Es gibt zwei Pastorentöchter,

Höhler & Merkel Die hatten einander nicht lieb, Sie konnten zusammen nicht kommen, Das Wasser war viel zu tief.
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Gertrud Höhler ist eine attraktive Frau. Körperbewußt, stilsicher und eloquent. Sie verkörpert dem Augenschein nach grandios, was öffentliches Auftreten sein kann, die in Szene gesetzte Einheit von Eleganz und Intelligenz.

Angela Merkel ist der Antipode, die Quadratur der weiblichen Statur. Eine kastenförmige, im Hosenanzug gewandete Figur, scheinbar unbeholfen und ambivalent der eigenen Körperlichkeit gegenüber. Aber was scheren Äußerlichkeiten, wenn es um Politik, Macht und Deutungshoheiten geht?

Zwei Pastorentöchter, die Eine geboren 1941 in Wuppertal, die Andere 1954 in Hamburg. Jetzt hat die Eine über die Andere ein Buch geschrieben, das - wie wäre es anders denkbar - aufgrund sorgsam stilisierter Wortgirlanden sich der angestrebten medialen Aufmerksamkeit gewiss sein kann.

Eine Weile liegt „Die Patin“ ungelesen neben mir. Nicht zuletzt der mediale Hype um das Buch der Familienministerin Kristina Schröder, gebietet mir Zurückhaltung. Mein Verständnis ihrer Aussagen, was nicht zu verwechseln ist mit Meinung dazu, entsprach nicht den Interpretationen die große Teile mediale Welt als Informationen verkaufte.

Das was ich bislang als herausgerissene Zitate über beispielsweise 'Führungsstil' aus 'Die Patin' zu hören bekomme unterscheidet sich kaum von dem, was sich an anderer Stelle oder in anderen Großunternehmen abspielen dürfte. Führungskräfte setzen gemeinhin auf Autorität und üben sie aus, dem eigenen Überleben geschuldet. Mit vielen Mitteln, auch auf vorauseilenden Gehorsam spekulierend.

Wer weiß, vielleicht befinden sich neben den heutzutage üblichen, gezielt eingesetzten provokativen Thesen mit denen Medien konkurrieren, tiefergehende Überlegungen und Einordnungen, wie ich sie so noch nicht gesehen habe. Hin-und Hergerissen bin ich jetzt schon. Wie gesagt, mir gefällt Gertrud Höhler. Jedoch ist mir ist der unaufgeregte Politikstil von Angela Merkel genehm.

Beide Frauen benötigen den Willen zur Macht, Disziplin und Kontur um das zu sein, was sie in der Öffentlichkeit vertreten und darstellen. Einer Angela Merkel wäre es nie einfallen sich von Anna Leibowitz in Reithosen, das erwachsene Kind, zu Füssen liegend, fotografieren zu lassen, wie es Gertrud Höhler, werbend für eine große amerikanische Kreditkarte, tat. Vielleicht hatte Höhler auf das falsche Pferd gesetzt als sie, mit dem der Zeit geschuldeten Makel der unehelichen Mutter ausgerechnet in der CDU Karriere machen wollte.

Ich bin überzeugt, dass es Merkel zum Vorteil gereicht in der ehemaligen DDR aufgewachsen zu sein. Viele Personen wurden früh dahingehend sozialisiert zwischen gesellschaftlicher Teilnahme und Privatleben zu unterscheiden. Inbegriffen die Selektionsmechanismen derer sich ein Amtsträger oder eine Person des öffentlichen Interesses sich bedienen muss, dass genau dies jedoch nicht zum Thema wird. Ein Problem, das hier erst mit dem Aufkommen der medialen Kommunikation und den Social Media verstärkt in das Bewusstsein der öffentlichen Debatten gerückt ist.

Die Lektüre -mittlerweile habe ich Die Patin gelesen - verstärktden Eindruck, die beiden Frauen für sehr unterschiedliche Denkstile stehen. Das Buch ist in weiten Teilen im Stil eines griechischen Heldenepos geschrieben, allerdings mit umgekehrter Attribuierung. Die Heldin oder die Dämonin, als Akteurin einer Geschichte die Zukunft gerichtetethische und moralische Fragestellungen und –ängste bedient. Das ist legitim und auch ein wenig populistisch. In keinem Fall ist es der (natur-)wissenschaftlich ausgerichtete, funktionsbezogene Blick der danach strebt institutionellen und strukturellen Realitäten gerecht zu werden mit der Frage nach dem Machbaren im Hier–und-Jetzt.

Im Großen und Ganzen scheinen mir die Denkstrukturen von Angela Merkel besser zu einer Welt und Gesellschaftsstrukturen zu passen, die sich jedweder eindeutigen Beschreibung entzieht. Allerdings auch für Achilles, um bei der griechischen Antike zu bleiben, war es eine Frage der Zeit als unverwundbar zu gelten, bis seine Schwachstelle, die Ferse, ihn sein (Helden)Leben kostet.

Möglich, dass Höhler, indem sie Merkel vorwirft keine Werte zu verkörpern, die Schwachstelle der Bundeskanzlerin aufzeigt. Bislang hat Angela Merkel an der Schnittstelle zu Personalentscheidungen zumindest zweimal einen Faux Pas hingelegt. Einmal mit der an das Wahlvolk gerichteten Bemerkung, sie habe den ex-Verteidigungsminister zu Guttenberg nicht als wissenschaftlichen Mitarbeiter eingestellt. Zweitens, als sie sich für den Berufspolitiker Wulff aussprach um das Amt des Bundespräsidenten zu bestellen.

Nach Siegmund Freud gehört das Erziehen und das Regieren zu jenen “‚unmöglichen‘ Berufen, in denen man des ungenügenden Erfolgs von vornherein sicher sein kann.“ Beide Disziplinen stehen in der Pflicht sich dafür einzusetzen ungewünschte Resultate zu verhindern. Angela Merkel antwortete irgendwann in den 90er Jahren sinngemäß auf die Frage, was der Unterschied zwischen Wissenschaft und Politik sei, dass der Wissenschaftler sagen könne, er schlage sich mit einem Problem herum, während der Politiker nach Möglichkeit nicht von Problemen sprechen solle.

Reflexion, egal in welchem Bereich und zu welchem Thema beginnt in der Tat mit der Skizzierung eines Problems, das argumentativ einer Lösung und Bewertung zugeführt wird. Die Nachvollziehbarkeit dient als Vehikel. In der Umsetzung leben Erziehen und Regieren davon, dass ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht nur gehandelt, sondern darüber hinaus ein Wert verkörpert wird. Um entweder einen ‚shitstorm‘ auszulösen oder für ‚leadership‘ bejubelt zu werden.

überarbeitet

1st published meta-eben.de

11:49 24.08.2012
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Geschrieben von

kmv

kmvotteler, Berlin
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kmv

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