Psychogramm einer kranken Gesellschaft

Die Laubbläser Laubbläser liefern ein Psychogramm des modernen westlichen Menschen. Ist es doch ein Produkt, das gesellschaftliche Prozesse der letzten zwanzig Jahre widerspiegelt.
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http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/8/83/Leaf_blower_used_upwardly.jpg

»Eine Klage, die von aufgebrachten Bürgern beim Europäischen Gerichtshof eingereicht wurde, scheint nun endlich zum europaweiten Verbot der unsäglichen Lärm-Maschinen zu führen. In der Urteilsbegründung des Europäischen Gerichtshofes heißt es, dass „…Laubbläser und Laubsauger mit den durch die Genfer Konventionen geächteten sogenannten Schallwaffen gleichzusetzen sind. Sie müssen deswegen auf die gleiche Stufe wie Kriegswaffen gestellt werden und sind sofort aus dem Verkehr zu ziehen…“«

Das wusste kürzlich der Berliner Herold zu berichten. Und ein Kommentator schrieb dazu: »Recht so ... von deutschem Boden soll nie wieder ein Gebläse ausgehen.«

Soweit zur Satire.

Betrachtet man das Thema ohne den schwarzen Humor – unser ach so beliebtes Stilmittel äußerster Resignation – dann lässt sich daraus ein recht deutliches Psychogramm des modernen westlichen Menschen konstruieren. Ist es doch ein Produkt, das – besser noch als Auto, Computer oder Handy – gesellschaftliche Prozesse der letzten zwanzig Jahre widerspiegelt.

1. Haben statt Sein

Ich konsumiere, also bin ich. So denkt wohl mancher Bürger im Moment der Anschaffung eines Laubbläsers. » Ich bin, was ich habe und was ich konsumiere[i] Auf diese Formel brachte Erich Fromm den in den siebziger Jahren sich abzeichnenden Konsumismus. Eine Vorstellung davon, welche Auswüchse der in den folgenden Jahrzehnten erreichen würde, hatte er sicher nicht. Auch wäre er wohl nicht auf die Idee gekommen, dass ein gesunder Mensch eine Maschine anschafft, um das Laub in seinem Vorgarten zu beseitigen – eine Arbeit, die er mit dem Rechen in wenigen Minuten erledigen und sich dabei noch ausgleichende Bewegung an frischer Luft verschaffen könnte. Auch Fromms geschätzter Zeitgenosse Ivan Illich konnte sich das gewiss nicht vorstellen, aber er lieferte bereits das theoretische Rüstzeug für diese Entwicklung. Sehr eingehend betrachtete er den Wandel des Werkzeugs, das sich zunehmend verselbständigt, dem Menschen entfremdet, weil es seiner eigenen Logik folgt: »immer mehr nützliche Dinge für immer mehr unnütze Menschen zu schaffen[ii] Unnütz deshalb, weil das Werkzeug in stetig größerem Umfang dem Menschen die Aufgabe abnimmt, für sich selbst zu arbeiten und zu sorgen. »So folgte auf das dem Rhythmus des Menschen angepasste Werkzeug [Besen und Rechen] ein im Rhythmus des Werkzeugs [Laubbläser] agierender Mensch, und alle menschlichen Handlungsweisen wurden dadurch transformiert
Diese Vordenker waren Rufer in der Wüste, ihre Mahnungen verhallten so ungehört, wie auch die der heutigen Humanisten aller Voraussicht nach verhallen werden. So wie etwa die Frage von Niko Paech, »von welchen Energiesklaven, Konsum- und Komfortkrücken sich überbordende Lebensstile und schließlich die gesamte Gesellschaft befreien ließen?«[iii] Der Laubbläser gehört mit Sicherheit dazu, ebenso wie elektrische Dosenöffner oder gefärbte Frühstückseier. Aber: man hat sie, man will sie, und sei es nur, weil andere sie auch haben. Benjamin Barber spricht von einer »Infantilisierung« der Konsumenten, denn nur so lässt sich deren Bereitschaft deuten, sich immer weiter antreiben zu lassen, um künstliche Bedürfnisse zu befriedigen. Auf die von Barber beschriebenen totalitären Formen des Konsumismus hatte übrigens schon Pier Paolo Pasolini 1974 in seinen Freibeuterschriften hingewiesen:

»Der Zwang zum Konsum ist ein Zwang zum Gehorsam gegen­über einem unausgesprochenen Befehl. Jeder in Italien steht un­ter dem entwürdigenden Zwang, so zu sein, wie die andern: im Konsumieren, im Glücklichsein, im Freisein; denn das ist der Be­fehl, den er unbewusst empfangen hat und dem er gehorchen »muss«, will er sich nicht als Außenseiter fühlen.«[iv]

Der Frust, der mit diesem Konsumzwang erzeugt wird – dessen sich aber keiner so recht bewusst ist – führt zu einer weiteren Krankheit der Gesellschaft, deren Symptome immer deutlicher werden.

2. Ich statt Wir

Was man hat, das will man auch nutzen. Das ist die Grundeinstellung, die zu einem gigantischen Egoismus und zu absoluter Rücksichtslosigkeit gegenüber den Interessenvon Mitmenschen führt. Wie Schneidewind und Zahrnt deutlich machen, »schränkt die Ausübung des Konsums schnell die Freiheits- und Entfaltungsrechte anderer ein, die unter den Folgen des Konsums leiden müssen«[v]. In geradezu musterexemplarischer Weise verdeutlicht dies unser Laubbläser, dessen Besitzer sich nun gegen alles positioniert, was die Nutzung seines Neuerwerbs einschränkt. Als wären nicht die gesetzlich festgelegten Ruhezeiten schon Schikane genug, auch während der „freien“ Stunden regen sich die Leute auf, wenn das mit dem Sommerausklang rar gewordene Summen der Rasentrimmer durch das Brummen der Bläser ersetzt wird. Feinstaub wird aufgewirbelt – lächerlich; schon bei den Autos machen sie dieses Gewese um den blöden Feinstaub! Und natürlich werden die Igel aus den Gärten vertrieben. Wo habt ihr schon mal ´nen Igel gesehen? Ich hab das Ding gekauft, jetzt wird geblasen. Wem’s nicht passt, der kann sich ja beschweren.
Allen ist bewusst, dass die Laubbläser Mitmenschen belästigen und die Umwelt schädigen, so wie es ihnen auch bei Auto, Flugreise oder Fleischverzehr bewusst ist. Und doch ist niemand bereit, Rücksicht zu nehmen. Ich finde, Barber brachte es begrifflich auf den Punkt: Infantilismus! Harald Welzer meint, »Menschen können zwischen ihr Wissen und ihr Handeln Abgründe von der Dimension des Marianengrabens legen und haben nicht das geringste Problem damit, die eklatantesten Widersprüche mühelos zu integrieren und im Alltag zu leben.«[vi]

3. Heute statt Morgen

Eine besondere Form von Egoismus stellt sich in der Zukunftsvergessenheit dar, in der fehlenden Verantwortung für künftige Generationen. Laubbläser & Co. bedrohen auch deren Lebensgrundlage. Bei unseren Eltern und Großeltern gab es stets die Zuversicht, zumindest aber die Hoffnung: den Kindern soll es mal besser gehen. Und heute? - Harald Welzer weist auf eine Umfrage der Boston Consulting Group hin, wonach nur noch 13 Prozent aller befragten Eltern glauben, dass es ihren Kindern einmal besser gehen würde als ihnen selbst. Und er stellt die berechtigte Frage: »Wo nehmen die restlichen 87 Prozent die entspannte Haltung her, dagegen nichts zu tun?« Vielleicht liefert uns der bereits zitierte Erich Fromm die Antwort, wenn er feststellt, »dass der einzelne die sich am Horizont abzeichnende Katastrophe den Opfern vorzieht, die er jetzt bringen müsste.«
Wenn dem so ist, steht aber unweigerlich die Frage im Raum, inwieweit der Einzelne selbstbestimmt über sein Konsumverhalten entscheiden darf. Zuviel Stoff für diesen Beitrag, die Argumente für und gegen staatliche Regulierung abzuwägen. Jedoch verlangt das immer deutlicher werdende Auseinandertriften von Lebensstandard und Lebensqualität, dass sich die Gesellschaft mit dieser Frage auseinandersetzt und sie nicht den Ideologen überlässt. Einer der letzten großen Humanisten, Erhard Eppler, hat schon vor vierzig Jahren auf den drohenden Konflikt hingewiesen:

»Die Zigarette des einen ist doch der Kopfschmerz des anderen, das Auto des einen die Atemnot des anderen, der Motormäher des einen die Nervensäge des anderen. Schon weil dem so ist, können Lebens­standard und Lebensqualität nicht parallel laufen. Und sie tun dies umso weniger, je höher der Konsum ist.«[vii]

Nur wenn die Gesellschaft klar Position bezieht, wird auch der Einzelne vernunftbereit. Unsere Zeit offenbart ja ein geradezu tragisches Phänomen: der Mensch hält fest an seinem Wohlstandsprodukt, verteidigt es vehement gegen jeden Angriff. Doch wenn es nicht mehr verfügbar ist, vermisst er es kaum noch, ist unter Umständen sogar erleichtert durch dessen Verlust; jedoch immer unter der Voraussetzung, dass es jeden trifft. In Graz wurde in diesem Jahr der Einsatz von Laubbläsern verboten, und – siehe da, das Verbot traf auf Verständnis und Wohlwollen der Bürger. Weshalb? - weil nicht Einzelne verzichten mussten, sondern Alle.


[i] Erich Fromm „Haben oder Sein“ Stuttgart: DVA 1976

[ii] Ivan Illich „Selbstbegrenzung. Eine politische Kritik der Technik“ Hamburg: Rowohlt 1974

[iii] Nico Paech „Suffizienz und Subsistenz“ in: Hartmut Rosa u.a. „Zeitwohlstand“ München: oekom 2014

[iv] Pier Paolo Pasolini „Studie über die anthropologische Revolution in Italien“ (1974) in: „Freibeuterschriften“ Berlin: Wagenbach 1978

[v] Uwe Schneidewind, Angelika Zahrnt „Damit gutes Leben einfacher wird“ München: oekom 2013

[vi] Harald Welzer „Selbst denken“ Frankfurt: S. Fischer 2013

[vii] Erhard Eppler „Ende oder Wende. Von der Machbarkeit des Notwendigen“ München: dtv 1976

10:02 13.11.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Klaus Fürst

Es ist die unüberwindliche Irrationalität, die dem Menschen den Ausgang aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit versperrt.
Klaus Fürst

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