Abenddämmerung oder Morgendämmerung?

Kurt Tucholsky Vergleicht man unsere Zeit mit der vor hundert Jahren, offenbaren sich erstaunliche Parallelen.
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Geschichte wiederholt sich nicht.
Geschichte wiederholt sich doch!

Dieser Streit ist beinahe so populär wie der um die Frage nach dem Primären: Henne oder Ei, Sein oder Bewusstsein. Ob sich Geschichte wiederholt – die Frage ist müßig. Was sich stets wiederholt, ist das Verhalten von Menschen in vergleichbaren Situationen, unabhängig von der Epoche, in der sie leben. Dies wird einem aber nur bewusst dank derer, die dieses Verhalten zu ihrer Zeit dokumentiert haben. Einer von ihnen war Kurt Tucholsky. Die folgenden Textauszüge stammen aus dem Jahr 1920. Urteilen Sie selbst, wie wenig sich in hundert Jahren geändert hat und wie vieles immer wieder kommt.

Unter den Links finden Sie die Volltexte. An dieser Stelle mein Dank an das Team vontextlog.de, die einen großen Schatz an Schriften sorgfältig digitalisiert und allen verfügbar gemacht haben – das Ganze völlig selbstlos, ohne lästige Werbung.

Kapitalismus

Im kapitalistischen Zeitalter erfüllt der Produzent nicht mehr die Bedürfnisse: er versucht, Bedürfnisse zu erregen, und ist stets geneigt, viel eher der Wirklichkeit als sich selbst die Existenzberechtigung abzusprechen. Schnell entschwindet wohl ein Bedürfnis; aber es dauert lange, ehe eine kapitalistische Institution zerfällt. Sie verteidigt sich und steht unerschütterlich – aus keinem andern Grunde, als weil sie nun einmal da ist. [1]

Politiker

Ein paar Zusammenkünfte mit Regierungsmitgliedern und ihren Freunden haben mich überzeugt, dass diese Männer überhaupt keine oppositionellen Zeitungen mehr lesen (es sei denn, um gegen sie einzuschreiten), dass sie jede Fühlung mit den unruhig quirlenden Massen verloren haben, und dass sie mit ganz andern als sachlichen Dingen beschäftigt sind. Es bewegt sie die Frage der Kompetenzen; es beschäftigt sie das Problem einer Stellenbesetzung, die Parteiklüngel und Beamtenschaft nicht vor den Kopf stößt; ein Apparat hält sie völlig gefangen, der um seiner selbst willen da ist, und bei dessen Schnurren keiner mehr nach Ziel und Zweck fragt. [1]

Militarismus

Militarismus und Pazifismus sind zwei Geistesverfassungen – eine Brücke gibt es nicht. Entscheidet euch für den einen: und wir kommen nie aus der Not und dem Jammer heraus. Entscheidet euch für den andern, brecht mit der Tradition und macht Geschichte – und wir werden das haben, was wir ja wohl auf verschiedenen Wegen alle haben wollen: ein reines Land. [1]

Hier einige Auszüge aus einem besonders lesenswerten Text:

Dämmerung

Diese Zeit hat etwas durchaus Gespensterhaftes. Die Leute gehen täglich ihren Geschäften nach, machen Verordnungen und durchbrechen sie, halten Feste ab und tanzen, heiraten und lesen Bücher –: aber es ist alles nicht wahr.

Was man so gemeinhin Kunst und Kultur nennt: sie sind nicht möglich ohne gemeinsame Voraussetzungen. Die sind nicht mehr da. Die Grundfesten wanken. Es ist durchaus nicht allen gemeinsam und selbstverständlich, dass das Vaterland das Höchste ist, woran sich anzuschließen Pflicht und Gewinn sei – sondern das ist sehr bestritten. Es ist durchaus nicht allen gemeinsam, dass die Familie der Endpunkt der Entwicklung und etwas Selbstverständliches sei – das ist sehr bestritten. Es ist durchaus nicht selbstverständlich, dass der Kapitalismus notwendig oder gar nutzbringend sei – das ist sehr bestritten. Sie reden verschiedene Sprachen, die babylonischen Menschen, und sie verstehen einander nicht. Sie sprechen aneinander vorbei, und sie haben weniger gemeinsam denn je.

Seltsam, dieses Bürgertum. (Und in Deutschland sind alle Bürger.) Seltsam dieses starre Festhalten an Formen, die leer sind, an Dingen, die es eigentlich nicht mehr gibt. Vorbei, vorbei – fühlt ihr das nicht? […]

Wir versuchen, dem gänzlich Neuen mit den alten Mitteln, den alten Witzchen beizukommen. Und werden seiner nicht Herr. Es verfängt alles nicht: Humor nicht, Satire nicht; offener Kampf, Gewalt, Propaganda – die Pfeile fallen matt zu Boden, Wohin führt das alles –?

Wir wissen es nicht. Töricht, sich dagegen zu sträuben. Töricht, die Zerfallssymptome zu leugnen. Eine Welt wankt, und ihr haltet an den alten Vorstellungen fest und wollt euch einreden, sie seien so nötig und natürlich wie die Sonne. […]

Spaßmacher besingen die neue und die alte Zeit; in bürgerlichen Zeitschriften untersucht einer ganz ernst-haft, ob die Exposition in dem neuen Roman des Schriftstellers W. ganz geglückt sei; Theater spielen in viele Akte zerdehnte Aphorismen, die wir ohnehin gewusst haben; Schemen wanken auf der Erde einher – und es ist alles nicht wahr. Der Sinn des Lebens ist in Frage gestellt, und ich glaube fest daran, dass diese grauenvolle Krankheit auch kräftigere Länder als dieses arme Deutschland anfressen wird.

Was es ist, weiß ich nicht. […] Ich fühle nur dumpf, dass da etwas herankriecht, das uns alle zu vernichten droht. Uns: das ist unser altes Leben, das sind die grünen Inseln, die wir uns im Strom des lächerlich lauten Getriebes noch zu bauen verstanden haben – uns: das ist unsre alte Welt, an der wir – trotz allem – so gehangen haben. Wohin treiben wir?

Horcht hin, und ihr hört einen neuen Herzschlag der Zeit. Ich wundre mich jeden Tag, dass noch die Zeitungen erscheinen, dass die Leute ernsthaft über Bilder disputieren, über Musik sich ereifern. Ist das noch wahr? Gibt‘s das noch? […]

Das bürgerliche Zeitalter ist dahin. Was jetzt kommt, weiß niemand. Manche ahnen es dumpf und werden verlacht. Die Massen ahnen es dumpf, können sich nicht ausdrücken und werden – noch – unterjocht. Was sich da träge gegeneinander schiebt, gereizt sich anknurrt und tobend aufeinander losschlägt –: im tiefsten ist es der unüberbrückbare Gegensatz zwischen Alt und Neu, zwischen dem, was war, und dem, was sein wird. […]

Was wissen wir von der Zeit? Wir stehen davor wie der Wanderer vor der roten Felswand, viel zu nah, um ihre Struktur, geschweige denn ihre Schönheit zu sehen! Was wissen wir von unserer Zeit? Wir sind ihre Instrumente, und ich glaube, dass der noch ihr bestes ist, der sich ihr nicht entgegenstemmt.

Eine Welle flutet über die Erde. Sie ist nicht rein ökonomischer Natur, es geht nicht nur ums Fressen und Saufen und Verdienen. Es handelt sich nicht nur um die Frage, wie man die wirtschaftlichen Güter der Welt verteilen wird, wer arbeiten und wer ausnutzen soll. Es geht um mehr, um alles.

Es scheint wieder eine der Perioden gekommen zu sein, wo ganz von vorn angefangen werden wird, wo wieder der Mensch auf der Scholle steht und Gräser, Tiere und sich selbst mit grenzenlosem Erstaunen betrachtet. Und die Hände ausstreckt und nichts wissen will als von einem ausgestirnten Himmel und von seiner eignen Macht. Erwachen sie aus dem dumpfen Traum von Bräuchen und Kulturen?

Dass uns das die Kunst kosten wird, nebenbei. Dass wir die ›ewigen Werte‹ draufgeben müssen, sei erwähnt. Urtriebe bestehen – aber die Modalitäten ihrer Auswirkung sind keinen immer gültigen Gesetzen unterworfen. […] Wohin treiben wir? Wir lenken schon lange nicht mehr, führen nicht, bestimmen nicht. Ein Lügner, wer‘s glaubt. Schemen und Gespenster wanken um uns herum – taste sie nicht an: sie geben nach, zerfallen, sinken um. Es dämmert, und wir wissen nicht, was das ist: eine Abenddämmerung oder eine Morgendämmerung. [2]

Meinungsmache

Es muss Publizisten, die dauernd daneben raten, die Berechtigung abgesprochen werden, noch ernstlich mitzureden. Verpflichtet denn bei uns eine Ansicht zu gar nichts mehr? Alle tragen die Verantwortung, die schwere Verantwortung – und wenn‘s zum Klappen kommt, dann laufen sie weg oder haben es anders gemeint oder haben nichts gesagt … und beginnen morgen von vorn. Keiner tritt ab – es sind noch immer alle, alle da. […] Das geht nicht an: vorgestern für den Krieg zu sein und gestern für die Republik und heute für Noske und morgen für Reorganisation. Meinungen verpflichten. Das ist hart und unbequem – aber sauber. Und Presseschreiber, die die jeweils moderne Meinung tragen, sind keine Führer des Volkes. Glaubt ihnen nicht. [3]

Stillstand

Das ist ja das merkwürdige an diesem Lande […], dass alle diese Probleme und Theorien und all das, worüber wir uns den Kopf zerbrechen, in der Praxis von der handfesten Wurstigkeit stehengebliebener Dickköpfe ignoriert werden. Wenn‘s zum Klappen kommt, regiert fast überall ein Mann, der durch Vorbildung, Erziehung und Familientradition gar nicht mehr anders kann, als Kastenunterschiede sehen. [4]

Über das, was wir hier tun

Ehre dem Tapferen, der‘s gesagt hat und wieder gesagt und wieder gesagt. Sie hatten aber keine Ohren, zu hören, sondern nur zwei linke Hände, die nicht wussten, was recht ist, und zwei Füße, mit denen sie gingen, es sich zu richten. Dann aber schritten sie stolz, und ohne auf das Gekläff eines Literaten zu horchen, dahin, wohin sie gehörten: in den Abgrund. [5]

[1]„Militärbilanz“, Die Weltbühne, 22.04.1920, Nr. 17, S. 464

[2]„Dämmerung“, Die Weltbühne, 11.03.1920, Nr. 11, S. 332

[3]„Kapp-Lüttwitz“, Die Weltbühne, 25.03.1920, Nr. 12-14, S. 357

[4]„In der Provinz“, Freiheit, 16.05.1920

[5]„Weltgericht“, Die Weltbühne, 20.05.1920, Nr. 21, S. 596

09:24 19.04.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Klaus Fürst

Es ist die unüberwindliche Irrationalität, die dem Menschen den Ausgang aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit versperrt.
Klaus Fürst

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