Kohle in Europa vor dem Aus

Energie Überraschend geben Europas Stromkonzerne den Einstieg in den Kohleausstieg bekannt. Nur Polen und Griechenland sträuben sich

Eurelectric, der Verband der europäischen Stromerzeuger, will "ab 2020 nicht mehr in den Neubau von Kohlekraftwerken investieren". De facto bedeutet dies, dass nach 2020 kein neues Kohlekraftwerk mehr ans Netz geht – mit zwei Ausnahmen: Die Eurelectric-Mitglieder aus Polen und Griechenland haben sich diese Selbstverpflichtung nicht zu eigen gemacht. Eurelectric vertritt 3.500 Stromkonzerne aus ganz Europa.

Abgesehen von Polen und Griechenland sind in der EU laut der US-Umweltorganisation Coalswarm derzeit sechs Kohlekraftwerke im Bau: eines in Deutschland (das Kraftwerk Datteln 4 der Eon-Tochter Uniper), vier in Tschechien und eines in Bulgarien. Drei weitere sind in Planung – eins in Schottland und zwei in Deutschland.

Bei letzteren handelt es sich um das Braunkohlekraftwerk Niederaußem des Stromkonzerns RWE im rheinischen Bergheim, BoA plus genannt, und um ein Kraftwerk des US-Chemiekonzerns Dow in Stade an der Unterelbe. Das Kraftwerk in Schottland wird vom US-Energiekonzern Summit Power entwickelt und soll zur Demonstration der umstrittenen CCS-Technologie dienen (von englisch carbon capture and storage). Dabei wird das CO2 aufgefangen und anschließend unter der Erde gespeichert, zum Beispiel in ehemaligen Erdgaslagerstätten.

Da diese drei geplanten Kraftwerke kaum vor dem Jahr 2020 am Netz sein dürften, sind sie direkt von der Eurelectric-Ankündigung betroffen. Klimaretter.info hat die drei betroffenen Firmen gefragt, ob sich wegen der Eurelectric-Ankündigung ihre Planung ändert. Bis Redaktionsschluss lagen aber noch keine Antworten vor.

Gegen den weltweiten Trend

Nicht betroffen von der Eurelectric-Ankündigung sind derweil zehn Kraftwerke in Polen – davon fünf im Bau – und zwei in Griechenland, von denen eines schon im Bau ist. Ebenso wenig betroffen sind 20 Kraftwerke in den Nicht-EU-Ländern des Balkans. Montenegro will ein, Serbien acht und Bosnien sogar elf Kohlekraftwerke errichten. Von letzteren sind vier bereits im Bau.

In der Ukraine sind derweil vier Kraftwerke in Planung. Geradezu absurd wird es dann in der Türkei: Dort verzeichnet Coalswarm 80 Kraftwerke in der Planungs- oder Bauphase.

Damit stehen diese Länder gegen einen globalen Trend: Letztes Jahr wurde weltweit mit dem Bau von Kohlekraftwerken mit einer Kapazität von 65.000 Megawatt begonnen. Das sind zwei Drittel weniger als noch im Jahr 2015. Gleichzeitig gingen Kraftwerke mit einer Kapazität von 64.000 Megawatt vom Netz, wie eine Studie von Coalswarm zeigt.

Indien geht mittlerweile davon aus, keine zusätzlichen Kraftwerke mehr zu benötigen. In China wird die Arbeit an halbfertigen Blöcken gestoppt. In den USA kann selbst US-Präsident Donald Trump den Niedergang der Kohle nicht stoppen: Die Nachrichtenagentur Reuters hat 32 Stromkonzerne gefragt, ob sich durch Trumps kohlefreundliche Politik etwas an ihren Investitionsplänen geändert hat. Diese Frage hat nur ein einziger Konzern bejaht: Man prüfe, ob man einige alte Meiler länger laufen lasse. Von Neubau war nicht die Rede.

Derzeit ist in den USA ein einziges neues Kraftwerk im Bau und zwei weitere sind in Planung. Dafür stehen viele Kraftwerke vor der Abschaltung: Mehr als die Hälfte aller US-Kraftwerke wurde vor dem Jahr 1980 errichtet und einige stammen sogar aus den 1940er Jahren.

Mit dem Verzicht auf den Neubau von Kohlekraftwerken ab 2020 hat Eurelectric den Einstieg in den Kohleausstieg bekannt gegeben. Wann dieser abgeschlossen sein wird, ist aber unklar. Eurelectric gibt allerdings einen Hinweis, wann das letzte Kohlekraftwerk vom Netz gehen wird: "Unsere Mitglieder setzen sich für eine CO2-neutrale Stromversorgung im Jahr 2050 ein."

Fürs Klima käme das aber leider zu spät. Das Forschungsinstitut Climate Analytics aus Berlin hat ausgerechnet, was das Pariser Klimaabkommen für die Kohleverstromung in der EU bedeutet: Von den 315 Kraftwerken müssen ein Viertel bis 2020, weitere zwei Viertel bis 2025 und das letzte Viertel bis 2030 vom Netz gehen. Das gilt auch für die Kraftwerke in Polen und Griechenland.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf klimaretter.info

14:48 07.04.2017
Geschrieben von

Christian Mihatsch | klimaretter.info

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