Beim Durchblättern wird aber schnell klar, dass Hintergrundinformationen hier nicht zu finden sind.
Die Frage ist doch, was ist das Alleinstellungsmerkmal einer Zeitung in der Konkurrenz oder dem Nebeneinander mit den "neuen Medien"? Was macht eine Zeitung aus, was kann sie leisten, was elektronische Medien nicht können? Und hier ist auch die Frage, was bedeutet heute guter Journalismus? Er bedeutet eben nicht nur das Wiedergeben von Fakten, die aus Nachrichtensendungen bereits bekannt sind. Und er bedeutet schon gar nicht das unwidersprochene Nachplappern offizieller Verlautbarungen. Die persönliche Meinung von Journalisten in Form von kontroversen Kommentaren ist mir wichtig. Ich möchte wissen, wie die Macher von Zeitungen zu den Themen, über die sie schreiben, stehen. Ich möchte Zustimmung oder Ablehnung herauslesen können.
Wir leben in einer Welt voller komplizierter Widersprüche, die sich gegenseitig bedingen und aus ihrer Vermischung heraus neue Widerspruche produzieren. Wir lesen und hören täglich Sprechblasen, die ein Normalbürger überhaupt nicht mehr deuten, geschweige denn verstehen kann.
Und hier setzt guter Qualitätsjournalismus an. Die Hintergründe, die Entstehung politischer, gesellschaftlicher oder kultureller Prozesse beleuchten, mit Fakten unterfüttern und dem Leser in klaren und verständlichen Worten erklären, was passiert, ist eine wesentliche Aufgabe von Journalismus. Das erfordert Arbeit, aufwändige Recherchen und journalistische Sorgfalt. Weil fast alle Printmedien heute mehr renditeorientiert ausgerichtet sind und unter einem hohen Kostendruck stehen, wurde diese Aufgabe, die auch Geld kostet, in den letzten Jahren immer mehr vernachlässigt. Weil sie sich dadurch selber in ihrer eigenen Identität aufgegeben sowie ihr Profil abgeschliffen haben und nicht mehr unterscheidbar wurden, verloren die Printmedien Leser, sank ihre Auflage und Anzeigenkunden suchten sich andere Werbemöglichkeiten.
Ich glaube an die Zukunft der Printmedien. Sie haben einen großen Vorteil, wenn sie ihn denn nutzen würden. Hintergrundinformationen, sauber recherchiert sowie klar und verständlich für den Leser präsentiert, sind längere Texte. Auf den kleinen Displays von Smartphones oder auch Tablet-PCs sind sie schlecht zu lesen. Die Zukunft der Printmedien liegt in der Sachinformation, die über die reine Headline hinausgeht. Das erwarte ich von einer guten Zeitung. Kurze, knappe Fakten nehme ich auf elektronischem Wege auf, wie die Fakten entstanden, was im Background passierte, die Entstehung und die Entwicklungsprozesse dazu möchte ich lesen, auch bei einer Tasse Kaffee und einer Zigarette in einer ruhigen, entspannten Atmosphäre.
Und mit diesem Wunsch bin ich nicht der Einzige. Dass Printmedien einen Teil ihrer Artikel auch ins Netz stellen, ist dabei ein notwendiges Zugeständnis an den Zeitgeist. Ohne Webpräsenz kann heute kein Unternehmen mehr erfolgreich sein, auch kein journalistisches.
Doch auf eine Zeitung aus Papier, die mich entführt in fesselnde Stories, die mir entspanntes Lesevergnügen bietet, möchte ich auch in Zukunft nicht verzichten. Und für eine solche Zeitung habe ich diesen Beitrag soeben geschrieben.

Klaus Raab 23.11.2012 | 10:49

"Interessant bei welchen Stichworten" der Spiegel-Werbung "Männer und bei welchen Frauen eingeblendet werden"

Stichwort "denken": ein Mann
"recherchieren": eine Frau
"nachfragen": eine Frau
"anzweifeln": zwei Männer, eine Frau
"prüfen": ein Mann
"bewerten": mehrere Männer und eine Frau
"entscheiden": Männer

Etwas wirklich Originelles fällt mir dazu leider nicht ein. Zu den weiteren Fragen:

"Na, vllt sind die Redaktionen kein „Spiegel"-„BILD" der Gesellschaft?" Sind sie sicher nicht, waren sie auch nicht vor der sog. Zeitungskrise.

"Vllt beeinflußt jenes auch die Essay-, Text- und Rechercheauswahl und was die Redaktionen so meinen, was den Leser oder die Leserin interessiert?" Zweifellos.

"Vllt führt dies auch zur Berichterstattung aus nur einer soziokulturellen Brille, was die Zeitungen wiederum so langweilig und austauschbar macht?" Darin steckt eine Meinungsäußerung, die ich so pauschal nicht teile.

"Vllt denkt der Autor ja auch, dass es objektiven Journalismus gibt?" Ich kann nicht sicher behaupten, dass es keinen gibt, ich habe nur noch nie einen gesehen.

darkworx 23.11.2012 | 11:40

Okay, kein mangelhaft im Zeugnis, ich war ja auch vllt etwas hart mit der Benotung ;-) Ich bin ja schon froh, dass nicht nur mich die Werbung sprachlos macht. Für alle Tageszeitungen kann man die ähnlichen, soziokulturellen Sichtweisen der Redaktionen sicher nicht pauschal bewerten, aber eine Tendenz kann ich m.E.n. schon erkennen. Vllt noch nicht mal in der Bewertung der Themen, aber sicherlich in deren Auswahl. Vor der Krise gab es natürlich auch schon sehr homogene Redaktionen, aber damals gab es eben nicht die Möglichkeit etwas anderes zu wählen. Aber selbst wenn die Printmedien tatsächlich, zumindest in profitorientierter Form, aussterben, gibt es auch die nächste Krise: Sich im riesigen Onlineangebot weiterhin zubehaupten und wenn die Zeitungen jetzt nicht anfangen die neue Generation in Sichtweisen, Erlebnissen und Interessen näherzukommen, werden das Andere tun. So wie bei genügender Weitsicht, es sicher noch Quelle und Neckermann geben würde und nicht Ebay und Amazon. Aber, ich gebe zu es ging im Artikel nicht um die letztgenannte Herrausforderung. Vielen Dank für ihr Feedback, hat mich sehr gefreut. :-D Lieben Gruß (P.S. Ich schwitze hier Blut und Wasser beim Gedanken an die Korrespondenz mit einem Journalisten, der sicher die Rechtschreibung perfekt beherrscht. Dyslexie ist nix für Ungeduldige, wie mich!)

miauxx 25.11.2012 | 13:46

"Die gedruckte Zeitung als emotionales Produkt? In der Welt, in der ich lebe, ist die Aufregung weniger groß, wenn die Zeitung nicht kommt, als wenn das WLAN nicht funktioniert."

Etwas überspitzt: Wenn das WLAN nicht funktioniert, weiß mensch eben plötzlich nicht mehr, was er denn stattdessen jetzt tun soll. Ähnlich verhält es sich offenbar mit dem Smartphone: Es ist Krücke und Stütze, die vor dem großen Loch bewahrt, wenn Mensch auch nur 2 Minuten U-Bahn fahren muss. Man beobachte das mal!

Das vielleicht, oder sicher, noch intensivere Lesen einer Zeitung ist, nochmals gesteigert durch die mobilen Geräte, durch ein extensiveres Lesen ersetzt worden (sicher noch nicht vollkommen). Ähnlich, aber auch nur ähnlich, verhielt es sich ja einst im ausegehenden 18. Jh., als der Lesestoff, v.a. auch begünstigt durch neue ökonimischere Druckverfahren, exponentiell anstieg.

Ob der Leser von heute die potentielle Informations-Überlastung wirklich will und deshalb die Bindung zu seiner Zeitung zugunsten der digitalen Geräte verliert, ist dabei aber wie die Frage nach der Henne und dem Ei. Er macht es halt, weil es geht. Ob dabei stets der Wille und die Notwenidgkeit nach einer extensiveren Informationsgewinnung bestimmend sind ... ich weiß nicht. Vermutlich kann er sich auch nur schwer der bunten und animierten Welt der kleinen Bildschirme entziehen.

drhwenk 26.11.2012 | 13:07

"Andererseits: Hätte irgendjemand die einzig wahre Idee, wäre sie schon umgesetzt worden. "

Hier sitzt der dicke fette, für einen erfahren Medienmenschen fast unerklärlich Irrtum gegen jede eigene Lebenserfahrung auf allen Gebieten. Auch gegen jede Weisheit von prominenten Weisen.

Wen solche Argumente "in eigener Sache" der Vernunftk0ntrolinstanz so leicht durchkommen, wundert einen die Stabilität der Unvernunft in de Welt kaum.

Tiefendenker 26.11.2012 | 19:19

Die Widersprüche im Kapitalismus differenzieren sich aus. Das trifft sehr oft direkt den Hauptwiderspruch zwischen stofflichen und wertmäßigen Größen, z.B. in Form des stofflichen Trägermediums für Inhalte, beispielsweise bei Musik, bei Büchern und nun eben auch verstärkt bei Zeitungen.

...in den TV-Nachrichten hieß es übrigens, die "Financial Times Deutschland" hätte über 80 journalistische Preise in den letzten 4 Jahren gewonnen, was immer das auch bedeuten mag. Wahrscheinlich nichts Gutes, bei all dem angepassten und sich selbst zensierenden Maulkorb- und Mainstream-Journalismus. Der Typ hielt das bestimmt für ein Qualitätskriterium.

Dazu fällt mir nur ein:

1. Zeitungen werden, was ihr gesellschaftliches Wesen angeht, genau wie alle anderen Waren, nicht produziert, damit sie jemand anwendet (also liest), sondern um Gewinn zu machen. Bleibt dieses Kriterium unzureichend erfüllt, ist logisch was folgt...

2. Mir fehlen Zeit, Muße und Geld, um mich regelmäßig mit Zeitungskauf zu beschäftigen. Mach ich nur gelegentlich mal am Bahnhof oder so. Und selbst da schaffe ich es kaum reinzuschauen. Der Papierstapel vergrößert sich immer mehr...irgendwann habe ich es bis auf einmal am Freitag die Mopo (wg. TV-Programm-Beilage) fast völlig aufgegeben.

3. In vielen Clubs liegen in Hamburg kostenlose Monatsmagazine zu Musik und Kultur aus. Da nehm ich manchmal welche mit, um nach Veranstaltungen und Kino zu schauen oder neuen CD--Rezies.

4. Boulevard-Blätter wie die BILD finde ich ab und zu im blauen Container vorm Hauseingang. Die nehm ich gerne mit, weil man so mal sieht, was die normale Welt so für wichtig hält. Außerdem ist das Papier so schön groß. Da kann man prima Bio-Abfall einwickeln, damit die Schimmelsporen beim Mülleimeröffnen nicht in die Küche fliegen.

5. Ach ja, im Abo bekomme ich doch was, 1 - 2 Mal im Jahr eine Theoriezeitschrift (Exit, was aber schon eher ein Buch ist) und ein Musikmagazin (Zillo)...so aus alter Tradition.

6. Meine Eltern überlassen mir ab und zu den Eulenspiegel (sehr witziges Magazin ähnl. Titanic, nur aus dem Osten und politisch besser aufgestellt)

7. Im Gegensatz zu diesem eher überschaubaren Überblick bin ich täglich mindestens 2 h zur Nachrichten schau im Netz. Das sagt wohl alles. Weniger lesen tut mal also wirklich nicht...nur die Form hat sich geändert. Der FREITAG ist da eine löbliche Ausnahme und immer irgendwie dabei.