DNC - Wie man visuell aus vielen Eines macht

USA Virtueller Parteitag der US-Demokraten 2020
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Gleich nach den Eröffnungsreden des dritten Tages wieder so ein Bild: Die Umrisse einzelner US-Staaten, gefüllt mit zahllosen Videokonferenz-Portraits einzelner Mitglieder und Unterstützer fliegen vor blauem Hintergrund wie Puzzleteile zu einem Ganzen zusammen. Schließlich ergibt sich der Umriss der Vereinigten Staaten.

Schon am ersten Tag hatte es eine ähnliche, vielleicht noch eindringlichere Metapher auf das ur-amerikanische Motto „E pluribus unum“/ „Aus Vielen Eines“ gegeben: Ein Chor aus Menschen aller Altersgruppen und Hautfarben singt „The star-spangled banner“, zuerst in Nahsicht auf einzelne Sänger, dann gruppiert als bildschirmfüllendes Portraitmosaik, die Sänger in blauen, weißen und roten T-Shirts. Und während die Portraits in den Bildkacheln mit den Namen der US-Staaten versehen werden, transformieren sie sich in die 50 Sterne der US-Flagge. Es ist spürbar wie dringlich die Macher die Frage beschäftigt hat, wie um alles in der Welt die Energie einer echten, körperlichen Versammlung in den virtuellen Raum zu übertragen sei.

Wenn sich auf einem Rockkonzert, während einer Demonstration oder eben auf einem gigantisch inszenierten Parteitag eine gemeinschaftliche Euphorie, ein emotionaler Gleichklang einstellt, dann nennt der Ethnologe Émile Durkheim das „kollektives Sprudeln“/ „effervescence collective“. Diese hält er für den wichtigsten Effekt, der bei großen Versammlungen eine Art von Gemeinschaftsbewusstsein und Zusammenhalt erzeuge. Und genau diese vorzugsweise als positive, die Massen aktivierende Affektregie ist es, die mit den großen Parteitagen zu Beginn der heißen Wahlkampfphase in den USA angestrebt wird – noch einmal die Anhänger aufpeitschen, ihre Gefühle hochkochen lassen, die Verbundenheit mit den anderen Parteimitgliedern spüren, bevor die arbeitsintensivste Zeit der Wahlkampfarbeit beginnt.

Man mag sich kaum vorstellen, welche Herausforderung es gewesen sein muss, die mit vormals an die 50.000 Besuchern, mehreren Tausend Delegierten der Staaten und ca. 15.000 freiwilligen Helfern geplante Großveranstaltung in ein virtuelles Event umzugestalten. Und welche Logistik und mediale Findigkeit es erfordert, ein solches Format in eine virtuelle Zusammenkunft im TV-Format umzumodeln. Im Angesicht der aktuellen Pandemie-Lage in den USA war es ein kluger Schachzug, schon Mitte Mai mit den Recherchen für eine Alternative zur Großveranstaltung in einer Halle zu beginnen. Das nun an den vier Veranstaltungstagen ausgestrahlte, auf je ca. zweieinhalbstündige Sendungen gekürzte Format ist in jeder Hinsicht ein interessantes Studienobjekt für die Frage, wie sich in Zeiten der Digitalisierung Gemeinschaftssinn generieren lässt – ob mit Erfolg, wird sich dann am 3. November zeigen.

Interessant ist z.B., wie der Zuschauer hier vom Beobachter auch gleichzeitig zum potentiellen Teilnehmer medial vermittelter Kommunikation wird. Zwar kennen wir die Situation von zugeschalteten Gesprächspartnern auf der TV-Bildbühne, die auf ein Porträt auf dem Studiomonitor reduziert sind, schon z.B. aus Live-Schalten in den Nachrichten. Dabei war jedoch immer klar, dass der Zuschauer als Empfänger der Informationen eine passive Rolle einnimmt. Viel stärker ins Gewicht fallen nun unsere interaktiven Videokonferenz-Erfahrungen der letzten Monate und die starke emotionale Beteiligung, die wir neuerdings mit diesem Medium verbinden: beim Wiedersehen der Großeltern während des Lockdowns, beim Frust über virtuelle Seminare und Klassenräume oder beim Versuch Nähe in einer Fernbeziehung aufzubauen. Diese mit der visuellen Formel der Portraitkacheln verbundenen Erfahrungen, die von dem Bedürfnis getragen waren, ein virtuelles Beziehungssubstitut für die verlustig gegangenen Sozialkontakte aufzubauen, diese Erfahrungen sorgen nun dafür, dass wir uns angesichts des Partykellers der Bidens wie zuhause fühlen. Die Tatsache, dass sich uns nun politische Größen ebenso über dieses Format zeigen wie die Krankenschwester, die Lehrerin, der Klimaaktivist, gleichzeitig die theoretische Möglichkeit sich wie die gezeigten „einfachen“ Bürger ebenso in das Gespräch einschalten zu können – diese Kombination sorgt für Verbundenheit und genau das demokratische Grundgefühl, das hier dafür sorgen könnte, dass das Format im Sinne der Demokraten funktioniert.

Ein weiterer Punkt betrifft den Aspekt der Authentizität. Wenn man bedenkt, dass die Menschen die hier zu Wort kommen, seien es hartgesottene Republikaner, kämpferische Aktivistinnen oder betroffene Mütter allesamt als Zeugen für die Glaubhaftigkeit, Integrität und Führungsstärke Joe Bidens gehört werden, wird deutlich, dass gerade die kleinen Unperfektheiten für die nötige Authentizität sorgen. Die langweilige weiße Schrankwand, die ungünstigen Lichtreflexionen in der Brille oder die welke Zimmerpflanze im Hintergrund sprechen deutlicher für das integrative Programm der Demokraten als das fast zu aufdringlich inszenierte Portfolio verschiedener Ethnien und Hautfarben, sie verbinden stärker als die Sequenzen von Umarmungen, Demonstrationen und Gratulationen als körperliche Nähe aus der Konserve.

Wie also macht man das, visuelle Formeln zu finden, die aus vielen vereinzelten Bürgern eine Einheit machen? Diese Frage hatte sich im Jahr 1651 bereits Thomas Hobbes gestellt, als er seine staatsphilosophische Schrift über „Stoff, Form und Gewalt eines kirchlichen und staatlichen Gemeinwesens“ mit einem treffenden Bild auf dem Titel versah: Über der Landschaft erhebt sich eine gigantische Herrscherfigur mit gekröntem Haupt, deren Körper aus zahllosen kleinen, ihm zugewandten Untertanen besteht. Die Grundidee, dass der Staat ein Körper aus zahllosen Gliedern sei, war schon sehr viel älter und letztlich einer Idee der Kirche. So hatte Paulus bereits im Korintherbrief (Kor 12,12-30) die Einheit der getauften Christen mit dem Bild der Kirche als Körper Christi heraufbeschworen, in dem jedes Körperglied seine Aufgabe erfülle, um einträchtig für einander zu sorgen. Gar nicht so weit weg also, von Staatsgebilden und Flaggen aus Zoom-Portraits einträchtiger Wählerschaften!

Der Parteitag der Demokraten 2020 wird in jedem Fall ein bleibendes Lehrstück sein für die wichtige Debatte darüber, wie sich in Zukunft über die digitalen Bildmedien Gemeinschaftssinn erzeugen und demokratische Politik gestalten lässt.

09:59 21.08.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

K.L. Bierbaum

K. L. Bierbaum ist Kunsthistorikerin an der Universität zu Köln und erforscht die Rolle von Bildern und Artefakten in der sozialen Interaktion.
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