Gefühlte Finsternis

Transparenz In Zeiten des www erleben wir die rasche Abfolge von skandalträchtiger Schlagzeile und aufgeregter Betroffenheit in Form von #Aufschrei', Shitstorm und Online-Petition.
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In vor-digitalen Zeiten waren Skandale und Affären in ihrer Reichweite und ihren Ausmaßen begrenzt. Falls die angeprangerten Verfehlungen über die Selektions-mechanismen der Medien den Weg an die Öffentlichkeit überhaupt fanden. Dümmer oder klüger verhielten wir uns deshalb noch lange nicht.

Mitbürger die Arbeitslosengeld II in Anspruch nehmen sind von Amtswegen scheinbar gläserne Menschen. Von Kontoauszügen über (Mangel an) Vermögenswerte bis hin zu ihren tatsächlichen Lebensumständen - viele der ehemals der Persönlichkeitssphäre zugerechnete Details müssen in der einen oder anderer Form offengelegt und kommuniziert werden.

Im Großen und Ganzen greift jedoch der Datenschutz und die Privatsphäre ist abgesehen von der eingeschränkten finanziellen Teilhabe an gesellschaftlichen Angeboten, intakt. Das in den Augen der Anderen soziale und moralische Stigma einer Normverletzung zelebriert sich eher in der medialen Repräsentation als im konkreten Alltagsgeschehen.

‚Öffentliche Personen‘ wiederum, die durch eine bestimmte politische oder künstlerische Funktion, oder aus moralischem Geltungsdrang im Licht der Öffentlichkeit stehen oder dieses suchen unterliegen kaum einer gesetzlichen Transparenzaufforderung. Ihre Währung ist Aufmerksamkeit und ihre 'Geschäftsgrundlage' ist die Ihnen zugesprochene Glaubwürdigkeit oder neudeutsch Authentizität.

In vor-digitalen Zeiten war es Personen möglich, einerseits frugal das Alltagsleben zu gestalten und andererseits in praller Lebenslust andernorts diversen (nicht einsehbaren) Lüsten zu frönen. Macht in Kombination mit Geld wurden zu keiner Zeit offen zur Show gestellt, sondern wird im Verborgenen ausgeübt und erwirtschaftet oder ausgegeben.

In Zeiten der Forderung nach Transparenz und des Web 2.0 ist es vorbei mit dem doppelten Leben, der Anonymität und des ‚secret live‘. Auf die Wahrung der Persönlichkeitsrechte durch die in heftigem Konkurrenzkampf liegende journalistischer Zunft jedenfalls ist kein Verlass mehr.

Nicht umsonst gelten Pressebetriebe von jeher als Tendenzbetriebe, da der Verleger die publizistische Grundhaltung des Erzeugnisses festlegt und selbst die innerbetriebliche Transparenz durch Tendenzschutzbestimmungen geregelt ist. Weniger denn je sind Presseorgane eindeutig in ‚gut oder böse‘, sprich ‚links oder rechts‘, ‚Qualität oder ‚Boulevard‘ einzuteilen. Der Wettbewerb ist hart und die Handhabung jenes Rechts entpuppt sich in der Praxis allzu oft als Einzelfallentscheidung mit intransparenten Motiven und Verflechtungen, die, wie im Fall Wulff zu Spekulationen anregen.

Wir, die Öffentlichkeit, die wir den Protagonisten des medial inszenierten Lebens zuschauen oder dieses neuerdings kommentierend begleiten, beurteilen Personen die im Rampenlicht stehen. Wir messen sie an Prinzipien des eigenen Unrechtsbewusstseins oder an den gängigen gesellschaftlichen Normen und Werten.

‚Volkes Stimme‘, ‚der Mann auf der Straße‘. Nie war es so einfach Mehrheiten für unsere Stimme zu suchen und zu finden. Wie verbünden uns unverbindlich, ohne Ansehen der Person, klickend mit anderen Interessengruppen und mit Hilfe einzelner oder mehreren Medienbetrieben.

Beim Geld, bei der Macht und bei der Moral hört für die meisten von uns der Spaß auf. Vergessen sollten wir dabei allerdings nicht, dass die persönliche Grenze, die jeder in diesen Debatten zieht eine sehr persönlich ist.

Wer sein öffentliches Leben lang ausgeteilt hat, dafür Beifall noch und nöcher erhalten hat, wird in den seltensten Fällen, wenn er selbst zur Zielscheibe moralischer Prämissen wird, sich selbstkritisch in den Mittelpunkt stellen. Der Täter wird zum Opfer oder macht sich dazu.

Andererseits sind diejenigen die Beifall zollten und ihre Überzeugung an der Person und nicht in der Sache begründet verankern nicht davor gefeit, dass die zur moralischen Instanz erhobene Person fällt und damit die eigene zur Schau gestellte Präferenz. Angesichts der Fehlbarkeit der menschliches Natur entpuppt sich so ein Schulterschluss schon mal als missliches Unterfangen. Obwohl, trägt das Denken in moralischen Kategorien dies sowieso nicht in sich?

Nein, natürlich ist das sogenannte Lebenswerk Alices Schwarzers nicht in Gefahr, nur weil sie sich über die bürgerliche Steuerpflicht stellte. Natürlich hat von Guttenberg fachliche Qualitäten, auch wenn seine wissenschaftliche Promotionsarbeit nicht den Anforderungen entsprach. Und Käsmann war niemals tiefer gefallen, als von einer Funktion in die andere. Und im bestn Fall hat jener ‚gläserne‘ Arbeitslosengeld II Bezieher ein soziales Netzwerk entwickelt, das ihn schützt.

Die Fragwürdigkeit des individuellen Fehlverhaltens oder der zu problematisierenden Strukturen bleibt davon unberührt. Die justiziable Bewertung der Höhe oder der Geringfügigkeit einer Verfehlung allerdings liegt in den Händen unseres Rechtstaats - dessen Vertreter sicherlich von der Multiplikation der auf sie gerichteten Augen nicht unbeeinflusst bleiben.

Jeder von uns, der sich in der digitalen Welt tummelt, ist ‚den Augen der Anderen‘, also der unbestimmbaren Öffentlichkeit in demselben Maße ausgeliefert. Dem schnelle YouTube Erfolg ebenso wie dem Cybermob.

Viele, die ihre Stimme im Netz erheben beanspruchen die Anonymität und verweisen, die eigenen (Ur)Ängste abstrahierend auf die die NAS, KGB, GESTAPO, STASI, NSA, FBI, CIA, BND.

Zeigt nicht gerade der Blick auf die Geschichte, dass diese Institutionen und der Fingerzeig eines Nachbarn, die (un)bedachte Äußerung aus der engeren Familie oder das (Un)Rechtsbewusstsein derjenigen die sich ebenfalls abstrakten Werten verschrieben haben Hand in Hand gehen? Wenn es darum geht einen anderen an den Pranger zu stellen oder eine andere zu denunzieren?

Die Heftigkeit und die Emotionalität der Wortmeldungen ist keine Charakteristik der Neuzeit. Neu ist die Dynamik, die mittels Facebook und anderen sozialen Medien oder digitalen Techniken ins Spiel kommt um eine mediale Lawine ins Rollen zu bringen.

Der öffentliche, medial inszenierte Aufschrei. Mit Klarnamen und ohne Visier sind der oder die Betroffene, die vormals Bewunderte oder der sowieso Verabscheute, jener Öffentlichkeit preisgegeben. Ihre Familie, Ihre Mitarbeiter, Ihr gesamtes Umfeld. Täter und Opfer, und Opfer und Täter. Wer ist wer im rasanten medialen Spiel?

17:59 04.02.2014
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Geschrieben von

kmv

kmvotteler, Berlin
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kmv

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