Der schwere Weg zur Utopie

Kater Demos Das 2. Heft von "Kater Demos" ist erschienen. Was macht dieses Magazin so lesenswert?
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Das Magazin beschwört die vita contemplativa, das beschauliche Leben, doch den Autoren liegt das Kontemplative fern: die Beiträge sind frisch und witzig, zuweilen wünscht man sich etwas mehr Provokanz. Ein Highlight ist sicher der Beitrag „Mein Hartz IV-Tagebuch“ von Elisa Bilko (kürzlich hier veröffentlicht).

Und vielleicht liegt gerade in diesem Widerspruch der Reiz: wir haben ein konservatives Magazin, gefüllt mit progressiven Ideen. Da schreiben junge Leute, die einerseits dem Prekariat entfliehen möchten, gleichzeitig aber auch dessen Verlockung entdecken, die darin besteht, dass neue Lebensentwürfe möglich und erforderlich werden. Diese Konstellation kommt sehr gut in dem Beitrag „Prekäre Normalität“ von Imre Balzer zum Ausdruck.

Zwei Schwächen wären anzusprechen: zum Einen reflektieren die Beiträge unsere Gesellschaft sehr selektiv. Man könnte den Eindruck gewinnen, die Probleme der Arbeitswelt beträfen nur die Bürojobs und die Intellektuellen. Die größten strukturellen Veränderungen aber gibt es in der Wertschöpfungskette. In Industrie und Dienstleistung fanden und finden radikale Rationalisierungen statt, mit dramatischen Auswirkungen auf Arbeitskräftebedarf und Arbeitsfeld. Momentan wird dies durch die Konjunktur abgefedert, aber der Blick auf die Nachbarländer zeigt, was zweifellos auch auf uns zukommen wird. Was werden die jungen Leute langfristig tun, wenn Sie in der Wertschöpfungskette nicht mehr gebraucht werden? Was sind die Alternativen zu bezahlter Arbeit? Die Alternativen für alle, nicht nur für die, die sich gern mit feingeistiger Tätigkeit beschäftigen!

Zweiter Punkt: „Den Machern wünscht man nur noch mehr Geschichten abseits des Schreibtischs.“, meint die Rezensentin der Süddeutschen Zeitung. Ich würde hinzufügen: mehr Nähe zu den Leuten. Denn es fehlen ein wenig die verschiedenen Perspektiven. Wir erfahren zum Beispiel, dass die städtischen Angestellten von Göteborg nur noch 6 Stunden am Tag arbeiten. Wenn ein Privatunternehmen wie VW sich so etwas leistet, liegt es in dessen eigener Verantwortung, es muss es sich leisten können. Doch eine Stadtverwaltung finanziert diesen Luxus aus Steuergeldern. Was sagt wohl der Bürger dazu, der diese Gelder aufbringen muss? Doch diese spannende Frage wird nicht gestellt. Stattdessen ein Interview mit dem Bürgermeister, der die tolle Idee forciert hat, aber nicht persönlich für sie gerade stehen muss. Wer sich in solch komfortabler Position befindet, liefert mir keine überzeugenden Argumente.

Noch einmal zu dem Anspruch „Utopisches Politikmagazin“. Um dem besser gerecht zu werden, sollten zwei Dinge in Angriff genommen werden. Das Magazin müsste mehr davon erzählen, wo auf dieser Welt Utopien zu Realität werden. Und es sollte jeweils eine große Utopie zum Kernthema jeden Hefts gemacht werden, welche dann auch wirklich detailliert auf mindestens 20 Seiten herausgearbeitet wird. Ansatzweise wurde das in diesem Heft mit dem Bedingungslosen Grundeinkommen versucht. Da wird zunächst eine Geschichte erzählt, wie die Initiative "Mein Grundeinkommen" die Utopie Wirklichkeit werden lässt. Die anschließende Darstellung der Grundeinkommensidee ist aber zu nüchtern, bringt nichts Neues in die nun schon jahrzehntelange Diskussion. Statt der müßigen Für-und-Wider-Debatte hätte eine konkrete Utopie, wie die Gesellschaft mit einem BGE aussieht, etwas Anschaulichkeit bringen können. Wie wichtig das ist, zeigt die jüngste Debatte in der Schweiz, die deutlich machte, dass vor allem Fantasie benötigt wird, um die Wirkungen eines Grundeinkommens zu verstehen.

Ein ebenso wichtiges Thema ist der Arbeitsbegriff selbst. Was verstehen wir unter Arbeit und wie müssen wir den Begriff künftig behandeln? Schon im Vorwort trifft Alexander Sängerlaub den Nagel auf den Kopf: „Erwerbsarbeit, egal wie dämlich, bekommt Respekt gezollt, weil sie durch Geld entlohnt wird. Alles andere: Flüchtlingen helfen, Heimarbeit, am Magazin werkeln, wenn auch sinnvoller, wird immer ein wenig müde belächelt.“ Und an anderer Stelle: „wie man Arbeit für sich definiert, sollten wir jedem selbst überlassen ... – die Hülle und Fülle der täglichen Dinge, die wir schon einmal sprachlich zur Arbeit erkoren haben, ist so zahlreich, dass man sich wundert, warum wir noch nicht vorher auf die Idee gekommen sind, uns diese auch gesellschaftlich anerkennen zu lassen. Diese Anerkennung von Arbeit als Leistung geschieht in unserem Gesellschaftssystem nun mal über Geld.“

Perfekte Analyse, und nun hätte ich mir daraus die Entwicklung der Utopie gewünscht. Wie sieht die gesellschaftliche Alternative aus? Vielleicht hat man Angst, ins Unreine zu denken, sich lächerlich zu machen mit unausgegorenen Konzepten. Warum diese Angst? - Da stoße ich auf einen Leserbrief:

„Eins ist mir aufgefallen: Ihr habt »nur« junge Leute in Eurer Redaktion. ... Noch keinen alten Hasen gefunden? Warum das so wichtig ist? Weil man mit den Jahren eine neue Sicht auf die Demokratie bekommt. Weil ich finde, dass die Sicht aller wichtig ist.“

Das mag ein wichtiger Punkt sein. Nötig wären nicht unbedingt Beiträge älterer Autoren, aber sicher könnte es hilfreich sein, wenn da im Hintergrund ein paar Leute wären, die mit ihrer Erfahrung zur Seite stehen, nicht klugscheißend, sondern vor allem mutmachend, die den jungen Leuten sagen: Ihr habt eine Botschaft, Ihr braucht euch nicht zu verstecken hinter all dem, was schon mal gesagt wurde.

Abschließend ein großes Lob an das Lektorat: das ganze Heft durchzieht eine saubere Sprache und Orthographie, ohne Gender-Kauderwelsch und unmotivierte Anglizismen. Das war sicher kein Zuckerschlecken bei der Vielzahl junger Autoren.

12:49 16.06.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Klaus Fürst

Es ist die unüberwindliche Irrationalität, die dem Menschen den Ausgang aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit versperrt.
Klaus Fürst

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