Wer erzählt Wem die Visionen?

Gesellschaftsdebatte In der öffentlichen Debatte tun sich Wissenschaftler schwer, Konzepte einer lebenswerten Zukunft zu vermitteln. Liegt das an den Zuhörern oder an den Erzählern?
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Auf Blog Postwachstum erschien ein Beitrag von Astrid Glaesel unter dem Titel „Visionen erzählen und Utopien leben“[i]. Dabei geht sie besonders auf die fehlenden Visionen bei der politischen Linken ein und stellt fest: „Es gibt sie, die Visionen. Sie müssen nur erzählt, diskutiert und vor allem gelebt werden.“ Der Beitrag strahlt Begeisterung aus, Engagement für eine Debatte, der sich unsere Gesellschaft stellen muss. Allerdings wird eine konkrete Frage nicht gestellt: Wer erzählt die Visionen, und wem werden sie wie erzählt?

Wenn wir von Visionen reden, so sind damit nicht die gemeint, von denen Helmut Schmidt sagte, wer sie hat, müsse zum Arzt gehen. Wer Visionen erzählen will, muss sicher sein können, dass es sich nicht um Hirngespinste handelt, sondern um wissenschaftlich untersetzte Bilder einer möglichen künftigen Situation. Und hier beginnt schon das Problem: sobald eine Vision den Anspruch von Wissenschaftlichkeit erheben kann, verschlechtern sich die Chancen, sie zu erzählen. Je wissenschaftlicher und damit abstrakter die Narrative werden, desto kleiner und elitärer wird der Kreis, in dem sie Aufnahme finden. Der Rest des Volkes kann oder will nicht erreicht werden.

Wenn ein Buch über „Das geheime Leben der Bäume“ mehr Käufer findet als alle gesellschaftskritischen Titel zusammen genommen, dann ist etwas faul – entweder mit der Leserschaft oder mit der Gesellschaftskritik oder mit beidem. Die Menschen sind ja durchaus sensibilisiert für die Probleme: Klimawandel, Umweltverschmutzung, Digitalisierung, Not und Elend auf dieser Welt. Da aber niemand eine praktikable Alternative anbietet, bleibt ihnen nichts als zu resignieren, und die spaßigste Form der Resignation ist nun mal der Tanz auf dem Vulkan.

Aber es gibt sie doch, die Alternativen! Ja, gewiss, nur wer erklärt sie dem Volk? Die in der akademischen Debatte behandelten Fragen betreffen ausnahmslos alle Mitglieder der Gesellschaft. Wenn nun die Mehrheit oder auch nur ein signifikanter Teil der Menschen von dieser Debatte nicht erreicht wird, weil sie zu wissenschaftlich geprägt ist, kann sie ihr Ziel nicht erreichen. Astrid Gläsel bezieht sich in ihrem Beitrag auf einen Artikel von Frank Adloff (erschienen auf "der Freitag" [ii]) und empfiehlt ihn als lesenswert. Doch gerade dieser Text spiegelt das Problem in allen Facetten. Adloff fordert einen neuen Konvivialismus und verweist auf „Das konvivialistische Manifest“.[iii] Ich muss gestehen, ich hatte von diesem Manifest bisher nichts gehört, obwohl ich mich permanent mit solchen Themen befasse. Wie soll es dann Menschen erreichen, die ich PMI nenne (Politisch Mäßig Interessierte)? Und selbst wenn es sie erreicht hätte - mon dieux! Schon der Name: Konvivialistisch! Kommentator kürsche schreibt an dieser Stelle sehr treffend: „Für Soziologen ist es opportun, fachspezifische Begriffe zu kreieren und sie exakt so zu verwenden wie es der Laie nicht tut. Das dient der Qualität des ernsten Miteinanders in der Wissenschaft.“ Wäre Ivan Illichs „Tools for Conviviality“ in Deutschland unter dem Titel „Werkzeuge für Konvivialität“ erschienen, kein Mensch hätte es gekauft. Wohlwissend brachte Rowohlt das Buch unter dem Titel „Selbstbegrenzung“ heraus. Ein Manifest sollte doch alle Menschen ansprechen wollen, auch die PMI. Aber dafür ist es ganz einfach zu lang, und es ist nicht volksnah verfasst. Hier beispielsweise der Versuch, Konvivialismus zu definieren:

Konvivialismus ist der Name, der allem gegeben wurde, was in den bestehenden weltlichen oder religiösen Lehren zur Suche nach Prinzipien beiträgt, die es den Menschen ermöglichen, sowohl zu rivalisieren wie zu kooperieren, und zwar im vollen Bewusstsein der Endlichkeit der natürlichen Ressourcen und in der geteilten Sorge um den Schutz der Welt. ... Er ist die Bewegung ihrer gegenseitigen Befragung, die auf dem Gefühl der extremen Dringlichkeit angesichts der möglichen Katastrophe beruht. Er will das Wertvollste jeder der überkommenen Lehren bewahren. Was ist das Wertvollste? Und wie definieren und erfassen wir es? Auf diese Frage kann – und darf – es keine eindeutige Antwort geben. Darüber muss jeder Einzelne befinden.

Soso, auf den Kern der Definition „kann – und darf – es keine eindeutige Antwort geben“. Genau das ist es aber, was wir in der Öffentlichkeitsarbeit brauchen. Die Menschen wollen nämlich Antworten und am liebsten einfache Antworten. Das klingt nach Populismus, ist es aber nicht. Populistisch werden einfache Antworten nur, wenn sie unwahr sind. Wenn die Antworten aber den Anspruch erheben, von den Menschen verstanden zu werden, dann sind sie legitim. Und an dieser Stelle möchte ich versöhnlich werden, denn ich weiß, das ist eine schwere Gratwanderung. Sebastian Herrmann schreibt in einem Kommentar sehr treffend:

Die Forschung findet keine Sprache, um in den hitzigen Auseinandersetzungen von heute gehört zu werden … Dazu müssten sie popularisieren, vereinfachen, emotionalisieren - und das geht nur auf Kosten wissenschaftlicher Präzision. Wer die Öffentlichkeit inspirieren will, muss Unschärfe aushalten. Das aber beißt sich mit den Prinzipien der Wissenschaft …: Suche die Wahrheit. Die ist dummerweise so irre komplex, dass sie in Debatten sofort absäuft.“[iv]

Damit bleibt das Feld der öffentlichen Debatte im Wesentlichen den Politikern überlassen, unter denen dann Populisten und Demagogen leichtes Spiel im Kampf um den PMI haben. Sie bringen nämlich die einfachen Erklärungen, die leicht zu schlucken sind; sie setzen auf Dummheit, und die ist, wie Robert Musil sagt, »allseitig beweglich und kann alle Kleider der Wahrheit anziehen. Die Wahrheit dagegen hat jeweils nur ein Kleid und einen Weg und ist immer im Nachteil[v]

Was ist der Ausweg? Jürgen Habermas versuchte es mit einer „Rollentrennung“ zwischen dem Wissenschaftler und dem sich einmischenden Intellektuellen.[vi] Rückblickend verschweigt er nicht, dass er vom Erfolg dieser Bemühungen eher enttäuscht ist, weil „die politische Philosophie bestenfalls eine Ressource für folgenlose Sonntagsreden ist.“ Auch ich denke, das wird nicht funktionieren. Da fehlt ein Gang im Aufklärungsgetriebe, welcher die Erkenntnisse der Wissenschaft in die Sprache des Volkes übersetzt. Aufklärung erfüllt sich nur dann, wenn sie in Politik ihren Niederschlag findet. Auch die großen Denker der Aufklärung haben die Breite des Volkes nicht erreicht, aber sie haben Einfluss auf die Herrscherhäuser gesucht und in Gestalt der aufgeklärten Herrscher mehr oder weniger Verwirklichung erfahren. Heute ist das Volk der Souverän. Diesen Herrscher zu erreichen, stellt sich ungleich schwieriger dar. Eine Sprache zu finden, die bei allen Interesse weckt – von Verstehen ganz zu schweigen – ist eine hohe Kunst.

Eine zweite Sache erschwert den Wissenschaftlern die Kommunikation: Eingebettet in ihre Ideenwelt können sie sich oft gar nicht vorstellen, dass andere Menschen diesen Ideen nicht die gleiche Bedeutung beimessen. Man spricht vom „Falschen-Konsens-Effekt“. „Wir glauben, die anderen würden ebenso denken und empfinden wie wir“, sagt Rolf Dobelli. „Sie werden vermutlich glauben, die Mehrheit der Bevölkerung teile Ihre Ansicht.[vii] Das führt dazu, dass die Machbarkeit von Visionen völlig falsch bewertet wird. Im „Konvivialistischen Manifest“ heißt es:

Das Ziel der Konvivialistinnen und Konvivialisten ist eine demokratisch-egalitäre Gesellschaft jenseits der Wachstumslogik. … Eine reale Utopie zivilgesellschaftlicher Selbstorganisation und Kooperation für die Postwachstumsgesellschaft.“

Das soll eine reale Utopie sein? Nun gut – wie Marcuse sagte, sind Utopien nur das, „was durch die Macht der etablierten Gesellschaften daran gehindert wird, zustande zu kommen.“[viii] Aber ist diese Utopie nicht so weit weg, dass es schier unmöglich scheint, den Menschen in überzeugender Weise davon zu erzählen? Ist es nicht purer Zweckoptimismus, wenn Frank Adloff in seinem Beitrag schreibt:

„Praktisch wird Konvivialität ohnehin in einer Vielzahl von sozialen Konstellationen gelebt: im familiären und freundschaftlichen Rahmen, in dem im Allgemeinen die Logik des Teilens und nicht die des individuellen Profits zählt. Dann in hunderttausenden von assoziativen Projekten der Zivilgesellschaft weltweit, im freiwilligen Engagement, im Dritten Sektor, in der solidarischen Ökonomie, in Kooperativen und Genossenschaften, im moralischen Konsum, in NGOs, in peer to peer-Netzwerken, Wikipedia, sozialen Bewegungen, Fair Trade, der Commons-Bewegung und vielem mehr.“

Diese lange Aufzählung kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich bei den meisten Punkten um Projekte handelt, in die nur ein marginaler Teil der Bevölkerung eingebunden ist. Natürlich sind das ganz wichtige Elemente des Vor-Lebens von Zukunft. Aber es sind nur Anfänge. R.D. Precht schreibt: „Mehr als dreißig Jahre hat es gedauert, bis vom Beginn der Umweltbewegung über die Gründung der Grünen die Begriffe »Bio« und »Öko« ihren Weg aus verlotterten Kommunen in den allgemeinen Vorgarten des deutschen Volksbewusstseins fanden.[ix] Werden wir noch einmal so viel Zeit haben, um die heute anstehenden Probleme zu lösen? Die Gesellschaft als Ganzes ist weit davon entfernt, sich ernsthaft damit auseinander zu setzen. Aber vielleicht wartet sie ja nur darauf, von den Visionen erzählt zu bekommen.

Und hier ist meine Vision: Wir brauchen eine Denkfabrik, die sich ausschließlich damit beschäftigt, wirksame Formen der Öffentlichkeitsarbeit zu entwickeln. Das ist von der Sache her nichts Neues, die Wirtschaft bedient sich solcher think tanks seit langem. Auch die Parteien haben dafür ihre Ratgeber. Die Wissenschaft hat sie nicht, einerseits, weil die Notwendigkeit nicht ausreichend wahrgenommen wird, zum anderen, weil hierfür keine finanziellen Mittel bereitstehen. Letzteres Problem wäre zu lösen, indem die Unterstützung durch gemeinnützige Stiftungen eingeworben wird. Das setzt aber voraus, dass sich Wissenschaftler daran interessiert zeigen und Mitwirkung signalisieren.

Doch wer erzählt ihnen die Visionen?

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zuerst veröffentlicht auf ZukunftsAspekte

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[i] Astrid Gläsel „Visionen erzählen und Utopien leben“ Blog Postwachstum 13.04.2018

[ii] Frank Adloff „Anders zusammenleben!“ Der Freitag 12.02.2018

[iii] „Das konvivialistische Manifest“ Bielefeld: Transcript 2014 kostenfreier Download

[iv] Sebastian Herrmann „Die Wahrheit säuft in unserer Diskussionkultur ab“ Süddeutsche Zeitung 03.03.2018

[v] Robert Musil „Über die Dummheit“

[vi] Jürgen Habermas „Im Sog der Technokratie“ Berlin: Suhrkamp 2013

[vii] Rolf Dobelli „Die Kunst des klugen Handelns“ München: dtv 2014

[viii] Herbert Marcuse“ Versuch über die Befreiung“ (1969) Frankfurt: Suhrkamp 2008

[ix] Richard David Precht „Jäger, Hirten, Kritiker“ München: Goldmann 2018

18:06 13.06.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Klaus Fürst

Es ist die unüberwindliche Irrationalität, die dem Menschen den Ausgang aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit versperrt.
Klaus Fürst

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