Lasst das Öl im Boden!

Klimaschutz Die meisten Öl-, Gas- und Kohlereserven dürfen nicht verbrannt werden, wenn das Zwei-Grad-Ziel erreicht werden soll. Forscher zeigen nun, welche Länder verzichten müssen
Lasst das Öl im Boden!
Kanada sollte 85 Prozent der Ölvorräte unangetastet lassen, raten die Wissenschaftler

Foto: Mark Ralston / AFP / Getty Images

Klimaschützern ist es schon lange klar: Wenn man die Erderwärmung nicht noch weiter anfeuern will, reicht es nicht, nur über grünes Wachstum und den Ausbau der Erneuerbaren zu reden. Die Kehrseite der Umstellung der Weltwirtschaft auf einen grünen Pfad lautet: Ein Großteil der fossilen Reserven muss im Boden bleiben.

Seit Jahren skandieren Klimaschützer deshalb auf Demonstrationen "Keep the oil in the soil – leave the coal in the hole": Lasst das Öl im Boden und die Kohle in den Lagerstätten. Nun bekommt die Debatte um eine Beschränkung der Nutzung fossiler Bodenschätze durch Wissenschaftler neues Futter: Forscher des University College London haben in einer im Fachmagazin Nature erschienenen Studie konkrete Zahlen auf den Tisch gelegt.

Demnach müssen, wenn das Zwei-Grad-Limit noch mit einiger Wahrscheinlichkeit eingehalten werden soll, ein Drittel aller geschätzten Ölreserven, die Hälfte der Gasvorkommen und 80 Prozent der Kohlevorräte im Boden bleiben. Denn bis 2050 darf die Welt laut dem aktuellen Bericht des Weltklimarates nur noch 870 bis 1.240 Milliarden Tonnen Kohlendioxid ausstoßen. Würde sie die heute geschätzten Reserven verbrennen, käme sie beim Dreifachen heraus.

USA, China und Indien fast ohne Kohle

Doch nicht nur das. Die Studie sagt auch, welche Weltregion künftig noch wie viele Ressourcen aus dem Boden holen darf. Die USA etwa müssten ihre Kohlereserven fast vollständig (92 Prozent) unangetastet lassen, dürften allerdings den Wissenschaftlern zufolge ihre Gas- und Ölvorkommen nahezu komplett erschließen. China und Indien müssten zwei Drittel ihrer Kohlevorräte im Boden lassen sowie 63 Prozent ihrer Gasvorkommen und ein Viertel ihrer Ölreserven. Europa müsste auf 78 Prozent seiner Kohle verzichten, der Nahe Osten immerhin mehr als ein Drittel seiner Ölvorräte und fast zwei Drittel seiner Gasvorräte in Ruhe lassen.

Zum Maßstab der Verteilung haben die Wissenschaftler eine möglichst kosteneffiziente Klimapolitik gemacht. Das heißt, ein Teil der billigsten fossilen Rohstoffe dürfte noch verbraucht werden, die teuren dagegen nicht. Konventionelle Öllagerstätten würden demzufolge noch zum Teil ausgebeutet. Wenn aber die aufwändig und teuer zu erschließenden Teersandvorkommen der ökonomischen Kostenlogik zufolge an der Reihe wären, ist das Emissionsbudget der Zwei-Grad-Welt schon aufgebraucht.

Will die Welt günstigen Klimaschutz, dürfte Kanada zum Beispiel nur 15 Prozent seiner Ölvorkommen fördern, 85 Prozent dagegen müssten im Boden bleiben. Ab 2020, in fünf Jahren schon, müsste die Förderung bis auf "vernachlässigbare" Mengen zurückgefahren werden. In den Worten der Studie: Jegliche Ausweitung der unkonventionellen Ölproduktion ist mit dem Zwei-Grad-Ziel unvereinbar. Auch dass die Ressourcen in der Arktis unangetastet bleiben müssen, für die die Anrainerstaaten zurzeit schon die Claims abstecken, stellen die Wissenschaftler klar heraus.

Die Verteilungsfrage kommt auf den Tisch

"Wir haben nun handfeste Zahlen zu den Mengen und zur geografischen Verteilung der Ressourcen, die für das Zwei-Grad-Limit ungenutzt bleiben müssen", sagt der Leitautor der Studie Christophe McGlade vom Institute for Sustainable Resources des University College London. "Die politischen Entscheider müssen einsehen, dass ihr Wunsch, die fossilen Ressourcen in ihren Ländern vollständig zu fördern, überhaupt nicht mit ihrem Bekenntnis zum Zwei-Grad-Ziel übereingeht."

Die Zahlen der Forscher zeigen, welchen politischen Sprengstoff die internationalen Klimakonferenzen bergen, wenn die Verhandler anfangen, nicht mehr über Kohlendioxidreduktion, sondern über eine Beschränkung des fossilen Rohstoffverbrauchs zu reden.

Und noch etwas wird deutlich: Wenn einige Staaten ihre fossilen Ressourcen dennoch weiter fördern wollen, müssten sie sich die Frage gefallen lassen, so McGlade, welche anderen Staaten dafür weniger Ressourcen verbrennen sollen, damit das Zwei-Grad-Limit nicht überschritten wird. McGlade und seine Kollegen haben die eigentliche Verteilungsfrage auf den Tisch gebracht.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf klimaretter.info.

06:00 12.01.2015
Geschrieben von

Eva Mahnke | klimaretter.info

klimaretter.info ist ein unabhängiges Online-Magazin zur Klima- und Energiewende und Kooperationspartner von freitag.de
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