Landwirte legen Klimaschutz lahm

Klima-Serie Die Landwirtschaft ist der drittgrößte Verursacher klimaschädlicher Emissionen in Deutschland. Es gibt also Handlungsbedarf – und eine starke Lobby, die etwas dagegen hat

In der deutschen Landwirtschaft kommt der Klimaschutz nicht voran. In der vergangenen Legislaturperiode setzte sie durch Legebatterien, überdüngte Felder und Massentierhaltung so viele klimaschädliche Emissionen wie schon im Jahr 2000 frei. Tendenz weiter steigend. Die Landwirtschaft ist nach Energie und Verkehr der drittgrößte Verursacher von klimaschädlichen Emissionen in Deutschland.

Das CSU-geführte Landwirtschaftsministerium hat bis heute wegen interner Streitigkeiten kein Einsparziel vorgelegt. 2018 soll der Klimaschutzplan 2050 mit konkreten Maßnahmen unterlegt werden“, schreibt Ministeriumssprecher Michael Hauck.

„Das Landwirtschaftsministerium verharrt in seiner alten Politik. Es tut kaum etwas, um das Klima zu schützen“, sagt Martin Hofstetter, Agrar-Experte von Greenpeace. Das Ministerium weigert sich sogar, konkrete Zahlen zu den klimaschädlichen Emissionen seit 2013 herauszugeben. Stattdessen verweist es auf das bundeseigene Thünen-Institut in Braunschweig. Die Agrarforscher wiederum verweisen auf 1500 Tabellen ihres Thünenberichts, der zwar jede einzelne Kuh in Deutschland auflistet, nicht aber die Gesamtzahl der klimaschädlichen Gase zeigt. Man könne nicht landwirtschaftliche Emissionen wie Ammoniak oder CO2 zusammenzählen, dies sei wie Äpfel und Birnen zu vergleichen, sagt Hans-Dieter Haenel, Wissenschaftler am Thünen-Institut.

Geringerer Fleischkonsum bedeutet Klimaschutz

Fest steht: Der größte Anteil der Emissionen entweicht, wenn Bauern mit Mist oder stickstoffhaltigen Lösungen düngen oder Feuchtgebiete umbaggern. Nutztiere lassen ebenfalls knapp ein Drittel der klimaschädlichen Gase bei der Verdauung in die Luft - und sie alleine fressen mit 60 Prozent den Großteil der deutschen Ernte. Klimaschutz würde also bedeuten, dass alle Deutschen weniger Fleisch essen und Landwirte weniger oder besser gar keine künstlichen Düngemittel mehr verwenden und die Moore in Ruhe lassen. In den Statistiken der vergangenen Jahre lässt sich hingegen ablesen, dass nichts davon passiert ist.

Bislang gilt: Das meiste Geld bekommt, wer mit großen Maschinen viel Benzin verfährt und riesige Monokulturen bewirtschaftet. Das liegt zum einen daran, dass EU-Subventionen pro Hektar vergeben werden. Zum anderen zahlen Landwirte in Deutschland weniger Geld für Diesel und sind zudem von der KfZ-Steuer befreit. Der Verzicht auf die Steuer kostet den Bund 500 Millionen Euro.

Zudem kann sich die Landwirtschaft auf eine starke Lobby verlassen. Eine ganze Reihe von Politikern sind außerdem selbst Landwirte. Zwar hat der wissenschaftliche Beirat des Agrarministeriums wiederholt festgestellt, dass der Handlungsbedarf erheblich ist – aber Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) folgt weiterhin den Wünschen der Bauernverbände.

Lobbyisten der Landwirtschaft

Franz-Josef Holzenkamp - Der Strippenzieher

Holzenkamp vereint einige landwirtschaftliche Schlüsselpositionen auf sich: Er ist Schweinebauer in Vechta-Cloppenburg, der Region mit den meisten Schweineställen Deutschlands. Ein Freund von biologischer Landwirtschaft ist der 57-jährige nicht: Die Tierschutzorganisation PETA hatte in seinen Schweineställen „erschreckende Zustände“ gefilmt – Holzenkamp räumte daraufhin gegenüber dem Spiegel „Probleme“ ein.

Seit Ende Juni ist er auch noch Aufsichtsratschef des Raiffeisenverbandes – ein Mega-Verband der Bauern, der mit Düngemitteln und Viehfutter rund sechs Milliarden Euro Umsatz macht. Nebenbei sitzt er für die CDU im Bundestag und ist dort Mitglied im Agrarausschuss. Im Parlament hat er sich beispielsweise dafür stark gemacht, das stark umstrittene und vermutlich krebsfördernde Pflanzengift Glyphosat weiter zu erlauben. Die Kollegen folgten ihm. Das Verbot eines seit Jahrzehnten bewährten Mittels sei „nicht verhältnismäßig”.

Johannes Röring- Der Top-Verdiener

Der Landwirt aus dem Münsterland ist laut der Transparenzplattform Abgeordnetenwatch einer der bestverdienendsten Abgeordneten im Bundestag: Mindestens zwei Millionen Euro verdient der Christdemokrat jährlich mit „anzeigepflichtigen Tätigkeiten“, wie es auf seiner Homepage heißt. Zudem ist er in zwölf landwirtschaftlichen Unternehmen in Aufsichts- oder Beiräten, etwa beim Bauernverlag oder dem Wurst-Prüfzeichen „QS Qualität und Sicherheit“, das nach Meinung vieler Kritiker viel zu lasch kontrolliert. Röring ist im Verbandsrat des Deutschen Bauernverbandes, mit 200 000 Mitgliedern die wichtigste Interessengruppe von Landwirten. In der Zeitschrift „topagrar“ schimpfte er gegen Auflagen für Agrardiesel.

Astrid Grotelüschen - Die Puten-Königin

Auf ihrer Homepage zeigt sich die CDU-Politikerin mit ihrer Familie beim Würstchengrillen: Die 53-Jährige kommt aus einer niedersächsischen Bauernfamilie. Ihrem Mann gehört der zweitgrößte deutsche Mastputenbetrieb Ahlhorn - sie wurde 2010 trotzdem zur niedersächsischen Landwirtschaftsministerin ernannt. Nach Vorwürfen, Puten würden in geschäftlich verbundenen Mastanlagen gequält und Mitarbeiter zu Dumpinglöhnen beschäftigt, trat sie von ihrem Ministeramt zurück. Im Bundestag kämpft sie weiter für konventionelle Land- und Viehwirtschaft.

Diese haben zum Beispiel Kampagnen gegen zu hohen Fleischkonsum verhindert. Deutsche essen 60 Kilogramm Fleisch pro Jahr, das entspricht einem großen Schnitzel oder vier Wurstbroten täglich und ist doppelt so viel, wie die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt. Es ist nicht das Ziel der Bundesregierung, den Verbraucherinnen und Verbrauchern vorzuschreiben, was sie essen sollen. Dies muss jeder für sich selbst entscheiden,“ so Ministeriumssprecher Hauck. Weniger Fleisch würde nicht nur den CO2-Verbrauch enorm senken, sondern auch Platz auf den Feldern schaffen, das zurzeit für Viehfutter benötigt wird. Bislang wird beispielsweise viel zu wenig Obst angebaut. Das Problem: Der Export von Fleisch und Milch ist lukrativer.

Auch der Versuch, mit der Düngemittelverordnung strengere Vorgaben für chemische Dünger durchzusetzen, ist gescheitert. Die Bundesregierung will die Landwirte nicht zu ökologischen Alternativen zwingen, sondern nur dazu anregen, „Dünger besser und effizienter“ zu nutzen. Sanktionen drohen kaum. „Diese Verordnung wird nicht ausreichen, um die Ziele zu erreichen“, sagt daher das Umweltbundesamt.

Auch der Biolandbau kommt nicht voran: Nur rund sieben Prozent der deutschen Flächen werden ökologisch bewirtschaftet – das Ziel der Bundesregierung sind zwanzig Prozent. Klima-Experten sind sich einig: Wenn es kein Umdenken in der Agrarpolitik gibt, könnte die Landwirtschaft zu einer großen Bedrohung des Klimas in Deutschland werden.

Annika Joeres ist Reporterin bei CORRECTIV.

Diese Veröffentlichung ist Teil einer Serie zur verfehlten Klimaschutzpolitik in Deutschland und eine Kooperation von klimaretter.info und dem Recherchezentrum CORRECTIV. Die Redaktion finanziert sich ausschließlich über Spenden und Mitgliedsbeiträge. Ihr Anspruch: Mit gründlicher Recherche Missstände aufzudecken und unvoreingenommen darüber zu berichten. Wenn Sie CORRECTIV unterstützen möchten, werden Sie Fördermitglied. Informationen finden Sie unter correctiv.org.

11:15 15.09.2017
Geschrieben von

Annika Joeres (CORRECTIV) | klimaretter.info

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