Übersetzungsfehler durch Gender-Dolmetsch

Dolmetscher gendern Bei Joe Bidens Antrittsrede verwendete der deutsche Dolmetscher gendergerechte Formulierungen, die nicht dem Originaltext entsprechen.
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Als ich mir gestern die Einführungsrede von Joe Biden auf ntv anhörte und der Dolmetscher sagte „Liebe Amerikanerinnen und Amerikaner“ – da fragte ich mich, wie hat Biden denn das ausgedrückt, denn im Englischen gibt es ja diese geschlechtsdifferenzierte Anrede nicht.

Daraufhin habe ich mir die Rede bei ARD mit Simultandolmetscher Jürgen Stähle nochmals angehört. Da war es noch auffälliger.

my fellow Americans (meine amerikanischen Mitbürger / Landsleute) wird übersetzt mit liebe Amerikanerinnen und Amerikaner (im Video bei 00:20 und 14:47) oder mit liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger (bei 09:08, 12:59 und 16:42)

my friends übersetzt er mit liebe Freundinnen und Freunde (bei 01:08)

An einer Stelle korrigiert sich der Dolmetscher gar, weil er das Gendern vergessen hatte: Kamala Harris als Vizepräsidenten …präsidentin (bei 10:00)

Bei 11:30 sagt Biden: I will be a president for all Americans. All Americans. Stähle übersetzt das so: Ich werde Präsident sein aller Amerikanerinnen und aller Amerikaner. Bidens Intention, die er durch die betonte Wiederholung (Alle Amerikaner) ausdrückt, wird hier dem Gendersprech geopfert.

Zum Vergleich findet sich bei Washington Post ein Transkript der Rede.

Ich frage mich nun: Ist es vordere Aufgabe eines Dolmetschers, sprachliche Korrektheit zu wahren oder dem Zuhörer Inhalt und Geist des Quelltextes zu vermitteln?

Gewiss, wegen der Besonderheit der englischen Sprache, in der die Substantive keine geschlechtsabhängigen Formen haben, obliegt es dem Dolmetscher, die im Deutschen gebräuchlichste Formulierung zu finden. Das wäre jedoch nicht die gegenderte Form, denn die wird von der großen Mehrheit der Menschen nicht verwendet, ja sogar abgelehnt.

Noch eine Frage stellt sich: Was ist, wenn die gedolmetschte Person gendergerechte Sprache ablehnt und sie deshalb bewusst vermeidet? Darf der Dolmetscher dann trotzdem in die seiner Meinung nach korrekte, also gendergerechte Form übersetzen? Ich wäre dankbar, wenn mir dafür jemand ein Beispiel benennen könnte.

Klare Richtlinien scheint es nicht zu geben, wie ein Chat auf Xing zeigt. Der ist zwar schon von 2013, aber etwas Aktuelleres konnte ich nicht finden. Die dort geäußerten Auffassungen sind sehr interessant. Einer davon möchte ich mich anschließen:

Beim Simultandolmetschen beispielsweise würde eine solche systematische "Gehirngymnastik" Kapazitäten binden, die man für die tatsächlichen Inhalte braucht. Es ist aus meiner Sicht vom Sprachsystem her unmöglich, die Doppelform systematisch anzuwenden und gleichzeitig korrektes Deutsch zu sprechen.

17:06 21.01.2021
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Geschrieben von

Klaus Fürst

Es ist die unüberwindliche Irrationalität, die dem Menschen den Ausgang aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit versperrt.
Klaus Fürst

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