Klaus Schlagmann

Psychotherapeut, Autor, Auseinandersetzung mit dem Irrsinn der Freudschen oder Kernbergschen Psychoanalyse, Verehrer von Josef Breuer
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Klaus Schlagmann
RE: Wo geht’s hier zum Unbewussten? | 08.11.2015 | 07:13

@ Maggiestone

Es ist dieselbe Besserwisserei, die Sie Freud bzw. der Psychoanalyse damals und heute (sowieso dasselbe) vorwerfen, die Sie tadellos präsentieren, wenn Sie der Autorin Naivität bzw. blinden Glauben vorwerfen.

Nein, es gibt einen Unterschied. Mein Besserwissen bezieht sich immerhin auf konkrete Belege (Bezug auf etliche von Freuds Schriften). Freuds Besserwisserei, die ich mit den genannten Beispielen zu belegen versuche, beruht dagegen allein auf seinem Wunschdenken, die Welt möge so sein und so funktionieren, wie er sich das in seiner Neurose ausgedacht oder erträumt hatte. Die Objekte seiner Betrachtungen bleiben dabei mit ihren eigenen Äußerungen so gut wie vollkommen ausgeschlossen. (Ida Bauer hatte das z.B. sehr klug erkannt und ihre vor ca. 115 Jahren begonnene "Kur" bei Meister Freud schon nach 10 Wochen auf witzige Weise hingeschmissen.)

RE: Wo geht’s hier zum Unbewussten? | 08.11.2015 | 00:00

"Die Psychoanalyse durchbricht diese Ausschließungsprozeduren: Indem sie den Neurotiker nicht nur sprechen lässt oder ihn zum Sprechen auffordert, sondern ihm auch zuhört. Mehr noch: Der Psychoanalytiker verspricht dem Patienten, nicht zu werten."

Mit welcher Naivität doch solche Behauptungen von Analyse-Gläubigen aufgestellt werden! Wahrscheinlich sinnlos, Freud selbst dabei zu zitieren, der sich zeitlebens einer geradezu unerträglichen Besserwisserei bedient hat:

- Das fängt schon früh an, als er in den 1880er Jahren seinem Freund v. Marxow das Kokain als Heilmittel gegen dessen Morphiumsucht empfiehlt. Dabei sieht er, wie der Kollege unter dieser von ihm empfohlenen Droge immer mehr vor die Hunde geht. Seiner Verlobten Martha berichtet er ausführlich von dessen Elend. In Fachartikeln jedoch behauptet er mehrfach, er habe an diesem Fallbeispiel die Überwindung von Morphiumsucht durch Kokain beobachtet (innerhalb von 10 Tagen bzw. von 20 Tagen). Freud attackiert sogar ausdrücklich den Sucht-Experten Erlenmeyer, der Freuds „Therapie“-Empfehlungen getestet und deren katastrophale Wirkungen beobachtet hatte. (Umfangreich dargestellt in Israels: „Die Geburt der Psychoanalyse aus der Lüge.“)

- Der jungen Emma Eckstein, die sich auf Freuds Empfehlung hin von seinem Freund Fließ wegen Magenschmerzen einer Nasen-OP unterzieht, dabei an einem größeren Blutgefäß verletzt wird, so dass sie – noch Wochen später – zu verbluten droht, attestiert Freud über zwei Jahre hinweg, ihre Blutungen seien „hysterische“ gewesen und seien „wahrscheinlich zu Sexualterminen“ erfolgt (Briefe an Fließ).

- Bei Elisabeth von R. („Studien über Hysterie“) ist Freud überzeugt, sie sei in den Mann ihrer verstorbenen Schwester verliebt. Obwohl die Kl. zum Ausdruck bringt, wie sehr sie diesen Schwager verachtet, hält Freud doch an seiner Deutung fest und berichtet deren Mutter, dass es so sei – mit der Aufforderung, doch womöglich eine entsprechende Heirat zu arrangieren. (Elisabeth v. R. unterstreicht daraufhin, dass sie mit Freud nichts mehr zu tun haben will.)

- Generell behauptet Freud (1898) z.B., dass Neurasthenie (= Depression) eine klar umrissene Ursache habe, nämlich „exzessive Masturbation“. Wenn man sich seiner Diagnose sicher sei, so dürfe man „sich die Symptomatik in Ätiologie übersetzen und dann von den Kranken dreist die Bekräftigung seiner Vermutung verlangen. Anfänglicher Widerspruch darf einen nicht irre machen; man besteht fest auf dem, was man erschlossen hat, und besiegt endlich jeden Widerstand dadurch, dass man die Unerschütterlichkeit seiner Überzeugungen betont.“ (Das ist alles andere als dem Neuotiker zuzuhören; vielmehr klingt es wie eine Anleitung zur Gehirnwäsche.)

- Ida Bauer bekommt (im „Bruchstück einer Hysterieanalyse“) von Freud unterstellt, ihr „Nein“ bedeute ein „Ja“. Ihre Ablehnung seiner Deutungen sei ihre typische Art, das Andrängen einer Erkenntnis aus dem Unbewussten anzuerkennen. Sie sei ja doch im Grunde in den Mann verliebt, der sie ab ihrem 13. Lebensjahr mit sexualisierten Übergriffen bedrängt hatte und sie würde ihn wohl am liebsten heiraten. Dass sie (als 13-Jährige) davonlaufe, nachdem sie Herr K. in einem ansonsten menschenleeren Büro an sich gepresst und auf den Mund geküsst hatte (wobei sie – so Freud – das „Andrängen des erigierten Gliedes gegen ihren Leib“ gespürt haben müsse), das klassifiziert sie – nach Freud – als „ganz und voll hysterisch“! „Bei einem gesunden Mädchen [so Freud] hätte eine Genitalsensation gewiss nicht gefehlt“! Ida Bauer selbst hingegen steht am Ende kurz vor einem Suizidversuch, weil ihre Eltern ihren Erzählungen von dieser Bedrängnis durch den Freund ihres Vaters (= der Ehemann von dessen Geliebter) keinen Glauben schenken.

- Der Schriftsteller Wilhelm Jensen gibt nach der Zusendung von Freuds Analyse seiner Novelle „Gradiva“ brieflich (Jensens Briefe wurden im Jahr 1929 veröffentlicht) umfangreiche Auskunft über den biografischen Hintergrund seines Schaffens. Weil diese Auskünfte jedoch nicht in Freuds Deutungsschema passen, attestiert Freud im Nachwort der zweiten Auflage seiner umfangreichsten psychoanalytischen Literaturdeutung („Der Wahn und die Träume in W. Jensens 'Gradiva'“) dem Dichter: Er, Freud, habe zwar versucht, den Dichter für die psychoanalytische Deutungsarbeit zu gewinnen – „aber er versagte seine Mitwirkung“! Auch das ist eine glatte Lüge, die Freuds Publikum damals (1912) noch nicht beurteilen kann, weil Jensens ausführlichen Briefe noch nicht veröffentlicht sind. Wie sehr die von Jensen bereitwillig erteilten brieflichen Auskünfte der Wahrheit entsprechen, habe ich in dem Buch „Gradiva. Wahrhafte Dichtung und wahnhafte Deutung“ dargelegt. (Dort sind u.a. die seit über 100 Jahren verschollen geglaubten Briefe Freuds an Jensen abgedruckt, die mir Angehörige Jensens im Jahr 2011 zur Publikation anvertraut hatten.)

"Die Psychoanalyse durchbricht diese Ausschließungsprozeduren: Indem sie den Neurotiker nicht nur sprechen lässt oder ihn zum Sprechen auffordert, sondern ihm auch zuhört. Mehr noch: Der Psychoanalytiker verspricht dem Patienten, nicht zu werten."

Freuds „Psychoanalyse“ hat sich für die Wirklichkeit ihrer Betrachtungs-Objekte nicht interessiert. Freud konnte deshalb auch nicht wirklich verstehen, auf welche Gewalt- oder Schicksals-Erfahrungen sich deren psychischen Reaktionen gründeten. Anstatt zuzuhören hat er ihnen besserwisserisch seine höchst privaten Deutungen und Bewertungen aufgedrängt. Und so wird es bis heute in "Psychoanalysen" gerne fortgesetzt.