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Boulevardisierung Wer regt sich noch über eine Boulevard Zeitung auf? Behauptungen aufstellen und Gefühle schüren können und machen wir doch alle!
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Von Politiker sind wir populistische Aussagen, die Ängste und aktuelle Konflikte ausdrücken oder instrumentalisieren, gewohnt. In der Regel haken wir sie ab als Eigenwerbung und legen sie nicht auf die Goldwaage. „50 Stunden Arbeit, um nicht beim Staat betteln zu müssen – das sind Zustände wie im 19. Jahrhundert!“ ist solch ein Statement eines Politikers. Verwertet und publiziert in einem großen Boulevardblatt.

Nähme man das Zitat wörtlich, ergäben sich zweifelsfrei Rückfragen an den Verfasser, ob des eigentümlichen Bildes das er von Staat und seinen Bürgern malt.

„Betteln“ musste ein Bürger "beim Staat" noch nie, auch wenn die Bedienstete des Staates manches Mal erst darauf hingewiesen werden müssen. Eine Warnung sollten uns Bürger die Zustände des 19. Jahrhundert allerdings sein, als die kulturellen Errungenschaften des Sozialstaats noch nicht in unserer Gesetzgebung verankert waren. Als Existenz sicherndes Leben nur einigen Gruppen der Bevölkerung vorbehalten war, Tagelöhnerjobs die Regel, und Armut und Mangel an Arbeit noch als selbstverschuldet galten.

Kein Gesetz besagt, dass der Einzelne alle Leistungen die ein Staat bereit hält tatsächlich abrufen muss. Allerdings hat jeder Bürger einklagbare Rechte, auch das der Existenzsicherung. Ein Recht, das auch Hinweise darauf erlaubt, ob die Politik ihrer Verantwortungs- und Regulierungspflicht zwischen einzelnen Interessengruppen noch gerecht wird. In Zeiten in derleistungsgerechte bezahlte Arbeit zu einem knappen und umkämpften Gut wird bei gleichzeitig steigender Anzahl von nicht organisch verursachten Krankheitsbildern.Oder ob entsprechende Vorgaben seitens der Volksvertreter ausbleiben und der Pegel zwischen Arm und Reich unverhältnismäßig auseinanderdriftet. Und, ob mangelnder persönlicher Mut die gewählten Politiker dazu verleitet die Sündenbockfunktion zur Kaschierung eigener Ohnmacht oder persönlicher Machtinteressen zu missbrauchen.

Medien sehen sich gern als Vierte Macht im Staat, die die öffentliche Meinung mitprägen und dadurch indirekt auch auf die Politik einwirken. Vielleicht spiegeln sie lediglich Strömungen und Bedürfnisse des gesellschaftlichen Lebens wieder, das ist Auffassungssache.

Die klassische Boulevardzeitung jedenfalls erhielt ihren Namen dadurch, dass sie sich, neben den Anzeigen, kaum durch Abonnements sondern durch den Verkauf auf der Straße finanzierte. Schlagkräftige Überschriften, Simplifizierungen und Bilder zielten auf die schnelle visuelle Erfassung des Inhalts. Qualitative Merkmale waren und sind das keine. Guter Boulevardstil zeichnet sich aus durch das Erzählen von pointierten Geschichten, die in Grenzziehung zur klassischen Reportage nicht per se informieren, amüsieren und unterhalten sollten sie aber schon. Nichts ist einzuwenden gegen Meinung, bloße Behauptung und Personalisierung – erstmal.

Geschichten können gut oder schlecht erzählt werden, nüchtern-sachlich oder im boulevardesken Duktus. Genau im Wiedergeben der Einzelheiten oder großzügig ausgerichtet auf Absicht und Stimmung. Immer getragen von der Hoffnung, Zuschauer oder Leser buchstäblich zu fesseln, durch das Spiel mit den Interessen, der Neugierde, und dem Bild im Kopf.

Die Bild im Kopf. Wer schert sich noch darum, ob der 'sidekick', lediglich vorgibt etwas zu enthüllen, solange der Einstieg und die Schlagzeile stimmen? Was verkauft sich hierzulande besser, als die Schlagzeile: Gesehen auf Seite Eins der Bild-Zeitung. Springers Sturmgeschütz der Demagogie als Vorreiter für die soziale Sache?“

Die Besonderheit des Boulevards beruht auf dem gedanklichen Trennungsgebot von Information und Meinung. Sprechen wir vom gegenwärtigen Trend zur Boulevardisierung, meinen wir jenen Mix aus Nachrichten, kolportierten Hergangsgeschichten und Erzählungen aus der Opferperspektive, wie er zuletzt die Berichterstattung über die Insolvenz der Drogeriekette Schlecker prägte. Die „Schlecker-Frauen“ wurden zum gebräuchlichen Begriff in fast allen Medien. Assoziationen zu den Berliner Trümmerfrauen durchaus einkalkuliert.

Die Hoffnung und der Kampf um Aufmerksamkeit und Marktanteile. Ein Schelm, der in der medialen Vorwegnahme von Emotionen, ein letztes Aufbäumen des von Krisen geschüttelten Journalismus erkennen will. Journalisten, die sich als Sprachrohr dem vermeintlichen Betrachter/Leser/User anbiedern. Vermeintlich investigativer Journalismus der sich im Vermarkten von Einzelschicksalen und ans Licht gezerrtem Privatem erschöpft.

Weshalb bleibt die Empörung aus, angesichts der Meldung, dass ein unter deutscher Flagge segelnde Konzern steuerliche Schlupflöcher nutzt um Gelder in Milliardenhöhe den öffentlichen Kasen vozuenthalten?

Wiederspricht denn niemand, wenn eine - politische Information vermittelnde - Journalistin sich öffentlich vehement gegen das Betreuungsgeld ausspricht und einen Atemzug später hinterher schiebt, dass sie es, wenn es dann doch käme, natürlich mitnehme??? Oder wenn die Moderatorin einer Infotainment-Sendung Kindergeld für Einkommensstarke in Frage stellt, und dazu stolz verkündet, dass sie es selbstverständlich spende (... die nur auf Antrag erhältlich Leistung des Staates, KMV)

Das Schweigen im Blätterwald. Das Malen von Feindbildern. Kassandra Reloaded und alle hören gebannt zu. Allenthalben scheint es an Mut zu fehlen sich die eigene Unabhängigkeit zu vergegenwärtigen. Sieht irgendjemand sich noch als Bürger? Welche Sichtweise hat jeder einzelne von uns auf das institutionelle Gebilde, das wir Staat nennen? Wer beobachtet journalistisch im klassischen Sinne des Gatekeepers, faktisch, relevant und aktuell?

“Dick, dicker, deutsch" titelte 2007 der Spiegel einen Bericht, demzufolge in der Bundesrepublik die meisten Übergewichtigen im EU-Vergleich leben. Böse Zungen könnten nun in schönster boulevardesker Manier fragen, was insbesondere von Politikern zu erwarten sei, die schon in der Regulierung ihres eigenen Eßverhaltens an ihre Grenzen zu kommen scheinen. Oder glauben sie noch an den dicker Leib als Verkörperung von Reichtum, Wohlstand und Obrigkeit? Oder ist es nur unser aller Trägheit von alten (Selbst)Bildern dort die Obrigkeit, da der vorauseilende Gehorsam und hier die Täter/Opferschemata, zu lassen?

Zum Glück für uns alle gibt es Hoffnung: Das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz stellt sich im 'Verbraucherpolitischer Bericht der Bundesregierung 2012' optimistisch auf: „Deutschland bietet gute Voraussetzungen für ein gesundes Leben. Für jede Bürgerin und jeden Bürger in Deutschland ist es grundsätzlich möglich, gesund zu leben, sich eigenverantwortlich gesund zu ernähren und sich ausreichend zu bewegen.“ Na, denn!

1st published meta-eben.de

09:14 28.06.2012
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Geschrieben von

kmv

kmvotteler, Berlin
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kmv

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