"Möchtest du dich nicht anziehen?"

Fragetechniken Alles nur ein Missverständnis? Suggestivfragen fragen nichts, sondern sollen etwas bewirken. Kommunikation am Scheitern - Von Kindern und Tierfreunden
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Suggestivfragen „Du bist doch auch ein Tierfreund“, suggeriert der junge Mann in rotem T-shirt stellt sich mir in den Weg, fuchtelnd mit Prospektmaterial. Im Hintergrund stehe ich den Informationsstand und seine Mitstreiter. Auch sie verbreiten geschäftig gute Laune. Werben für eine Mitgliedschaft oder eine Unterschrift, die früher oder später sich als Geldwert erweisen muss. Nein, unter diesen Bedingungen mag ich kein Tierfreund sein und bescheide ihn mit einem knappen: „ja, auf dem gedeckten Tisch“.

Ein Stück weiter, stehen die Sammler für ein Herz für Kinder. Kinder ist immer gut, sind sie doch unsere Zukunft. Und gehen somit uns alle an. Jedenfalls mehr als die Tiere. Schließlich kennen wir ja die Horrorgeschichten über hündische oder menschliche Exemplare, die einfach so über die armen Kinderlein herfallen und sie tot beißen. Von einem Kind haben wir dergleichen noch nie gelesen. Die sind und bleiben erst mal unschuldig, zumindest bis zur Adoleszent.

Eine Frau hat in den Sommerferien Besuch von ihrem 8 jährigen Enkel. Der will nach draußen zum spielen. Die Frau ruft ihm fragend zu: "Möchtest du nicht deine Mütze aufsetzen?". Der Kleine, schon auf dem Sprung ruft nee. Die Frau insistiert, dieses Mal schiebt sie das Wort 'lieber' dazwischen. Der Junge ruft nochmals nee und ist schon fast draußen. Die Frau steht auf. Ich sehe die Frau an, packe den Jungen und sage, ich glaube ich muss mal übersetzen: "Deine Oma möchte, dass du die Mütze aufsetzt, andernfalls kannst du nicht raus." Die Frau sagt ja. Der Junge sagt, "ach so", greift zur Mütze und rennt raus.

Das anderes Beispiel, es ging durch die Presse: "die Münchner Polizei hat heut früh, bei Temperaturen unter 11 Grad, im Stadtverkehr eine Radfahrerin gestoppt, die ein splitterfasernacktes Kleinkind mit sich führte. Die junge Frau gab als Erklärung für das durchgefrorene Kind an, dass ihr Töchterchen sich in der Früh nicht habe anziehen wollen und nackt mitgehen wollte und es dies wegen seiner Persönlichkeitsrechte auch habe tun dürfen."

Kindermund tut Wahrheit kund ist putzig. Zum Glück haben sie eine Lobby. Nein, viele Lobbyisten. Sie alle lieben Kinder. So wie diese beiden Frauen ihr Kind oder ihren Enkel lieben.

Die Eine argumentiert juristisch, sie vertritt die Rechte des Kindes. Das ist ihr Job, sie ist Rechtsanwältin. Die Andere, die verdiente Grundschullehrerin und Pädagogin vertritt die Meinung es gelte an der Einsicht des Kindes zu appellieren und der Imperativ eigne sich dazu nicht. Wie die Eine spricht sie sich gegen Zwang in der Erziehung aus. Sie setze auf den Diskurs, auch wenn er andauere. Sie nähme sich die Zeit, es sei ihr wichtig. Sie will ja nicht nach draußen.

Kinder sind wie Tiere. Als Projektionsfläche der eigenen Sehnsüchte, Begehrlichkeiten und Schwäche eignen sie sich hervorragend. Geldquelle für die einen, Objekt der Überzeugungslust für die anderen. Geeignet für jedwede Instrumentalisierung. Dem Kind zuliebe, der Kreatur zuliebe lässt sich die Auseinandersetzung mit den eigenen Bildern trefflich hinten an stellen.

Ich tu alles für das Kind. Unpopuläre Ansagen? Nicht mit uns! Nee, mit dem Basteln am eigenen Mutter-, Oma-, Vater- Bild hat das alles nichts zu tun. Klar, prägen wir, die Erwachsenen, die Kinder. Wir sind ihr Umfeld und wir geben die Sprache vor. Ganz so wie wir es für richtig halten. Ohne eigenen Interessen. Wir tun das doch nicht für uns. Das eigene Ich bleibt da ganz außen vor. Immer und überall nur zum Wohl des Kindes, was sonst?

17:34 08.10.2012
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Geschrieben von

kmv

kmvotteler, Berlin
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kmv

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