Zeitungskrise ja, aber wessen Zeitungskrise?

Print Seit gut zehn Jahren reden alle vom Zeitungssterben. Jetzt wird es richtig ernst. Was aber heißt das für die Journalisten und für die Leser?

Die Financial Times Deutschland wird eingestellt, die Frankfurter Rundschau hat Insolvenz angemeldet, weitere Wirtschaftsmedien des Verlags Gruner+Jahr stehen auf der Kippe, das Stadtmagazin Prinz stellt seine Druckausgabe ein, auf die Augsburger Allgemeine wartet eine Sparrunde, und auch die Insolvenz der Nachrichtenagentur dapd verweist auf wirtschaftliche Probleme der Branche. Das lange angekündigte Zeitungssterben wird gerade sehr konkret.

Es werden jetzt also wieder Zaunpfähle geschwenkt und noch einmal all jene Fragen wiederholt, auf die es nach knapp zwölf Jahren Zeitungskrisen-Dauertalk schon hunderte von Antworten gibt: Hallo, wollen wir uns alle noch ein bisschen mehr bewegen? (Antwort: manche ja, manche nein.) Gibt es eine Zukunft für die Zeitung? (Antwort: je nachdem.) Wer ist schuld? (Antworten: „die Journalisten“, „die Verlage“, „das Internet“, „die Gratiskultur“.)

Vielleicht sollte man aber auch fragen: Was bedeutet heute die Zeitung? Und für wen? Wessen Krise ist die Zeitungskrise?

1. Der neue Leser bindet sich nicht.
Aber die Zeitungskrise ist keine Leserkrise

Die letzte Diskussionsrunde über die „Zukunft der Zeitung“ habe ich 2007 besucht, vom Floskelaufkommen zehre ich bis heute. Bodo Hombach, seinerzeit Geschäftsführer der WAZ-Mediengruppe, behauptete damals zum Beispiel, die Zeitung sei ein emotionales Produkt, und wenn sie morgens nicht im Briefkasten liege, seien Leser aufgeregter, „als wenn morgens die Frau nicht im Bett liegt“.

Es ist mir nicht gelungen, den Eheproblemen der WAZ-Leser nachzugehen, solche aufwändigen Recherchen bezahlt ja heute keiner mehr; aber dass die Zeitung ein „emotionales Produkt“ ist, stimmt nur noch zum Teil. Die Zeitung hat mit dem Verlust der Deutungshoheit über die Welt auch Aura verloren; in der Folge betteln Verlage heute um jeden Leser. Der selbstbewusste herrische Ton, dem man begegnete, wenn man vor zehn Jahren als Student ein Probeabo kündigte, ist verschwunden. Heute heißt es: Testen Sie kostenlos, Bezug endet automatisch, wir freuen uns, wenn wir Ihnen noch einen Präsentkorb zukommen lassen dürfen.

Die neuen Leser. Viele von ihnen dürften in Zeitungsleserhaushalten aufgewachsen sein, aber gefüllt bis obenhin mit Bindungsunlust fragen sie sich: Warum sollte ich immer im selben Restaurant essen? Ist die Welt nicht vielfältiger, als eine einzige Zeitung wissen kann? Und so probelesen sie hier mal und da mal und stellen dann fest, dass es auch reicht, ab und zu im Café die schönsten Kolumnen zu lesen; dass es Sudoku auch auf dem Smartphone gibt; und dass entscheidende Inhalte ja doch auch online stehen. Eine großartige zeitlose Reportage wirkt auf Papier womöglich noch großartiger, mag sein. Aber so denken viele Leser nicht. Sie fragen sich: An wie vielen Tagen wandert die gedruckte Zeitung ungelesen ins Altpapier? Und wie viele großartige Reportagen, die nicht eh bald als Buch erscheinen, lese ich wirklich?

Ich bin selbst ein solcher Leser. Ich habe kürzlich meinen Entschluss, zusätzlich eine Lokalzeitung zu abonnieren, revidiert, nachdem ich abends eine Gratis-Testausgabe aus dem Kino mitgebracht hatte. Am Morgen lief Milch drüber, das Kind wollte sich nochmal komplett umziehen, keiner warf aus Zeitgründen auch nur einen Blick in die Zeitung, was den Eindruck festigte, letztlich wachse nur der Altpapierberg, und da hatte das Blatt seine Chance vertan.

Die gedruckte Zeitung als emotionales Produkt? In der Welt, in der ich lebe, ist die Aufregung weniger groß, wenn die Zeitung nicht kommt, als wenn das WLAN nicht funktioniert. Das Tageszeitungsabonnement hat in vielen Haushalten seinen selbstverständlichen Platz im Alltag verloren. Leser haben keine Zeitungskrise. Sie finden ihre Informationen und Analysen schon, sie stammen nur nicht immer aus der immergleichen Zeitung.

2. Die Zeitungskrise ist eine Journalistenkrise

Informiert zu sein heißt, Teil der Welt zu sein, und deswegen lesen Leser immer weiter, selbst wenn man sie User nennt. Die Krise des Produkts Zeitung ist keine Krise des Lesens journalistischer Texte. Aber eine Krise des Erstellens der Texte, eine Journalistenkrise also, die gibt es. Weil für viele Journalisten Journalist sein nicht gleich Journalist sein ist.

Nehmen wir einen Printjournalisten, Jahrgang 1960: Er entscheidet sich in der Ausbildung nicht zum Radio, Fernsehen oder einem Monatsmagazin zu gehen, nein, er will zur Zeitung. Und nach 20 Berufsjahren, er weiß mittlerweile, was er tut und kann, plärren Social-Media-Berater, die Geld damit verdienen, ein neues Narrativ mit wechselnden Binsen auszuschmücken: „So, und du Totholzdepp kannst jetzt sterben gehen!“ Was soll man da machen? Nicken und, der überzeugenden Argumentation wegen, in Rente gehen?

Kürzlich unterhielt ich mich mit einer geschätzten Kollegin einer anderen Zeitung. Sie ist eh nicht das, was man internetbegeistert nennt, aber nun sagte sie einen Satz, von dem ich dachte, dass er mittlerweile ein Klischee sei: „Ich mache Print, bis es vorbei ist.“ Ein Rat an junge Leser: Nicht nachmachen! Trotzdem: Vor drei Jahren hätte ich ihr heftiger widersprochen als heute. Printzeitungen – Krise hin oder her – liegen immer noch jeden Tag an jedem Kiosk, nur nicht in der gleichen Auflage wie zu den besten Zeiten. Gut, dass sie jemand macht, der sie wirklich machen will. Bei weitem nicht allen Papierzeitungen, aber manchen geht es, auch deshalb, ganz gut.

Die entscheidende Frage ist aber, was „Print“ bedeuten soll. Die klassische Rolle des Journalisten war die des Schleusenwärters, der entscheidet, welche Informationen öffentlich werden. Heute ist er stärker ein Bibliothekar, der Lesern auf ihrer Suche nach Zugängen zur Welt Ordnung und Haltung anbietet. Wenn „Print“ heißt, den Beruf von 1999 unverändert einfach weiter ausüben zu wollen, ist Endzeitstimmung nicht ganz unangebracht.

3. Papier ist nicht die Lösung.
Kein Papier aber auch nicht

Vor einiger Zeit las ich, dass Fish&Chips in Großbritannien in den neunziger Jahren eine Aufwertung erfuhr. Wer etwas auf sich hielt, aß Fish&Chips, und zwar so traditionell wie möglich – sprich, in Zeitungspapier eingewickelt. Zeitungspapier hat in der Nahrungsindustrie aber nur Nachteile. Es saugt nicht, gibt Gerüche ab, und die Druckerschwärze färbt ab. Was tat man also bei der Fish&Chips-Kette Harry Ramsden‘s? Man packte die Fish&Chips in Papier, das wie Zeitungspapier aussah, aber keines war. Es war hygienisches Papier, das, um Kunden das Gefühl zu geben, sich kulturell authentisch zu verhalten, mit Zeitungsartikeln bedruckt war.

Der Witz über die Zeitung, in die nicht einmal mehr der Fisch eingewickelt wird, macht sich an dieser Stelle von selbst. Worauf die Fish&Chips-Geschichte aber verweist, ist, dass die gedruckte Zeitung auch deshalb einmal besser dastand, weil sie, wie viele kulturell bedeutsame Artefakte, über ihren eigentlichen Zweck hinaus ins Leben eingebettet war. Die Tageszeitung war früher nicht nur ein Trägermedium für Journalismus. Sie war Fischhülle, Aldi-Beilage, Wohnungs- und Autokleinanzeigen und ideal, um Schuhe auszustopfen. Über das Schuhstopfmaterial hinaus ist sie heute nur noch Journalismus. Die gedruckte Zeitung war für Leser ein Vorgänger des Smartphones, man fand darin vieles, was man im Alltag so brauchte. Vielleicht ist nur Journalismus einfach zu wenig.

Es ist nur eine Frage der Zeit, wann der erste Zeitungsverlag aus freien Stücken nach dem Vorbild der Schweizer Tageswoche seine gedruckte Wochentagsausgabe aufgibt und sich auf digitale Vertriebswege konzentriert. Das wird passieren. Und hätte Vorteile: keine Druckkosten. Keine Lkws, die nachts durch die Republik fahren, um Zeitungen auszuliefern. Keine Papierkosten.

Andererseits: Hätte irgendjemand die einzig wahre Idee, wäre sie schon umgesetzt worden. Es kann für manche – wenige – Zeitungsunternehmen auch ganz anders kommen: Es bleibt beim Papier, das wird sogar teurer, darauf wird dann aber blitzsauberer und aufwändiger (und wahrscheinlich subventionierter) Journalismus gedruckt. Wahr ist, dass es die eine Lösung nicht gibt. Es gibt hunderte. Mindestens eine pro Zeitung.

4. Journalismus läuft
schlechter als Tierfutter

Aus Verlagssicht bedeutet das: Experimente. Soll man eine Zeitung auf eine ausschließlich digitale Ausgabe umstellen, solange nicht genügend Leser Tablet-Computer nutzen? Soll man es lassen, obwohl nicht genügend Leser die Printzeitung kaufen? Soll man beides machen, was deutlich mehr kostet? Und dann erst eine Apple- oder eine Google-App? Es ist kompliziert.

Man vergisst das manchmal, wenn wieder ein Leitartikler die Verleger-Idee nachplappert, die Gratiskultur des Internets sei an allem schuld. Richtig ist, dass Informationen in Textform heute nicht mehr nur gegen Bezahlung zu haben sind, sondern an so vielen Orten, dass man sie kaum mehr verkaufen kann. Aber haben Zeitungsverlage ein Urheberrecht auf Ereignisse, Politikerzitate oder zerbrochene Köpfe? Die Schuldzuweisungen sind Politik, Mittel zum Zweck, um letztlich Leser, neue Journalismusstiftungen oder Google zum Bezahlen zu bewegen.

Was bleibt: Das Produkt Zeitung wirft, anders als früher, als es nicht nur einzelnen Titeln ganz gut ging, sondern als die Branche florierte, vergleichsweise wenig ab. Verlage betreiben für die Rendite heute nebenbei Onlineshops für Tierfutter, Kontaktplattformen oder einen Weinhandel. Und mancher Verlag, der in Redaktionen spart, vermeldet regelmäßig Umsatz- oder Wachstumsrekorde. Was man sich fragen muss, ist, ob Verlage noch die besten Akteure sind, um Zeitungen zu betreiben. Selbst Uwe Vorkötter, der ehemalige Chefredakteur der Berliner Zeitung und der Frankfurter Rundschau und „wahrlich kein Linker“, wie das Magazin Kontext kürzlich schrieb, „stellt sich die Frage, ob die Verleger-Presse“ – gemeint ist laut Kontext eine stark renditeorientierte Presse – „die Ultima Ratio ist“.

Alternativen? Die öffentlich-rechtliche Presse. Stiftungen, die aufwändige Recherchen finanzieren. Eine gesamtgesellschaftliche Finanzierung von Nachrichtenagenturen. In Einzelfällen Crowdfunding. Andere Verlage. Mischmodelle. Experimente.

5. Es gibt eine Alternative
zum Katastrophenszenario

Liest man die jüngsten Zeitungskriseneinschätzungen, dann fällt auf, dass Zeitungsleitartikler in der Regel betonen, wie wichtig Zeitungen für die Demokratie sind. Wochenzeitungsjournalisten sehen die Zukunft in der Wochenzeitung. Online-Chefredakteure bereiten mit Gefühl, technischem Know-how und ohne Schwarzseherei ihre Leser auf die Einrichtung einer Bezahlschranke vor, die sie aber nicht so nennen. Und Journalisten, die verlässlich Apple verteidigen, messen in ihren Blogs Zeitungen am iTunes-Store und behaupten, dass erstere von gestern sind. Man sieht: Journalisten sind nicht neutral, wenn es um die Zukunft des Journalismus geht.

Tut man so, als blicke man von außerhalb der Schneekugel auf die Zeitungskrise und ihre Akteure, sieht man einen aufgeschreckten Hühnerhaufen. Und man sieht, dass es um die Krise einer Branche geht, die sich auf Katastrophenszenarien gut versteht.

Dass jede Kündigung eine individuelle Katastrophe sein kann – keine Frage. Aber ist die Zeitungskrise auch eine gesellschaftliche Katastrophe? Vielleicht ist pauschaler Optimismus nicht die richtige Reaktion auf heftige Schwarzseherei, aber man kann es auch so sehen: Alles, was Zeitungsunternehmen früher leisteten, gibt es noch. Information. Debatten, Reflexion, Orte, an denen sich die klügsten Köpfe austoben können, Beiträge zur Meinungsbildung, Kreuzworträtsel.

Manche werden jetzt sagen: noch. Man kann aber auch sagen: Das wird sich so schnell auch nicht ändern.

 

 

 

 

Auf hoher See (Montage: Der Freitag,
Material: Fotolia, Abb.: Istockphoto)

Klaus Raab hat eine Tages- und eine Sonntagszeitung abonniert. An ihm liegt es also nicht

12:30 22.11.2012

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